26. Juli 2017

Sommerferien in Seoul

Seoul gehört zu den am meisten unterschätzten Hauptstädten Asiens. Am besten plant man für die koreanische Kapitale gleich eine ganze Woche ein.

Gyeongbokgung
Der Bau des Gyeongbokgung-Palastkomplexes geht bis auf 1395 zurück. Die Koreaner benützen den Besuch, um sich in traditionellen Kleidern zu präsentieren - ein farbenfrohes Fotomotiv.
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Singapur und Hongkong liefern sich seit Jahren einen Wettbewerb darüber, welche die attraktivere Grossstadt ist, während die thailändische Hauptstadt Bangkok mit immer mehr trendigen Restaurants und Boutiquehotels lockt. Das gilt auch für Schanghai. Werde ich gefragt, ob ich Singapur oder Hongkong empfehle, antworte ich seit ein paar Wochen mit Seoul! Die koreanische Hauptstadt – sie stellt einen der fünf grössten Ballungsräume der Welt dar - ist unglaublich reich an Sehenswürdigkeiten und drängt sich geradezu auf, um mindestens eine Woche lang Ferien zu machen. Nur ist das viel zu wenigen wirklich bewusst.

Wo anfangen in dieser Stadt mit fast zehn Millionen Einwohnern? Um sich eine Übersicht zu verschaffen, empfehle ich, als Erstes den Namsan-Park zu besuchen. In dieser hügeligen Grünanlage, wo die Einheimischen gerne joggen oder spazieren gehen, steht der über 200 Meter hohe N Seoul Tower. Der Namsan selbst ist bereits 243 Meter hoch und hilft, die Stadt mit ihren Quartieren ein wenig zu verstehen (Bild oben). Den Eintritt auf den Turm kann man sich eigentlich ersparen, denn auf dem Berg gibt es genügend Ausblickmöglichkeiten, die vom Turm aus nicht so viel spektakulärer aussehen. Anreise: entweder mit dem Bus, der Seilbahn (Stadtteil Myeong-dong, gleichnamige U-Bahn-Station) oder für besonders Sportliche zu Fuss. Die U-Bahn ist übrigens das beste Verkehrsmittel, um sich in der Stadt fortzubewegen. Sie ist zuverlässig, preiswert, schnell, blitzblank (Bild unten) und auch für westliche Nasen verständlich.

Seoul ist die Stadt der Märkte, Korea mit den nationalen Spezialitäten wie Kimchi (vereinfacht gesagt die koreanische Version von Sauerkraut, das mit Chilli aufgepeppt wird) oder Bulgogi (grilliertes, in Sojasauce mariniertes Rindfleisch) das Land des Essens. Auch für Seoul gilt: kein Besuch, ohne den wirklich köstlichen Streetfood ausprobiert zu haben. Es locken zahlreiche Märkte, wo man die frischen Speisen essen kann, ohne befürchten zu müssen, sich den Magen zu verderben. Der beliebteste, grösste und mit über 100 Jahren älteste ist der Kwangjang-Markt (U-Bahn-Station Jongno). Es ist der ideale Ort, um die kulinarische Seite Seouls bei einem Mittagessen kennenzulernen. Manche Marktfrauen lassen sich dabei auch sehr gerne fotografieren. Auf dem Bild unten links sieht man aufgetürmte Blutwürste.

Nur zwei, drei Gehminuten von diesem traditionellen Markt entfernt, befindet sich ein künstlich angelegter Kanal (Bild unten) - für gestresste Manager, Pensionierte und kleine Fische das richtige Naherholungsgebiet. Und auch Touristen finden in dieser grünen Oase mitten im Grossstadtdschungel Gefallen.

Den Kanal kann man auch als Bindeglied zwischen dem Kwangjang-Markt und Dongdaemun betrachten. Das alles lässt sich zu Fuss erkunden. Dongdaemun Design Plaza (DDP) befindet sich im Stadtbezirk Jongno und begeistert mit der wuchtigen Architektur von Zaha Hadid. Hier befinden sich ein Designmuseum, riesige Einkaufspaläste und Boutiquen: das moderne Gesicht von Seoul (Bild unten).

Abwechslung zur Moderne gefällig? Der Changdeokgung-Palast (Bild unten) figuriert seit 1997 auf der Unesco-Weltkulturerbeliste und gehört zu einem von fünf noch erhalten gebliebenen Königspalästen in der südkoreanischen Hauptstadt. Hier lebten bis 1989 die letzten Mitglieder der königlichen Familie. Der weitläufige Palastkomplex, dessen Besichtigung gut zwei Stunden in Anspruch nimmt, wird von Koreanern zum Anlass genommen, in der Kleidung von damals aufzutreten - was für fotografierende Touristen schöne Motive gibt (Bild unten). Der erste und zugleich grösste Palast heisst Gyeongbokgung (Einstiegsbild unter dem Titel) und bedeutet so viel wie strahlende Glückseligkeit. Auch hier wieder: Die Koreaner zeigen sich in historischen Gewändern, die Anlage ist riesig, und deren Besuch benötigt entsprechend Zeit.

