11. Juni 2012

Sind oder gehören Körperstrafen verboten?

Wann begeht ein schlagender Elternteil nach Schweizer Rechtssystem eine Straftat, und was sind häufige Folgen und Ursachen von Ohrfeigen oder dem berühmten Klaps auf den Hintern?

nicht immer folgt auf den Zeigefinger die Strafe
Längst nicht immer folgt auf den Zeigefinger die Strafe. (Bild: Getty Images)

Studien zeigen zwar, dass systematische Gewaltanwendung von Eltern als regelmässig und meist bewusst eingesetztes Erziehungsmittel in der Schweiz und den Nachbarstaaten tendenziell über Jahre hinweg etwas zurückgeht. In Europa wird grob geschätzt jedes 20. Kind wiederholt Opfer regelrechter Prügelstrafen.
Allerdings haben nach den neusten Zahlen vom 8. Juni 2012 die von (Kinder-)Kliniken gemeldeten Kindesmisshandlungen im letzten Jahr (2011) wieder zugenommen, um gleich 28% oder 1180 Fälle. Noch vor Vernachlässigung (335 Meldungen) und sexuellem Missbrauch (291 mal) betreffen mit 347 Betroffenen die meisten Kinder die körperlichen Misshandlungen.

Dazu ist anzumerken, dass es sich nur um ins Spital eingelieferte Patienten handelte, bei denen Folgen und Spuren der Misshandlung dem Fachpersonal auffielen. Es geht also nur um die allerdings bedenkliche Spitze des Eisbergs in Sachen Körperstrafen. Bei fast 78 Prozent der Fälle kamen die Täter aus der engsten Verwandtschaft, in der Regel waren es die Eltern.

Viel hartnäckiger halten sich jedoch noch vereinzelte Schläge, mehrheitlich wohl aus Überforderung und Stress heraus ausgeteilt ('mir ist die Hand ausgerutscht'). Auch in der Schweiz: Eine breite Erhebung von 2004 schloss, dass mehr als 40% der Kleinkinder unter vier Jahren schon in irgendeiner Form körperliche Bestrafungen erlitten, mehrheitlich den einen oder andern Klaps auf den Po.

Knaben waren etwas häufiger betroffen als gleichaltrige Mädchen. Noch bedenklicher stimmt die Stiftung Kinderschutz Schweiz, dass über 35‘000 manchmal oder häufig physisch bestrafte Kinder noch unter 30 Monate alt waren. Und dass der weitaus am häufigsten genannte Grund der Eltern ‚Ungehorsam‘ war. Dabei können Kleinkinder unter zwei Jahren gemäss Entwicklungs-Experten das Konzept des Gehorchens noch gar nicht verstehen…

Schutz der Integrität

Doch wie sieht es überhaupt mit der rechtlichen Situation aus? Wäre das Schlagen eines Kindes ein Straftatbestand, könnte oder müsste es gar verfolgt werden? In der Europäischen Menschenrechtskonvention (EMK) verbietet der Artikel 3 jegliche ‚Form von unmenschlicher, erniedrigender Strafe oder Behandlung‘. Die Kinderrechtskonvention (KRK) der UNO verlangt von den Signaturstaaten zusätzlich einen rigorosen Schutz der (auch körperlichen) Integrität von Kindern.

Doch längst nicht alle beteiligten Staaten ordnen die Körperstrafe im Erziehungs-Verhältnis generell dem EMK-Verbot zu. Weltweit kennen erst 29 Länder ein explizites Verbot der Körperstrafe an Kindern. Von den Nachbarstaaten der Schweiz seit 2000 auch Deutschland ('Kinder haben ein Recht auf gewaltfreie Erziehung') und bereits seit 1989 Österreich. Vorreiter war nochmals zehn Jahre früher Schweden. Dass in besagten Ländern deshalb oft Eltern wegen Schlägen verfolgt würden, heisst dies natürlich noch nicht. Doch die rechtlichen Grundlagen dazu wären gegeben.

In der Schweiz wird zwar im Artikel 10 und 11 der Bundesverfassung die Integrität des Kindes geschützt, ein Verbot von Körperstrafen ist aber nirgends zu finden. Strafaktionen innerhalb eines gewissens Rahmens werden auch gemäss einem Aufsehen erregenden Bundesgerichts-Urteils von 2003 zumindest nicht generell verboten.

