17. Dezember 2017

So feiert die Migros-Magazin-Redaktion

Zum Thema Weihnachtsfest hat jeder eine Geschichte auf Lager. Die Redaktorinnen und Redaktoren des Migros-Magazins erzählen von ungewöhnlichen Traditionen, kleinen Wundern und ihren schönsten Erlebnissen.

Unter Engeln

Monica Müller als Engel

«Zu meinen schönsten Kindheitserinnerungen an die Vorweihnachtszeit gehört die Fahrt im Märlitram. Nirgends ist man dem Himmel in Zürich so nah wie im roten Tram, das durch die City ruckelt. Engel berichten von ihrem Job als Sternenpolierer, erzählen Weihnachtsgeschichten und verteilen Züri-Tirggel.

Doch leider dürfen nur Kinder von vier bis zehn Jahren mitfahren, da sind die sanften Geschöpfe gnadenlos. Vor zehn Jahren hatte ich die zündende Idee: Ich schlich mich für eine Reportage unter die Engel. Wohlwollend nahmen sie mich in ihrem Kreis auf, richteten mir den Heiligenschein, bogen mir die zerknautschten Flügel zurecht und tupften mir etwas Sternenstaub auf die Wangen. Eine Fahrt lang durfte ich einer von ihnen sein.

Und es waren wunderbare 20 Minuten. Als das Tram nach der Tour durch die Innenstadt bei der Haltestelle ‹Märlitram› anhielt und die hintere Tür aufging, blieben die Kinder verträumt sitzen. Ich auch.» – Monica Müller

(Gru-)selige Nachmittage

Puppenstube mit Playmobil

«In meiner Familie ist ein gelungenes Weihnachtsfest nur eines mit Blut, Toten und schrecklichen Verbrechen. Denn: Statt Weihnachtslieder zu singen, erzählen wir uns gegenseitig sogenannte Black Stories. Das sind kurze rätselhafte Geschichten wie diese: ‹Fröhlich singend zog Anna ­ihren toten Ehemann hinter sich her.› Ziel ist es, mit Ja- und Nein-Fragen an den ­Vorleser herauszufinden, wie es zu diesem Sachverhalt gekommen ist. Ein wichtiges Merkmal der Black Stories – der Name lässt es erahnen – sind deren düsterer Inhalt. Und wir finden: je mehr Blut, desto besser.

Glücklicherweise florieren Black Stories heutzutage, es erscheinen jedes Jahr Bücher mit neuen Geschichten. Das war nicht immer so. Als wir die Tradition starteten, gab es nur ganz wenige Geschichten. Deshalb haben wir vor einigen Jahren den Schwierigkeitsgrad erhöht: Inzwischen darf nur am Fest teilnehmen, wer eine eigene Black Story erfunden hat.

Nicht alle gehen auf dieselbe Weise an die Aufgabe heran: Meine Cousine und ihr Mann haben einmal die Geschichte nicht vorgelesen, sondern sie mit Playmobilfiguren nachgestellt. Und mein Vater ruft jeweils Ende Januar vergnügt an und verkündet stolz, dass er seine Geschichte bereits hat. Meine eigene entsteht meist am Tag vor dem Fest. Einen Vorteil haben unsere eigenen Geschichten: Eine Leiche und viel Blut kommen garantiert immer vor.» – Dinah Leuenberger

Völlerei unterm Tannenbaum

Familie Kaminski am Essen

«Zu den nostalgischen Erinnerungen an die Weihnachtsfeste der Kindheit gehören natürlich die tollen Geschenke, die alljährliche Wiederholung von ‹Das fliegende ­Klassenzimmer› im Fernsehen – und Lach­anfälle an Heiligabend, weil die Familie beim Weihnachtsliedersingen wieder einmal den Text vergessen hatte. Vor allem aber erinnere ich mich staunend an die ungeheuren Mengen, die wir jeweils verschlungen haben, wenn die Berliner Verwandtschaft von Weihnachten bis Silvester zu Besuch war: Frühstück, Mittagessen, Kaffee und Kuchen, Abendbrot – und all das nicht zu knapp.

