01. März 2018

Singen macht glücklich

Singen macht glücklich, schweisst zusammen, kann gar heilen. Singen begeistert Zehntausende in unserem Land. Es gibt Wettbewerbe in Karaoke oder Jodel, und im Fernsehen trällert es aus mehr oder weniger begabten Kehlen. Woher kommt die Begeisterung? Vier Betroffene erklären die Faszination.

Jasmin Hohl und Marco Toniazzo
Jasmin Hohl und Marco Toniazzo haben länger an sieben Tagen pro Woche Karaoke gesungen und waren Schweizermeister 2016. Ein Liebespaar sind sie nicht.

Es muss was dran sein: Singen macht glücklich. Das Departement Musik der Hochschule Luzern bietet ab dem nächsten Studienjahr sogar das Hauptfach Jodel an. Die bekannte Jodlerin Nadja Räss wird es unterrichten. Eine Premiere in der Schweiz.

Einer, der die Lust am Singen sehr früh entdeckt hat, ist Julius Fintelmann. Seit er vier Jahre alt ist, singt der 15-Jährige. Zuerst in einem Chor der Musikschule, mit sieben ist er dann in die Knabenkantorei Basel eingetreten, wo er heute noch singt. Und obwohl er auch allein singt, bevorzugt Julius das Chorsingen: «Man entwickelt dort eine Gemeinschaft und bringt zusammen etwas zustande. Das ist für mich sehr schön.» Auch wenn er schlecht gelaunt sei, gehe er zum Singen. «Dort kann ich Stress abladen, bin entspannt und habe Spass.» Und er habe schnell wieder gute Laune, sagt er.

Ein Chor ist auch für diejenigen ein geeigneter Einstieg, die mit Lampenfieber zu kämpfen haben. Singen in der Gruppe fällt oft leichter. Davon ist der deutsche Musikwissenschaftler Gunter Kreutz überzeugt. In seinem Buch «Warum Singen glücklich macht» fasst er Forschungsliteratur zum Thema Chorsingen zusammen. Gemeinsames Singen könne vielfältige wohltuende Wirkungen haben, zum Beispiel Stress mindern, helfen, sich zu entspannen, es mache einfach Spass. Fröhlich gestimmte Sänger gerieten nicht selten bereits nach einer halben Stunde in Euphorie, sagt Kreutz.

Was aber, wenn man nicht gern oder nicht gut singt? Auch dann sollte man es sich zutrauen, sagt Kreutz: «Am besten mit Kindern, die immer Spass am Singen haben und denen Perfektion nicht so wichtig ist.» Üben hilft immer, und ein paar Stunden Stimmbildung reichen oft aus, um in einem beliebigen Chor mitzusingen, ohne sich die Stimme zu ruinieren.

Singen als Therapie
Für Anfänger und Interessierte gibt es eine grosse Auswahl: In der Schweiz singen laut der Schweizerischen Chorvereinigung über 43'000 Menschen in über 1400 Chören. Besonders beliebt sind gemischte Chöre und Männerchöre. Natürlich gibt es auch für Frauen, Kinder und Jugendliche passende Angebote. Die positive Wirkung des Singens stellen nicht nur geübte Sänger, sondern auch Neulinge fest.

Auch die Medizin integriert inzwischen Musiktherapien in die Behandlung. In verschiedenen Spitälern, etwa am Paraplegiker-Zentrum in Nottwil LU, oder im Alterswohnheim Studacker in Zürich gibt es bereits niedrigschwellige Gesangsangebote für Patienten, zum Beispiel vom gemeinnützigen Verein «Singende Krankenhäuser – inter­nationales Netzwerk zur Förderung des Singens in Gesundheitseinrichtungen e.V.». Der Verein engagiert sich seit 2009 für Singen als Ergänzung zur Schulmedizin. Patienten können mithilfe von Gesang leichter mit einer Krankheit umgehen und so auch die Heilung gezielt fördern.

Wo man singt, da lass dich ruhig nieder. Böse Menschen kennen keine Lieder.

Auch ausserhalb von Krankenhäusern findet man Angebote. Seit 2008 gibt es mehrere Aphasiechöre. Unter Aphasie leiden Personen, die oft infolge eines Schlaganfalls ihre Sprache ganz oder teilweise verloren haben. Weil aber das Sprachzentrum und das Musikzentrum in verschiedenen ­Hirnhälften liegen und bei einem Schlag­anfall meist nur eine ­Region betroffen ist, können viele ­Patienten trotz Sprachverlusts singen – und gewinnen dadurch im besten Fall sogar die Sprache zurück.

