13. Dezember 2017

Sind Ohrfeigen okay?

Auch in der Schweiz zählen Ohrfeigen, Fusstritte und andere Übergriffe auf Kinder oft noch zum Erziehungsalltag. Ein Gesetz soll das künftig verbieten.

Gewalt an Kindern
Lesezeit 1 Minute

Der kleine Sohn quengelt, die Teenagertochter ist frech, der Chef verlangt Überstunden. Und plötzlich rutscht die Hand aus: Gewalt von Eltern an ihren Kindern ist auch in der Schweiz verbreitet – mit Ohrfeigen, Fausthieben, Gürtelschlägen, sexuellen Übergriffen, Erniedrigungen, Beschimpfungen. Eine aktuelle Studie der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW) besagt, dass jedes fünfte Kind zu Hause massive Gewalt erlebt; zwei von fünf Kindern werden geohrfeigt, gestossen oder hart angefasst.

Zwar wurde das Recht der Eltern, ihre Kinder zur Erziehung körperlich zu züchtigen, 1978 abgeschafft. Ein ausdrückliches Verbot existiert aber nicht. Im Mai 2017 hat der Nationalrat eine entsprechende Motion abgelehnt.

Chantal Galladé, SP-Nationalrätin, macht sich jetzt im Parlament erneut stark für ein Züchtigungsverbot, das im Zivilgesetzbuch festgehalten werden soll – und auch Ohrfeigen verbietet. Es müsse klar sein: In der Schweiz ist es verboten, Kinder zu schlagen.

Die Folgen sind massiv

Kann ein Gesetz Gewalt in der Erziehung verhindern? Peter Rieker, Sozialwissenschaftler an der Universität Zürich, relativiert: «Verhalten lässt sich nicht durch Gesetze verändern; ein Züchtigungsverbot kann aber das Bewusstsein schärfen.» Vor allem müssten die Lebensbedingungen der besonders belasteten Familien verbessert werden.

«Gewalt ist nicht unbedingt Ausdruck entsprechender Überzeugungen, sondern steht häufig in Zusammenhang mit sozialen Belastungen und mit dem Erleben von Stress», sagt Rieker. Ausserdem seien die Zusammenhänge zwischen selbst erlebter Gewalt und eigener Gewalttätigkeit belegt.

Britta Went kennt das aus ihrer Arbeit als Psychotherapeutin beim Elternnotruf und weiss, warum Eltern ihre Kinder schlagen: «Gewaltbereite Eltern sind überfordert. Sie werden von ihren Gefühlen überschwemmt, fühlen sich ohnmächtig und hilflos. Sie wissen es einfach nicht besser.» Es gehe nicht um böse, sondern um überforderte Väter und Mütter.

Was immer die Gründe für Gewalt seien: Kinder müssten geschützt werden. Denn die Folgen von Gewalt sind erheblich: unsichere Bindungsmuster, schwere Bindungsstörungen, somatische Beschwerden, Depressionen im Erwachsenenalter, Sucht, Angststörungen. «Je jünger ein Kind und je massiver die Gewalt ist, desto gravierender die Schädigung», so Went. Wenn Eltern bei sich Gewaltbereitschaft spüren, sollten sie die Scham überwinden und Hilfe holen. Sich selbst und den Kindern zuliebe. 

24-STUNDEN-HILFE
Beratung online oder telefonisch; persönlich, vertraulich, kostenlos:
Elternnotruf: 0848 35 45 55; www.elternnotruf.ch
Pro Juventute: 058 261 61 61; www.projuventute.ch

Die Studie zum Thema der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW)

Benutzer-Kommentare

Alle Kommentare anzeigen