10. November 2017

Smartphone versus Spiegelreflexkamera

Smartphones schiessen qualitativ immer bessere Bilder. Hat die Spiegelreflexkamera ausgedient? Fotojournalist David Lee hat für das Migros-Magazin den Test gemacht.

Fotojournalist David Lee testet Kameras.
Spiegelreflex oder Smartphone? Experte David Lee hat die unterschiedlichen Kameras gründlich getestet.

Schon vor einigen Jahren waren Handykameras so gut, dass man keine separate Kamera mehr mitschleppen musste. Seither hat die Technik noch einmal deutliche Fortschritte gemacht. Vor allem die teureren Smartphones können heute vieles, was früher den «richtigen» Fotoapparaten vorbehalten war.

Auf meinem Arbeitsweg komme ich an einem schätzungsweise zehn Meter hohen Plakat vorbei, auf dem (zumindest laut Apple) ein Foto zu sehen ist, das mit dem iPhone gemacht wurde. Wenn die Qualität von Smartphone-Bildern so gut ist, dass man sie in dieser Grösse zeigen kann, was spricht dann überhaupt noch für eine grosse, teure, schwere Kamera?

Es gibt Dinge, die grosse Kameras prinzipiell besser können. Trotz ständiger Fortschritte in der Technik wird sich daran in den nächsten Jahren kaum etwas ändern. Spiegelreflexkameras sind die klassischen Arbeitsgeräte für Profis und ambitionierte Hobbyfotografen. Die Abkürzung dafür ist SLR (engl. single lens reflex camera).

Neben den SLRs gibt es auch Systemkameras ohne Spiegel. Technisch funktionieren sie ähnlich wie die kleinen Kompaktkameras, aber man kann die Objektive wechseln, und die Bildqualität ist besser. Die folgenden Vorteile von SLRs gelten auch für die spiegellosen Systemkameras:

1. Sensorgrösse

Der Fotosensor einer SLR ist 15 bis 20 Mal so gross wie der einer Handykamera. Dadurch ist er viel lichtempfindlicher, was eine bessere Bildqualität bei wenig Licht oder bei kurzen Belichtungszeiten ermöglicht. Ein grosser Sensor kann aber auch grosse Helligkeitsunterschiede besser bewältigen. Bei Sonnenschein etwa entstehen harte Kontraste zwischen Licht- und Schattenpartien.

Bei Smartphone-Kameras führt das mitunter dazu, dass die Schatten komplett schwarz oder die hellen Partien komplett weiss sind. Bei einem grossen Sensor verschwimmen auch die Bildteile ausserhalb des Schärfebereichs viel stärker. Dadurch wird es möglich, ein Sujet vom Hintergrund klar abzuheben. Dieses kreative Manko versuchen Smartphones mit verschiedenen Tricks auszugleichen (siehe Box unten) – ohne die Qualität einer SLR zu erreichen.

2. Teleaufnahmen

Am Smartphone kann man nicht zoomen, also weit Entferntes heranholen. Das dürfte die offensichtlichste Einschränkung für viele Leute sein. Der schöne Raubvogel, der da seine Kreise zieht, ist auf dem Handy-Foto nur zwei Pixel gross. Man kann zwar bei der Aufnahme einen Bildausschnitt vergrössern, aber das ist nicht dasselbe wie echter Zoom – denn dabei werden nur bereits vorhandene Pixel aufgebläht. Das Bild verliert damit an Auflösung und Schärfe.

Um weit Entferntes gross aufs Bild zu bringen, schaffen sich die Besitzer von Spiegelreflexkameras ein Teleobjektiv an. Diese Objektive sind gross, oft ziemlich schwer und manchmal teurer als die Kamera selbst. Viele, die nur ein Handy haben, aber gerne zoomen möchten, kaufen sich deshalb eine Kompaktkamera mit hohem Zoomfaktor. Sie ist günstiger, leichter, handlicher, und man braucht nie das Objektiv zu wechseln.

Doch Objektive mit sehr hohem Zoomfaktor liefern selten eine wirklich gute Bildqualität. Noch wichtiger: Der Sensor dieser Kameras ist fast so klein wie der einer Handykamera. Und das, obwohl bei Teleaufnahmen Lichtempfindlichkeit besonders wichtig wäre. Wer Teleaufnahmen in hoher Qualität bei wenig Licht machen will, wird darum mit einer solchen «Superzoomkamera» nicht glücklich.

3. Einstellungsmöglichkeiten

SLRs haben mehr Einstellungsmöglichkeiten, wodurch sich ein Foto besser gestalten lässt. Zum Beispiel entscheidet die Wahl der Belichtungszeit, ob Bewegungen eingefroren sind oder verschwimmen. An vielen Handys kann man die Belichtungszeit nicht selbst bestimmen.

Es genügt aber nicht, dass man diese Dinge einstellen kann, es muss oft auch schnell gehen. Knöpfe und Einstellräder ermöglichen es einem versierten Benutzer, eine Einstellung in Sekunden anzupassen, während man beim Smartphone erst durch Menüs scrollen oder eine spezielle App installieren muss. So ein klobiges, schweres Gehäuse hat den Vorteil, dass man es mit beiden Händen fest im Griff halten kann. Die Fotos und insbesondere die Videos verwackeln dadurch weniger.

4. Wenn die Kamera läutet ...

Stell Dir folgende Situation vor: Du hast dein Smartphone auf ein Stativ montiert und minutenlang minutiös ausgerichtet. In dem Moment, in dem die Aufnahme startet, ruft jemand an – und natürlich ist die Vibra­tion eingeschaltet. Das müsste nicht sein. Wer es ernst meint mit Filmen und Fotografieren, ist besser dran, wenn er seine Kamera nicht auch als Telefon, Navigationsgerät, Soundsystem, Notizblock, Fernseher und Taschenlampe benützt. Dann ist der Akku auch nicht immer im dümmsten Moment leer.

Übrigens lassen sich viele moderne Spiegelreflexkameras über eine App fernsteuern. Hilfreich ist das etwa, wenn man die Kamera an einem schlecht zugänglichen Ort installiert hat.

Wo das Handy besser ist

Mit einer grossen Kamera ist es schwierig, unauffällig zu fotografieren. Porträts mit einem spontanen, natürlichen Gesichtsausdruck erfordern einiges an Geschick seitens des Fotografen. Hier punktet das Smartphone.

Spiegelreflexkameras können zudem nicht geräuschlos auslösen, weil der Spiegel in Sekundenbruchteilen hochklappen muss. Beim Fotografieren von Tieren ist das ein Problem. Auch kann man bei SLRs während einer Videoaufnahme nicht durch den Sucher schauen. Der Spiegel ist hochgeklappt und leitet das Bild darum nicht weiter.

Einen Barcode ablichten, um Produktinformationen zu erhalten, oder eine Pflanze, um die Art zu bestimmen – das geht nur mit dem Smartphone. Auch Apps für sofortige Bildbearbeitung sind ein Pluspunkt für das Handy. Doch der mit Abstand grösste Nachteil: Für SLRs gibt es keine Selfie-Sticks ...

Bild einer Autobahn bei Nacht mit der Spiegelreflexkamera
Aufnahme der Autobahn bei Nacht mit einer Spiegelreflexkamera
Bild einer Autobahn bei Nacht mit dem Smartphone
Dasselbe Sujet mit einem Smartphone

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