Dazu gab es pro Person jeweils noch einen ‹Bunten Teller›, für den kleinen Hunger zwischendurch: Einen mit Schokolade, Keksen, Marzipan und weiteren süssen Leckereien voll gefüllten, grossen Pappteller, den wir innerhalb dieser Woche auch immer noch irgendwie wegputzten. Wie wir diese Zeit ohne gesundheitliche Schäden und akute Fettleibigkeit überstanden haben, ist mir völlig schleierhaft. Den ‹Bunten ­Teller› gibts übrigens auch heute noch an Weihnachten, aber es ist nur noch einer für alle, und es dauert oft bis weit nach Silvester, bis er leer ist.» – Ralf Kaminski

Zwillinge

Sabine Lüthi und ihre Schwester vor dem Weihnachtsbaum

«Der Eindruck trügt: Meine Schwester (links) kam 492 Tage vor mir auf die Welt; wir sind keine Zwillinge. Die Symmetrie zum feierlichen Anlass hatte unsere Mama beinahe perfekt hingekriegt, hätte ichs ihr nicht vermasselt: grünes Halstuch, Ketteli und Pelzfinken, in denen meine Füsse zwar warm, aber nie geruchfrei waren. Seit meine Schwester und ich die Kleider selber kaufen, ist die äussere Übereinstimmung dahin.

Das Zwillingsthema jedoch verfolgt mich bis heute: Seit ich Mama bin, keimt in mir das Bedürfnis, meiner Tochter einen ebenso grossen, schönen, leuchtenden Weihnachtsbaum zu bieten, wie wir ihn damals in unserer Stube hatten. Letzte Weihnachten startete ich einen ­ersten Versuch: Na ja, am Ziel bin ich noch nicht – aber urteile selbst!»

Sabine Lüthis Weihnachtsbaum gestern und heute

Uf u dervo

Weihnachtsverweigerer Reto Vogt trinkt Bier

«Weihnachten. Schon wenn ich daran denke, zieht sich in meinem Körper alles zusammen. Die allenthalben herrschende aufgesetzte Fröhlichkeit nervt. Das unbedingte Zusammenseinmüssen mit Freunden und Familie: eine Zwängerei. Denn wer sich die anderen 364 Tage nicht sehen will, kann es sich auch unter dem Tannenbaum schenken.

Apropos schenken: In einem Land, in dem jeder eh schon alles doppelt und dreifach hat, sind Geschenke ein Hohn. Und auch wenn Weihnachten angeblich mal ein heidnisches Lichterfest war, steht es heute ohne Wenn und Aber im Zusammenhang mit dem christlichen Glauben – und das stört mich als überzeugten Atheisten natürlich am allermeisten.

Darum bin ich zehn Jahre lang jedes Jahr gegen Ende Dezember in den Flieger gehüpft und nach England geflogen. Zwischen den Jahren ist dort im Gegensatz zu den verschlafenen Städten hierzulande einiges los. Alle zwei Tage findet ein Fussballspiel statt, und in London steigt mit der Dart-Weltmeisterschaft die Party des Jahres.

Doch die Tradition der Englandreise ist nun für ein paar Jahre auf Eis gelegt. Meine Zwillingsjungs sind zwei Jahre alt und werden sich spätestens nächstes Jahr wohl oder übel einen Tannenbaum und Geschenke wünschen. Ob dann plötzlich ein Reisegutschein für die ganze Familie nach Grossbritannien unter dem Geäst liegt?» – Reto Vogt

Wie grasgrün sind deine Nadeln

Reto E. Wild neben dem Weihnachtsbaum

«Weihnachten waren für mich als Kind immer die schönsten Tage des Jahres. Vor lauter Vorfreude schlief ich die Nächte vor dem Heiligen Abend schlecht. Am 24. Dezember warteten dann mein Bruder und ich im Zimmer auf den festlich geschmückten Baum.

Waren meine Eltern bereit, klingelten sie mit einem Glöckchen. Der Baum schien jedes Jahr schöner – und grösser. Die Baumspitze berührte meist die Wohnzimmerdecke. Ja, die Ausmasse der Nordmanntanne waren meist so gewaltig, dass mein Vater den Stamm kürzen musste. Ich stand oft staunend vor dem Baum, der für mich so hoch wie ein Wolkenkratzer war.

