11. August 2017

So geht frau fremd

«fremdgehen» von Michèle Binswanger ist ein feministischer, wichtiger Text über die Funktionsweise des weiblichen Begehrens – verpackt in ein Buch mit reisserischem Titel. Dieses dürfte die Geister spalten.

Beim Lesen in der Öffentlichkeit muss man sich auf verstohlene Blicke gefasst machen.
Lesezeit 3 Minuten

«Julia glaubte an die dauerhafte und innige Beziehung zu einem Menschen, (...) zu Marco. Sie führte das Leben, von dem junge Frauen träumen: Sie war Mitte 30, hatte zwei Kinder, eine Karriere, ein Haus – ihr Leben so süss wie eine reife Sommerfrucht. Und sie begegnete Oliver, und alles, was sie sich aufgebaut hatte, zerplatzte an einem Nachmittag. Oder vielmehr nach allem, was nach diesem Nachmittag folgen sollte. (...) Oliver bedeutete ihr nichts, aber das Erlebnis bedeutete ihr alles. Weil es ihr ein paar unbequeme Wahrheiten bewusst machte. Zum Beispiel, dass sie in der Ehe mit Marco unglücklich war.»

So und ähnlich tönen die Geschichten im Buch «fremdgehen» von Michèle Binswanger. Im Mittelpunkt steht immer der Seitensprung. Frauen, die fremdgehen, sind zahlreich, doch niemand schreibt darüber, weil es ein Tabu ist, so Binswanger. Darum erzählt sie die Geschichten von modernen Frauen wie Julia, von historischen Fremdgängerinnen, lässt Paartherapeuten und Psychologen zu Wort kommen. Mit dem Ziel, zu verstehen, warum Frauen fremdgehen, wie sie es tun, wie sie es verheimlichen und was sie davon mitnehmen.

Frauen erzählen von ihren Seitensprüngen

Man liest über Angelika, die sich immer kurz vor dem Seitensprung zurückzog, weil sie sich selbst beherrschen und kein schlechtes Gewissen haben wollte, und am Ende doch fremdging. Oder von Luise, die sich eingestehen musste, dass mehrere Beziehungen gleichzeitig zu führen keineswegs einfacher ist als eine monogame Zweierbeziehung. Die meisten der Frauen gestanden sich irgendwann ein, dass sie gewisse Gefühle und Begehren unterdrückt hatten und diese nun durch das Fremdgehen ausleben konnten. Aber wird es dadurch gerechtfertigt?

Im Buch geht es auch um Gleichstellung. Denn Frauen werden beim Fremdgehen anders verurteilt als Männer, so Binswanger. Während bei Männern – laut Klischee – der Trieb schuld ist und sie das «halt einfach so machen», wird bei Frauen an die Moral appelliert. Nicht nur die Partner verurteilen die Betrügerinnen, sondern vor allem auch andere Frauen und sogar Freundinnen.

Das soll aufhören, und darum müssen Frauen eben verstehen, wie ein Seitensprung zustande kommt, das ist die Absicht von Binswanger. Trotz der Wichtigkeit der Gleichstellung: Ist ein Seitensprung richtiger, nur weil er gleichberechtigt ist?

Bist du schon einmal fremdgegangen?

Was liefert das Buch?

Die Aufforderung zum Fremdgehen mag für einige Leser*innen abstossend wirken, gerade für bereits betrogene Frauen. Wie erfüllend muss ein Seitensprung sein, damit er das grauenhafte, abscheuliche Gefühl am nächsten Morgen, das Gefühl der Schuld und des Versagens übertreffen kann? Die Tipps für den richtigen, geplanten Seitensprung hinterlassen einen fahlen Nachgeschmack. Eine Fremdgeherin rät zum Beispiel, sich ein zweites Handy zuzulegen und sich genau zu überlegen, wen man als Alibi einweiht.

Hingegen sind die Erläuterungen über die weibliche Sexualität spannend. Diese wurde lange aus einem männlichen Blickfeld – von Männern – erforscht. Doch funktioniert sie gänzlich anders, wie Binswanger mit Studien belegt. Zum Beispiel, dass der weibliche sexuelle Trieb auf zwei Ebenen basiert: der körperlichen und der mentalen. Ein Bild, das das Hirn erregt, sorgt nicht unbedingt für erhöhten Blutfluss in den weiblichen Sexualorganen, was dazu führt, dass Frauen und ihre Sexualität nicht immer berechenbar sind. Vor diesem Hintergrund müsste das weibliche Begehren ganz anders erforscht werden, schreibt Binswanger.

Das Buch will gleichzeitig Ratgeber, Plädoyer für die Gleichstellung und Sachbuch über die weibliche Sexualität sein: Erzählungen von Frauen mischen sich mit historischen Geschichten, Tipps und Expertenmeinungen, der Leserin fehlt es dabei an Orientierung. Trotzdem ist das Buch lesenswert: Auch wer keinen Seitensprung in Erwägung zieht, erfährt, wie es andere tun, kann teilweise die Gründe dafür nachvollziehen, aber vor allem denkt man über sich selbst, seine Bedürfnisse und die eigene Beziehung nach.

«fremdgehen» von Michèle Binswanger erscheint am 11. August im Ullstein-Verlag, 240 Seiten, 16.70 Franken bei Exlibris

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