29. Dezember 2017

Peter Sloterdijk sieht Signale für Öffnung und Vernetzung

Der berühmte deutsche Philosoph ist am Gottlieb-Duttweiler-Institut zu Gast. Ein Gespräch über die Selbstverständlichkeit des Stammesdenkens, «parasitäre Rechtspopulisten» und Regierungsunlust in Deutschland.

Peter Sloterdijk im Interview
Peter Sloterdijk wird am 22. Januar 2018 im GDI in Rüschlikon ZH auftreten. (Bilder: Christian Schnur / Keystone)

«Die Rückkehr der Stämme» heisst eine Veranstaltung, zu der das Gottlieb-Duttweiler-Institut (GDI) in Rüschlikon ZH am 22. Januar einlädt. Darin beschäftigt sich der Think Tank mit den aktuellen gesellschaftlichen Verwerfungen der westlichen Welt: «Nationalstaaten sind gespalten, die EU steht unter Beschuss, und weltweit gewinnen ideologisierte Randgruppen an Einfluss. Statt Dialogen dominieren Glaubenskämpfe rivalisierender Lager die Politik. Nicht Fakten sind wichtig, sondern Zugehörigkeit. Wir erleben die Rückkehr eines vormodernen Stammesdenkens.»

Das GDI befürchtet, dass angesichts dieser Entwicklung neue Konflikte drohen, und diskutiert die Lage mit Gästen und Experten, darunter auch dem Philosophen Peter Sloterdijk, der Stämme allerdings für etwas ganz Natürliches hält.

Peter Sloterdijk, teilen Sie die Diagnose, dass wir derzeit in der westlichen Welt eine Rückkehr des vormodernen Stammesdenkens erleben?

Es handelt sich nicht um eine «Rückkehr», vielmehr wird uns eine Tatsache wieder bewusst, die während der gesamten menschlichen Evolution galt. Das Stammesdenken ist lediglich zeitweilig überdeckt worden und kommt nun erneut zum Vorschein.

Wodurch wurde es denn überdeckt?

Vom Mythos der Nation. Seit der Entwicklung der Nationalstaaten im 18. Jahrhundert sollten sich die Angehörigen eines Volkes als «Kinder des Vaterlands» verstehen. Die «Marseillaise» spricht Klartext, wenn sie an die «enfants de la patrie» appelliert.

Hat die Globalisierung zur Aufdeckung des Stammesdenkens beigetragen?

Viele fühlen sich von ihr überfordert und sehnen sich nach kleineren, überschaubaren Einheiten. Diese Deutung schiesst, glaube ich, über das Ziel hinaus. In ihr schwingt die Idee eines Rückschritts mit, und das trifft auf den Tribalismus nicht zu, wie ich ihn verstehe. Dieser ist grundlegend für das Menschsein an sich. Es ist doch nicht so, dass man sich in den Schoss eines Stammes flüchtet. Vielmehr spielt sich die Lebenswirklichkeit meist immer schon im Rahmen einer Grossfamilie oder eines Freundeskreises ab, in einer Gruppe, die etwa so viele Personen umfasst wie ein privates Adressbuch. Allerdings hat die moderne Gesellschaft vielen eine bedrohlich wirkende Vereinzelung eingebracht und sie in eine künstliche Einsamkeit getrieben – daraus wollen sie sich befreien. In Deutschland blüht zum Beispiel das Vereinswesen: Es sind mehr Menschen in Chören organisiert als in politischen Parteien, von Sportvereinen gar nicht zu reden.

Aber gerade in politischen Parteien und Bewegungen erkennen viele ein rückwärtsgewandtes Stammesdenken: Trump, Brexit, AfD, FPÖ, Viktor Orbán. Erleben wir hier eine Konterrevolution zu den Werten der 68er-Bewegung, die sich weitgehend durchgesetzt haben?

Es gibt in der Politik offensichtlich mehr Selbstbehauptungsgesten von lokalen Einheiten als früher. Die erwähnten, auf die nationale Identität fokussierten Bewegungen sind tatsächlich rückschrittlich, doch vor allem sind sie parasitär. Möglich wurden sie nur dank Freiheiten, die sie selbst nicht erkämpft haben, nun aber benutzen wollen, um bestehende Freiheiten abzuschaffen. Freiheiten, die wir auch der 68er-Bewegung zu verdanken haben, die übrigens ihrerseits stark tribal verfasst war.

In den USA scheint der Tribalismus schon besonders weit zu sein: Der Stamm der Republikaner und jener der Demokraten sind sich spinnefeind und können kaum noch miteinander sprechen.

Das sind in meinen Augen keine Stämme, sondern virtuelle Bürgerkriegsparteien. Lange Zeit waren Republikaner und Demokraten innerhalb eines gemeinsamen republikanischen Wertehorizonts engagiert. Diese Perspektive ist heute erheblich getrübt, stattdessen liegt das Gespenst eines neuen Bürgerkriegs in der Luft.

Aber auch in Europa streiten sich die Abschotter und die Globalisten.

Und das schon seit der Entdeckung Amerikas. Eine kleine Minderheit hatte sich damals für die Welt geöffnet und den Atlantik und seine Potenziale anerkannt, der Rest krallte sich am Boden der Heimat fest. Mit der industriellen Revolution und ihren Folgen haben sich die Unterschiede zwischen den Atlantikern und den Kontinentalen noch weiter vertieft. Heute zeigen sie sich exemplarisch bei den Globalisierungsfreunden und -feinden.

Politisch setzt sich derzeit mal die eine, mal die andere Seite durch – welche wird letztlich gewinnen?