Singen als Therapie gegen Sprachverlust stiess bei den Gehirnspezialisten zunächst auf Skepsis. Musiktherapien wurden ursprünglich angewendet, um das allgemeine Wohlbefinden der Patienten zu fördern. Erste Studien zeigten aber auch eine positive Wirkung auf das Sprachzentrum. Hirnregionen, die aufgrund eines Schlaganfalls zerstört wurden, konnten mithilfe von Gesangstherapien wieder aktiviert und das Sprachvermögen teilweise wiederhergestellt werden. Inzwischen werden Gesangstherapien in der Rehabilitation von Aphasiepatienten gezielt eingesetzt.

Durchmischte Gruppe
Von der wohltuenden und heilenden Wirkung des Singens ist auch Anne Marie Aschwanden überzeugt. Die 87-Jährige singt seit zehn Jahren, seit der Gründung, im Aphasiechor Zentralschweiz. Vor etwa 30 Jahren hatte sie das Gefühl, in ihrem Kopf stimme etwas nicht, erzählt sie. «Doch erst 15 Jahre später konnten mir die Ärzte sagen, dass das ein Hirnschlag war.» Ein Freund aus dem Lehrerverein, der wie sie einen Hirnschlag erlitten hatte, animierte die ehemalige Lehrerin, eine Chorprobe zu besuchen. «Das war mein grosses Glück. Der Chor wurde für uns beide etwas Zentrales im Leben.»

Einige Sänger hatten den Schlaganfall mit 78, andere bereits mit 29. So besteht eine durchmischte Gruppe, die auch unterschiedliche Lieder singt. Viele haben schon vor dem Schlaganfall gesungen, einige tun es im Aphasiechor zum ersten Mal.
Obwohl Anne Marie Aschwanden ihre Stimme weitgehend verloren hat, nimmt sie an allen Proben des Chors teil. «Hier bist du auch noch jemand, wenn die Stimme manchmal wegbleibt. Man wird von den anderen getragen.» Auch schätzt sie die Gemeinschaft, man freue sich immer sehr, sich zu sehen.

Auch Karaoke kann ein Vergnügen sein. Die Szene in der Schweiz ist noch klein. Karaoke entstand in den 70er-Jahren in Japan und verbreitete sich schnell auf dem ganzen Globus. Karaoke bedeutet übersetzt «leeres Orchester». Die Mitspieler singen zum Instrumental-Playback bekannter Musikstücke ins Mikrofon, der dazugehörige Text wird auf einem Bildschirm angezeigt. Dabei geht es weniger darum, die Töne zu treffen, als vielmehr einen möglichst tollen Auftritt ­hin­zulegen – und Spass zu haben.

Der japanische Volkssport, den man aus Filmen wie «Lost in Translation» kennt, gewinnt auch in westlichen Breitengraden an Beliebtheit. Der amerikanische Komiker James Corden sorgte zuletzt mit seinem Carpool-Karaoke für Furore: Er lädt Prominente wie Adele oder Michelle Obama auf eine Spritztour in seinem Auto ein. Gemeinsam werden bekannte Songs gesungen, und so mancher zeigt dabei ein verborgenes Talent – die Frau des Ex-­Präsidenten überzeugte als Rapperin.

Dass auch die klassische Karaokeparty immer mehr Fans gewinnt, weiss Margherita Bächler. Sie leitete den Verein Karaoke Schweiz und tourt seit 1992 mit ihrem Equipment in der ganzen Schweiz und dem nahen Ausland. Bereits 14-mal hat sie die Schweizer Karaoke-Meisterschaft organisiert.

2016 gewannen Jasmin Hohl und Marco Toniazzo diese Meisterschaft. Die beiden singen seit einem Jahrzehnt gemeinsam. «Früher waren wir beide sehr verbissen. Wenn ein Ton nicht sass, regten wir uns sehr auf», sagt Toniazzo. Heute sei es entspannter, im Vordergrund stehe wieder der Spass. «Das ist vielleicht auch der Grund, warum wir die Schweizer Meisterschaft gewonnen haben. Weil wir locker an die Sache rangegangen sind und man uns den Spass angesehen hat», sagt Jasmin Hohl.

Die Singenden sind sich einig: Singen tut gut, killt schlechte Stimmung und macht Spass.

MEHR INFOS

Aphasiechöre Schweiz: www.aphasie.ch
Knabenkantorei Basel: www.knabenkantorei.ch
Schweizerische Chorvereinigung: www.usc-scv.ch
Singende Krankenhäuser: www.singende-krankenhaeuser.de
Margherita’s Karaoke: www.karaoke-schweiz.ch
Voice+Music Academy Zürich: www.voicemusic.ch

Der 15-jährige Julius Fintelmann (Mitte)
Der 15-jährige Julius Fintelmann (Mitte) singt, seit er vier Jahre alt ist – am liebsten immer noch im Chor.

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