27. Dezember 2017

Sommerfrische

Ein ausgebrannter Journalist *** ein vermisster Freund *** ein mächtiger Zuhälter *** ein tierlieber Killer *** ein dunkles Geheimnis in einer nachtschwarzen Stadt

Sommerfrische ist ein sehr lesenswertes Buch, auch oder vor allem für den Winter – es heizt ein!
Sommerfrische ist ein sehr lesenswertes Buch, auch oder vor allem für den Winter – es heizt ein!
Lesezeit 2 Minuten

Wien im Hochsommer, die Stadt glüht und droht, im eigenen Saft wegzubruzeln. Zu allem Übel macht ein irrer Feuerteufel Jagd auf die sozialdemokratische Politprominenz. Just in diesem Moment kehrt der Ex-Journalist Carl Sandtner von Zürich in seine Heimatstadt zurück. Ihm ist klar, dass die letzten Jahre Spuren an ihm hinterlassen haben «wie ein tollwütiger Fuchs in einer Legebatterie». Und offensichtlich nicht nur an ihm: Denn sein ehemals bester Freund Benny ist spurlos verschwunden. Getrieben von persönlicher Schuld und der Hitze der Stadt, macht Carl sich auf die Suche nach Benny. Und bald geht es ums nackte Überleben.

In seinem Debütroman Sommerfrische verdichtet der Wiener Autor Harald Schodl aktuelle politische und soziale Brennpunkte zu mehreren rasanten Erzählsträngen, die anfangs scheinbar unabhängig nebeneinander herlaufen, sich dann aber im Eiltempo aufeinander zubewegen, bis sie im finalen Showdown explosiv aufeinanderprallen. Gerade in den momentan unsicheren Zeiten, geprägt von Fremdenfeindlichkeit und europaweitem Rechtsrutsch sowie der Unfähigkeit, handlungsfähige Regierungen zu bilden, kommt es einem vor, als würde der Plot zur kriminellen Realsatire mutieren.

Schodl verwendet Bilder, die vielleicht manchmal ein bisschen drüber sind, die einen aber die Charaktere wunderbar erfassen lassen und dem Leser ständig ein verstehendes Grinsen ins Gesicht zaubern: Er «inhalierte den Zigarettenrauch tief bis in die letzten Ausläufer seiner Lungenflügel, als wäre er ein auf Kokablättern kauender Konquistador auf der Suche nach dem sagenumwobenen Eldorado», oder: «Seine dünnen, überlangen Schnurrbarthaare wackelten dabei wie die Fühler eines Insekts in den Sturmböen eines herannahenden Sommergewitters».

Hinzu kommen morbider Lokalkolorit, Luden- und Verbrecherspitznamen wie Zucker-Pauli, Satin-Schorsch, Sushi-Jürgen und ein Schlagerstar namens Ernstl Che Kiwara, wie es sie nur in Wien geben kann. Der eine «stöhnt wie ein brünstiger Hirsch in einem nebligen Auwald», dem anderen hängen «die langen, flaumigen Einsiedlerhärchen über die Oberlippe, die stets knallrot und feucht war, als wäre sie die glitschige Schleimspur einer Nacktschnecke». Frauen sind schön, verzweifelt und kaputt, haben Wut im Bauch und Beinprothesen oder Brüste wie Fallobst «wie zwei Weintrauben, die sich in der prallen Sonne in Rosinen verwandelten». Ganz Wien hat Dreck am Stecken und konsumiert Koks, wie andere Smoothies schlürfen. Täter sind Opfer und umgekehrt.

Schodls rasante Klartextsprache und sein trockener Humor sind nichts für Weicheier, machen aber Lust auf eine Fortsetzung.

Auf Youtube liest der Autor Szenen seines Buches im Wiener Slang. Einmal gehört, kriegt man den Sound nicht mehr aus dem Ohr und erlebt das Buch gleich nochmal anders – als sei man mittendrin im Sumpf.

Bei Ex Libris: Sommerfrische
Autor: Harald Schodl
Verlag: Text/Rahmen

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