14. Mai 2018

So geht Familie

Mutter, Vater, Kinder – so wurde Familie einstmals definiert. Heute gibt es zahlreiche Modelle, in denen Erwachsene und Kinder zusammenleben. Zum Internationalen Tag der Familie am 15. Mai stellen wir einige von ihnen vor – getreu dem diesjährigen Motto «Familien und integrierende Gesellschaften».

Lesezeit 1 Minute

DIE REGENBOGENFAMILIE

Patricia (links) und Ivonne Max mit ihren Söhnen Adrian und Julian
Patricia (links) und Ivonne Max mit ihren Söhnen Adrian und Julian (rechts).

Überall nur Wohlwollen

Der grösste Unterschied zwischen einer Regenbogenfamilie und dem klassischen Modell mit Mutter und Vater? Ganz klar die Bürokratie, finden Patricia (50) und Ivonne Max (43). «Viele Computersysteme sind auf zwei Mütter oder Väter schlicht nicht ausgerichtet», erklärt die Sozialarbeiterin Patricia Max, «es braucht dann immer aufwendige Sonderlösungen, damit wir beide als Eltern korrekt vermerkt sind.» Am Willen der Behörden mangle es jedoch nie. «Sie sind immer ehrlich bemüht, uns zu helfen.» Auch sonst stossen die beiden Frauen mit ihren Söhnen Julian (8) und Adrian (5) rundherum nur auf Wohlwollen und sind bestens integriert, in ihrem Wohnquartier in Luzern ebenso wie in ihren Jobs und an der Schule ihrer Kinder.

«Natürlich stellt sich bei Neubegegnungen immer wieder die Frage: Sage ich es? Wie sage ich es?», erklärt die Hebamme Ivonne Max. «Wenn ich bei den Geburtsvorbereitungskursen vor mehreren Heteropaaren sitze und mich vorstelle, erwähne ich, dass ich zwei Kinder habe, mehr nicht.» Werde dann später nach ihrem Mann gefragt, sage sie aber schon, dass sie eine Frau habe. «Einige geben sich damit zufrieden, andere wollen mehr wissen, und manche stellen Fragen, die mir dann fast zu intim sind», sagt sie und rollt mit den Augen. «Ich frage ja bei Heteros auch nicht nach, wie der Zeugungsmoment ganz genau ablief.»

Massgeblich daran beteiligt war ein guter Heterofreund von Ivonne Max, der sein Sperma zur Verfügung stellte. «Als Hebamme weiss ich natürlich genau, was zu tun ist, und beide Male hat es jeweils im zweiten Anlauf bereits geklappt.» Da die beiden Frauen damals ihren Lebensmittelpunkt offiziell noch in Deutschland hatten – Ivonne lebte in Frankfurt am Main, Patricia pendelte jeweils an den Wochenenden aus der Schweiz zu ihr –, wurden sie als gleichberechtigte Elternteile anerkannt. Dies taten nach einigem Hin und Her auch die Schweizer Behörden, obwohl die Stiefkindadoption hier erst seit Anfang des Jahres möglich ist. «Ein grosser Schritt vorwärts», findet Patricia Max, «aber richtig gleichgestellt sind wir erst mit der Ehe für alle. Ich hoffe, dass es da endlich vorwärtsgeht.»

Und wie erleben die Kinder ihre ungewöhnliche Familienkonstellation? Auf die Frage, ob sie in der Schule oder in seinem Freundeskreis ein Thema ist, runzelt Julian die Stirn und denkt nach: «Nein, eigentlich nicht.» Einige wüssten es, andere nicht. Jedenfalls sei er deswegen noch nie aufgezogen oder gar gehänselt worden. Und Adrian hat nach einem gemeinsamen Nachtessen mit der Nachbarsfamilie seine Mütter etwas irritiert gefragt, warum denn seine Gspänli «nur eine Mutter» haben. «Wir erklärten ihm, dass ja dafür ein Vater da sei», erzählt Ivonne Max, «das hat ihn dann beruhigt.»

FAMILY FIRST

Corsin und Jacqueline Riatsch
Alte Schule: Vor der Familiengründung heirateten Corsin und Jacqueline Riatsch.

Klassisches Rollenmodell

Für Jacqueline und Corsin Riatsch (beide 29) kommt die Familie zuerst. Sie pflegen einen regen Austausch mit ihren Geschwistern, Eltern, Grosseltern, Onkel und Tanten. Zum engen Kreis gehören mehr als 20 Menschen.