Wir behandelten den Nadelbaum wie ein Familienmitglied, hegten und pflegten ihn. In einem Jahr war die Zuneigung besonders intensiv: Wir konnten uns von unserem Freund, dem Baum, ganz einfach nicht trennen. Während andere ihre Bäume teilweise schon Ende Dezember entsorgen, verlängerten wir das Leben unserer Tanne Woche um Woche, indem wir sie regelmässig mit Wasser versorgten.

Dann passierte es: Eines schönen Tages erwiderte der Baum unsere Zuneigung mit kleinen, grünen Zweigchen, die aus ihm wuchsen. Die Tanne fühlte sich offensichtlich auch noch Wochen nach Weihnachten wohl in unserer Stube. Und so wurde es Ostern, bis wir uns entschieden, das Wohnzimmer von den Erinnerungen an Weihnachten zu räumen.» – Reto E. Wild

O du Feuchtfröhliche

Lisa Stutz mit Weinflasche

«Letztes Jahr ist es eskaliert. Mein Bruder, 21 Jahre alt, tanzte zu Schlagermusik auf dem Ledersofa meiner Eltern und rief durchs Wohnzimmer, er wolle ab jetzt nur noch ‹DJ Brutal› genannt werden. Mein Cousin, vier Jahre älter, hatte sich die leuchtende Weihnachtsdeko geschnappt und führte damit einen Techtonic-Tanz auf. Onkel und Tante tanzten sich, eng umschlungen, 30 Jahre in die Vergangenheit. Und meine Cousinen und ich sangen aus voller Kehle bei jedem Lied mit, das mein Bruder – äh sorry – DJ Brutal durch die Boxen jagte.

Seit ich denken kann, feiern wir am 26. Dezember Weihnachten mit der Verwandtschaft mütterlicherseits. Die ersten 19 Jahre meines Lebens war das ein besinnliches Fest bei meinem Grossmuetti zu Hause. Das Unheil nahm seinen Lauf, als sie ihr Haus verkaufte. Fortan fanden die Weihnachtsfeste alternierend bei ihren drei Kindern zu Hause statt. Ich weiss nicht, wie genau, aber es entstand eine Art Wettstreit unter den einzelnen Familien, wer von Jahr zu Jahr die grössere Weinflasche organisieren konnte. Dieser gipfelte in einer Fünf-Liter-Flasche Don Pascual. Und als es nicht mehr grösser ging, organisierte mein Onkel zusätzlich ein Bierfass, das er auf dem Sideboard platzierte, wo sich jeder seine eigene Stange anzapfen konnte.

Irgendwann begannen die Cousins, sich unter dem Tisch Shots zu reichen. Und sogar mein Grossmuetti vermutete eines Weihnachtsabends, dass hier nicht mehr alle ganz nüchtern waren. Vergangenes Jahr folgte dann der erwähnte vorläufige Höhepunkt. Oder Tiefpunkt, wie man will. Wenn ich ehrlich bin: Es war ein richtig tolles Fest. Und am 27. taten wir unsere Busse.» – Lisa Stutz

Grüne Weihnachten

Andrea Feiermuth feiert Weihnachten im Sommer.

«In diesem Jahr bin ich mit dem Rennrad ans Weihnachtsfest gefahren. In kurzen Hosen und mit einem leichten Kleid im Rucksack. Das Fest hat am 16. Juli stattgefunden, also mitten im Sommer.

Es war das Weihnachtsfest der Familie meines Freundes. Der Clan besteht aus den Eltern meines Liebsten, einem Onkel, den Cousins und Cousinen sowie deren Partnern und Kindern. Rund zwölf Personen, wovon die meisten an Weihnachten noch ­andere Verpflichtungen haben – mit den Eltern oder Geschwistern des Partners, mit nahen Freunden oder mit dem Hobby.

An Weihnachten gibt es in der Regel Fest über Fest und dazu viel Stress. Zudem wird es bei der Zusammenkunft meist eng. Warum also die jährliche Familienzusammenkunft nicht auf ein ganz anderes Datum legen, an dem kein Termindruck herrscht – und man vielleicht sogar draussen feiern kann?

Das sommerliche Weihnachtsfest war eine super Party. Ob die Rechnung aufgeht, wird sich allerdings erst in der kommenden Woche zeigen. Vielleicht findet ja trotzdem noch jemand, es wäre doch nett, konventionell während der Festtage zu feiern.» – Andrea Freiermuth

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