23. Februar 2019

So schön hässlich

Unsere Stadt-Land-Kolumnistin ist für mehr Mut zur Hässlichkeit. Solange sie ihr nicht im Spiegel entgegenlacht.

Graffiti
In einer Stadt sind nicht alle Ecken schön – und auch nicht alle Graffiti. (Bild: unsplash.com)
Lesezeit 2 Minuten

Es gibt da einen Song, dessen Refrain geht so: «Guten Morgen, Berlin, du kannst so schön hässlich sein.» Regelmässig montagmorgens, wenn ich in Zürich ankomme, die Strassen verregnet sind und der Himmel grau ist, kommt mir diese Strophe in den Sinn. Guten Morgen, Zürich ... In einer Stadt sind wirklich nicht alle Ecken schön. Manche sind, wie im Song, schön hässlich. Und manche sind einfach nur hässlich. Ich finde das ganz okay. Generell bin ich für mehr Hässlichkeit. In Zeiten von Instagram und Photoshop tut es meinen Augen gut, mal etwas durch und durch Unästhetisches zu betrachten. Und zu merken: Auch diese abgefuckte Sitzbank hier hat eine Daseinsberechtigung.


Neulich lag ich gar nicht schön mit Grippe im Bett. Irgendwann fühlte ich mich fit genug fürs Nachmittagsprogramm eines deutschen Fernsehsenders. Da läuft seit Kurzem eine Beauty-Doku-Soap namens «Makel? Los!». Es geht darum, dass Leute mit einem Schönheitsproblem bei Experten vorstellig werden. Sie bemängeln ihre eigenen abgebrochenen Haare, missglückten Tattoos, Narben, Schlupflider, Pigmentstörungen, Pickel, Gesichtshaare – die Liste an Unperfektem ist lang. Das Expertenteam, bestehend aus Friseuren, Kosmetikerinnen und Dermatologen, bietet Hilfe. Ich war empört. Makellos? Das ist doch nicht erstrebenswert!


Ich schaute es mir trotzdem an. Und musste zugeben, dass ich die Narben und Pickel auch loswerden wollen würde. Das machte mich noch empörter. Hässlich ist okay an anderen, aber nicht an mir? Es ist leider wahr: Zahnlücken finden wir süss, solange sie nicht uns im Spiegel entgegenlachen. Abgefuckte Sitzbänke sind gut, solange sie nicht neben unserem Haus stehen. Schön hässlich, oder?

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