Noch bevor die beiden überhaupt über eine eigene Familie nachgedacht hatten, heirateten sie im Sommer 2014. «Wir sind halt noch ein bisschen ‹alte Schule›», sagt Jacqueline Riatsch. Ihr und ihrem Mann ist wichtig, dass alle Familienmitglieder den gleichen Nachnamen tragen.

Auch die Rollenverteilung ist klassisch. Obwohl Jacqueline Riatsch mit einem 20-Prozent-Pensum im Geschäft ihrer Eltern und zudem als selbständige Babyfotografin im Spital Einsiedeln SZ viel arbeitet, obliegt ihr auch die Haushaltsführung. Ihr Mann unterstützt sie zwar, wo er kann, aber «ich muss ihn ab und zu schon um Hilfe bitten», so Jacqueline.
Sein Vollzeitpensum reduzieren kann Corsin Riatsch derzeit nicht, das lassen der Beruf und die Führungsverantwortung nicht zu. Seinen «Daddy-Tag» mit Selina (zehn Monate) und Laurina (2) hat der Revierförster jetzt samstags, wenn Jacqueline arbeitet.

ZWEI MENSCHEN, DREI GENERATIONEN

Herminia Entringer lebt mit ihrem Enkel Kenneth in Ehrendingen
Herminia Entringer lebt mit ihrem Enkel Kenneth in Ehrendingen bei Baden AG. Für ihn ist sie ganz selbstverständlich das Mami.

Grosi, Mami (und Papa)

Herminia Entringer (57) hat viele Schicksalsschläge erlitten: Ihr Ehemann war eine Katastrophe, ihre Tochter verstarb jung, und durch die Wirtschaftskrise in ihrer venezolanischen Heimat verlor sie Hab und Gut. Heute lebt sie in Ehrendingen bei Baden AG zusammen mit ihrem Enkel Kenneth (12). Oder soll man sagen mit ihrem Sohn? Denn für den Kleinen ist sie einfach Mami. Herminia ist seine Grossmutter und seit dem Tod der Tochter auch seine Mutter. Und da Kenneths Vater keine Alimente mehr bezahle und sie Geld verdienen müsse, sei sie auch noch ein bisschen sein «Vater» geworden.

Kenneths leibliche Mutter ist sehr präsent, auf Fotos und in Gedanken. Er sagt zwar, er erinnere sich nicht. Als sie starb, war er nicht einmal zwei. Herminia glaubt dennoch, dass der Kleine ein Andenken an sie mitgenommen hat: «Meine Tochter
hörte während der Schwangerschaft oft Musik, und einmal an einem Festival begann Kenneth plötzlich zu weinen. Ich bin sicher, er erkannte die Musik wieder.»

Herminia hadert nicht mit ihrem Schicksal, dazu fehlt ihr schlicht die Zeit: «Dass es Kenneth gut geht, ist das Wichtigste in meinem Leben.» Die beiden unterhalten sich abwechselnd auf Spanisch und auf Deutsch. Wenn er nach Hause kommt und Hausaufgaben machen sollte, eher in der Muttersprache. Manchmal spürt sie, dass er auf die Pubertät zugeht und ihr mehr abverlangt. Dafür hilft er schon im Haushalt: «Am Samstag stehe ich vor Mami auf und mache das Frühstück», sagt Kenneth stolz. Sein Lieblingsfach ist Mathematik, und am liebsten würde er einmal Koch werden.

PATCHWORKFAMILIE

Claudia mit Lua, Partner Sandro mit Elia und (v. l.) Miro, Mattia (grünes Shirt) Luiz (vorn) mit Leon (sitzend)
Alle unter einen Hut zu bringen ist anspruchsvoll: Mutter Claudia mit Lua, Partner Sandro mit Elia und (v. l.) Miro, Mattia (grünes Shirt) Luiz (vorn) mit Leon (sitzend)

Zwei plus zwei gleich acht

«Zurbuchen Zanini Ferreira Mazzini» steht auf dem Klingelschild der Genossenschaftswohnung in Zürich. Hier lebt nicht eine WG, sondern eine Patchworkfamilie: Claudia Zurbuchen (40) und ihr Partner Sandro Zanini (46) mit Lua (13), Leon (12), Luiz (8), Miro (7), Mattia (4) und Elia (1). Vor zehn Jahren lernten Claudia und Sandro sich auf einem Kinderspielplatz kennen. Sie war mit ihrer Tochter Lua da, er mit seinem Sohn Leon. Rasch war klar: Sie wollten zusammen sein und gemeinsame Kinder. Entstanden ist eine bunte, lebendige Grossfamilie.