Nach so viel Kultur wird es wieder Zeit für einen Strassenmarkt: Die besten Dumplings, asiatische Teigtaschen also, habe ich im Namdaemun-Markt (gleichnamige U-Bahn-Station, Bild unten) gefunden. Die Spezialität wird frisch zubereitet und kann auch über die Gasse als ideale Zwischenmahlzeit mitgenommen werden. Vorsicht: An den köstlichen Dingern kann man sich die Zunge verbrennen. In diesem Markt, der sich zwischen der Station Myeong-dong und dem Hauptbahnhof (Seoul Station) befindet, kann man aus über 10'000 Läden auswählen.

Wegen der zentralen Lage tummeln sich hier auch viele Touristen. Fährt man jedoch ostwärts zum Gyeongdong-Markt (Bild unten), ist man fast nur noch unter Koreanern. Dieser Markt ist der ideale Ort, um Produkte aus der koreanischen Kraftwurzel Ginseng einzukaufen. Restaurants gibt es in diesem Stadtgebiet nur wenige, was für Seoul etwas heissen will. Und die Passanten sprechen hier eher selten Englisch. Wer notabene gerne einen geführten, kostenlosen Stadtrundgang buchen möchte, sollte sich an visitseoul halten. Wochentags finden diese um 10 und 14 Uhr statt, am Wochenende um 10, 14 und 15 Uhr.

Seoul befindet sich in Grenznähe zu Nordkorea. Das Grenzgebiet ist als DMZ (demilitarisierte Zone) mit dem Ort Panmunjeom 62 Kilometer nordwestlich von Seoul, bekannt. Hier wurde 1953 ein Waffenstillstandsabkommen zwischen Nord- und Südkorea unterzeichnet. Auf einer geführten Tour kann man sich dieses Gebiet, das auch jetzt immer wieder für Schlagzeilen sorgt, in einem halben Tag anschauen. Höhepunkte sind der Ausblick auf Nordkorea (im Bild links die nordkoreanische Flagge, rechts die südkoreanische) und unterirdische Schächte, die die Nordkoreaner in geheimer Mission bauten, um von dort Südkorea zu attackieren. Ich habe bei Seoul City Tour gebucht und bezahlte für den Ausflug (11 bis 17.30 Uhr) 48'000 Won oder umgerechnet 41 Franken (ohne Mahlzeiten).

Seoul ist übrigens sehr preiswert, im Vergleich etwa zu japanischen Grossstädten. Das zeigt sich bei den Eintrittspreisen zu den Sehenswürdigkeiten (der Eintritt zum Changdeokgung-Palast kostet umgerechnet Fr. 2.60), bei Taxifahrten (15 Minuten umgerechnet je nach Verkehrslage weniger als zehn Franken), aber auch beim Essen. Sehr einladend sind die Nachtmärkte: Rund um die Station Myeong-dong, westlich der gleichnamigen katholischen Kathedrale, reihen sich unzählige Stände auf (Bild unten). Katholisch sind mittlerweile mehr als zehn Prozent der Südkoreaner. Der asiatische Gesamtschnitt liegt bei 3,3 Prozent.

Seoul-Reisenden empfehle ich, auch in Myeong-dong zu wohnen. Ich habe das familiengeführte Vier-Sterne-Hotel Pacific Hotel (Zimmer ab 90 Franken, ohne Frühstück) ausgewählt und war mit dem Preis-Leistungs-Verhältnis sehr zufrieden. Das Hotel ist zentral und doch ruhig in einer Seitenstrasse gelegen und hat in der Nachbarschaft zahlreiche Läden, wo man sich ein Frühstück einkaufen kann. Ganz in der Nähe befindet sich das Einkaufshaus Uniqlo, die japanische Version von H&M - mit dem Unterschied, dass diese Klamotten in Europa weniger getragen werden. Die Preise sind tief, die Qualität stimmt meistens, obschon viele Produkte «Made in China» sind.

Und gleich noch ein Tipp, mit dem man Geld sparen kann, ohne auf die Qualität zu verzichten: Turkish Airlines bietet exzellente Verbindungen ab Zürich via Istanbul nach Seoul an. Tickets gibt es ab rund 800 Franken. Auch die Business-Class ist deutlich preiswerter als bei der Konkurrenz.

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