Ich denke, es wird unvermeidlich ein längeres Hin und Her geben. Aber der Globalisierungsprozess ist unumkehrbar, er kann gar nicht anders, als weiterzugehen, denn wir hören nicht auf, Erfindungen zu machen, zu produzieren und zu konsumieren. Alle Signale stehen also auf Öffnung und Vernetzung, deshalb wird sich diese Seite letztlich durchsetzen, dessen bin ich mir sicher. Natürlich wird es immer lokale Gegenbewegungen geben, die aber an ihrer Negativität scheitern werden, wie etwa die Antiglobalisierungsbewegung in Frankreich. Die Franzosen haben das inzwischen selbst realisiert und mit der Wahl des europafreundlichen Vernetzers Emmanuel Macron eine Kurskorrektur vorgenommen. Vernetzung und Kooperation bleiben im Verhältnis zu Abschottung und Rückzug die stärkeren Tendenzen.

Philosoph Peter Sloterdijk
Der deutsche Philosoph Peter Sloterdijk mischt sich gern in gesellschaftliche Debatten ein. (Bild: Christian Schnur / Keystone)

Lassen Sie uns noch über Deutschland sprechen: Es ist ein relativ wohlhabendes, gut funktionierendes Land – wie kommt es, dass sich fast alle Parteien darum reissen, es nicht regieren zu müssen? So richtig will eigentlich nur die CDU/CSU.

Aus Schweizer Sicht sollte das nicht verwundern – meines Wissens ist die Schweiz das einzige Land Europas, das keinen eigentlichen Regierungschef hat. Die Übernahme von Regierungsverantwortung ist heute mit einer Zunahme von Diskomfort verbunden, und viele sind dazu nicht bereit. Stattdessen werden sie gerne Abgeordnete mit einem Salär von 10 000 Euro pro Monat. In Abwesenheit einer offiziellen Regierung haben sie sich kürzlich gerade eine grosszügige Erhöhung genehmigt, was ich für einen symbolträchtigen Vorgang halte: keine Regierung, aber eine Parlamentsmehrheit für die Diätenerhöhung.

Aber so schlecht steht Deutschland doch nicht da. Weshalb will niemand mehr Verantwortung übernehmen?

Churchill sagte während des Zweiten Weltkriegs, er könne seinen Landsleuten nichts anderes versprechen als Blut, Schweiss und Tränen. Das hat auch zu Friedenszeiten eine gewisse Geltung; statt Blut und Schweiss sind es Steuererhöhungen, statt Tränen die garantierte Frustration. Politik ist ein Metier für Menschen, die nach Beliebtheit streben – doch ist Regieren per se kein dankbares Geschäft: Niemand möchte der sein, der seine Landsleute noch mehr enttäuscht hat als seine Kollegen. Zudem haben die Parteien bemerkt, dass eine Regierungsbeteiligung für alle Mitwirkenden zum Verschleisstest gerät und zu schrumpfenden Wähleranteilen führt.

Denken Sie, dass es nochmals zu einer Grossen Koalition kommt? Oder braucht es am Ende doch Neuwahlen?

Neuwahlen sind wegen des informellen Vetos des Bundespräsidenten unwahrscheinlich, er erwartet zu Recht von den Parteien, dass sie untereinander eine Lösung finden. Die Mehrheit der Bevölkerung wünscht sich eine Grosse Koalition, was dadurch erschwert wird, dass die Sozialdemokraten sich zieren. Diese spekulieren darauf, dass Frau Merkel am Ende entnervt aufgibt, was die Unionsparteien personalpolitisch implodieren liesse. Das könnte vielleicht den Weg für eine sozialdemokratische Kanzlerschaft freimachen. Sigmar Gabriel ist derzeit der einzige Politiker, bei dem man noch so was wie einen Willen zur Macht verspürt.

Politik ist ein Metier für Menschen, die nach Beliebtheit streben.

Wofür würden Sie plädieren?

Angesichts der Tatsache, dass das Land nun schon fast ein Vierteljahr nur mit einer provisorischen Regierung dahingondelt, wäre vermutlich eine Neuauflage der Grossen Koalition die beste Lösung, trotz allem. Ich habe ja lange SPD gewählt, auch wegen der klassischen sozialdemokratischen Empfehlung, für das geringere Übel zu stimmen, das sie selbst verkörpert. Vor vier Jahren habe ich mich erstmals enthalten, weil ich keine Partei mehr als geringeres Übel ausmachen konnte – und so geht es mir weiterhin.

Was erhoffen oder befürchten Sie denn noch so für 2018?

Optimisten würden wünschen, dass ein Impeachment gegen Donald Trump auf den Weg gebracht wird. In der besten aller möglichen Welten wäre dieses auch erfolgreich. Damit würden die USA ihre Selbstheilungskräfte unter Beweis stellen – von denen auch der Rest der Welt profitieren würde.

Sind Sie ein solcher Optimist?

Ich bin gedämpft optimistisch, doch eigentlich hätte das schon 2017 passieren müssen. Wir werden sehen. Zudem denke ich, dass die diversen internationalen Konfliktherde weiterhin unterhalb der Kriegsschwelle bleiben werden, dank grosser Ausgleichsbemühungen von allen Seiten. Vorbehaltlich von Wundern oder Katastrophen wird 2018 nicht so anders verlaufen als 2017.

Haben Sie selbst Vorsätze oder besondere Pläne für 2018?

Besondere Vorsätze gibt es nicht, aber ich habe eine Lebensform, die dazu führt, dass Bücher entstehen. Das wird auch 2018 so sein.

Benutzer-Kommentare

Alle Kommentare anzeigen