Ihr Alltag hats in sich: Ausgeklügelte Wochenpläne sind nötig, denn beide Eltern sind berufstätig, die kleineren Kinder besuchen Krippe und Hort. Leon geht in Wettingen AG, dem Wohnort seiner Mutter, zur Schule, verbringt einen Teil der Woche und jedes zweite Wochenende dort. «Wir arrangieren unser Familienleben um die beiden Ältesten herum», sagt Sandro Zanini. Das geht nur, weil beide selbständig erwerbend sind: er als Landschaftsgärtner, sie als Shiatsu- und Körpertherapeutin.

Dass an den grösseren beiden Kindern noch Expartner und weitere Kinder hängen, macht die Organisation nicht leichter, besonders bei der Ferienplanung. Oft schwappen schwierige Lebensphasen, Todesfälle, Auslandreisen der erweiterten Familie in die Patchworkfamilie hinein. Hie und da muss über Alimentenzahlungen diskutiert werden.
Die Bereicherungen überwiegen klar: Hat der temperamentvolle Sandro keine Geduld für die Hausaufgaben mit Leon, übernimmt die gelassene Claudia. Manchmal versteht Sandro die Launen seiner Stieftochter Lua besser als die Mutter. Mattia und Miro vermissen Leon oft: «Wir möchten ihn lieber immer hier haben.» Leon geniesst allerdings in Wettingen sein eigenes Zimmer und seine Freunde.

Das Patchworkdasein ist kein Thema für Sandro und Claudia. Eher diskutieren sie mit anderen Eltern über die Herausforderungen einer Grossfamilie als über deren Konstellation. Sandro Zanini räumt ein: «Wenn ich mit allen Kindern allein unterwegs bin, machen die Leute manchmal schon Stielaugen». In ihren Gesichtern liest er dann die Frage «Kann der das?». Und manchmal hört er sie fragen: «Sind das alles Ihre?» Seine einfache Antwort ist ja.

ALLEINERZIEHENDE MUTTER

Mit ihren beiden Kindern meistert Natalia Perego das Leben als Alleinerziehende
Innig verbunden: Mit ihren beiden Kindern meistert Natalia Perego das Leben als alleinerziehende Mutter.

Der Alltag als Hürdenlauf

Die Kinder von Natalia Perego wirken fröhlich, offen und zutraulich: Der sechsjährige Enrique zeigt jedem Besucher seine Panini-Sammlung und seine Spielzeugautos. Im Kindergarten gilt der Bub als echter Sonnenschein; er ist nie schlechter Laune und begrüsst am Morgen alle Kinder. Die dreijährige Gloria zeichnet viel und freut sich, wenn man sich für ihre Bilder interessiert.

Es ist kaum zu glauben, dass die Mutter und ihre beiden Kinder eine Katastrophe hinter sich haben: Vor eineinhalb Jahren trennte sich Natalia Perego von ihrem Mann. «Ich hatte zuvor lange um die Beziehung gerungen», erzählt die 34-jährige Luzernerin. «Schliesslich wurde mir klar, dass es uns allen nach einer Trennung besser gehen würde.» Ihr Mann ging in sein Herkunftsland Deutschland zurück und verschwand damit praktisch aus dem Leben der Familie.

«Organisatorisch gleicht mein Alltag nun einem Hürdenlauf», sagt Perego. Ihr Mann leistet keine Unterhaltszahlungen; das Geld wird ihr von der Stadt Luzern als Vorschuss ausgezahlt. Noch grösser ist eine andere Herausforderung: Perego ist zu 60 Prozent als Stationsmitarbeiterin bei der Pilatusbahn beschäftigt. Ihre Eltern verbringen einen Teil des Jahres in Ecuador.
Zum Glück hat die alleinerziehende Mutter aber viele Freunde, die fürs Kinderhüten einspringen können. Vielleicht hat die offene Art von Enrique und Gloria gerade damit zu tun, dass sie sich an vielen Orten willkommen fühlen. 

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