Die Stiftung Kinderschutz Schweiz und Ruth Gaby Vermot-Mangold bemängeln bei dieser Rechtspraxis die Unsicherheit. Vermot-Mangold lancierte Ende 2008 eine parlamentarische Initiative zum besseren Schutz von Kindern, welche aber schon in den Justizkommissionen von National- und Ständerat Schiffbruch erlitt. Im oben erwähnten Urteil wurde ins Feld geführt, dass eine körperliche Züchtigung ein gesellschaftlich übliches und toleriertes Mass nicht übersteigen dürfe, der mehrfach Fusstritte austeilende Erziehungsberechtigte (Freund der Mutter) wurde aber immerhin letztinstanzlich verurteilt.

Im Straf- und Zivilgesetzbuch

Neben den Verfassungsartikeln 10 und 11 zum Schutz der Integrität von Kindern sind im Straf- und Zivilgesetzbuch folgende Passagen mit Bezug zur elterlichen Gewalt (im übertragenen und nicht übertragenen Sinn) relevant:

Schlechter gestellt als Erwachsene: Im Schweizerischen Strafgesetzbuch StGB wird der Artikel 126 im Zusammenhang mit Körperstrafen oft diskutiert: Er schreibt vor, dass generell auch „Tätlichkeiten, die keine Schädigung des Körpers und der Gesundheit zur Folge haben“, von Amtes wegen verfolgt werden müssen. Bei Kindern wird aber die einschränkende Präzisierung nachgeschoben, dass nur „wiederholte“ Übergriffe geahndet werden. Dies bedeutet, dass der Rechtsschutz eines Kindes vor Gewaltausübung – in der Praxis gerade im heimischen Umfeld – klar schwächer ist als der für Erwachsene.

Gehorsam geschuldet – Entfaltung geschützt: Nimmt man das Zivilgesetzbuch ZGB zur Hand, so findet sich im Artikel 301, Absatz 2 zuerst die Formulierung, welches Verhalten die Kindern den Eltern entgegenzubringen haben: Zivilrechtlich schuldet das (minderjährige) Kind ihnen Gehorsam. Erst im nächsten Artikel (302) wird festgelegt, was die juristisch einklagbaren Anforderungen an Eltern sind: Sie sind „verpflichtet, das Kind ihren Verhältnissen entsprechend zu erziehen und seine körperliche, geistliche undsittliche Entfaltung zu fördern und zu schützen“.

Abschliessend zieht die Stiftung Kinderschutz Schweiz das Fazit, dass der Schweizerische Staat seine Schutzpflicht gegenüber Kindern gemäss der unterschriebenen UN-Kinderrechtskonvention (KRK), insbesondere in Artikel 19, derzeit zumindest ungenügend nachkommt. Besagter Artikel 19 verlangt das Verbot jeglicher Art von Gewaltanwendung.

Man könnte sich auch fragen, ob mit der Schlechterstellung gegenüber Erwachsenen mindestens im Ansatz gegen das Diskriminierungsgebot in Artikel 2 KRK verstossen wird.

WOHER KOMMT DIE GEWALT?

Gewalt in der Erziehung kennt verschiedenste Ursachen. Wie schon erwähnt unterscheiden sich gerade Beispiele von systematisch bis geplant eingesetzten Bestrafungsaktionen stark von eher aus Kontrollverlust und Hilflosigkeit der Erziehungsberechtigten verabreichten Schlägen. Fachleute nennen vor allem für gezielte Körperstrafen, teils aber auch für andere Formen der Gewaltanwendungen drei immer wieder auftretende Typen von Ursachen:

1. Gewalt-Kreislauf: Viele schlagende Eltern erfuhren in der eigenen Erziehung physische Gewaltanwendung oder (ebenso) schwerwiegende psychische Druckmittel und Strafaktionen. Darauf wir in Druck- und Extremsituationen häufig wieder zurückgegriffen, meistens unbewusst, weil die Erinnerungen an ähnliche Situationen in der Kindheit letztlich negativ oder problembehaftet sind. Dennoch pflanzen sich diese Verhaltensmuster (wie andere) häufig fort.

2. Gewalt im Umfeld: Gar nicht selten erleben die Schlagenden auch in derselben (oder kurz zurückliegenden) Zeit Gewalt in der Partnerschaft oder sonst im näheren sozialen Umfeld. DIe Rolle muss dabei nicht zwingendermassen jene des Ausübenden sein.

3. Kein Unrechtsbewusstsein: Den meisten Müttern oder Väter, die wiederholt Gewalt in der Erziehung anwenden, fehlt die Einsicht und das Verständnis, (vermutlich) etwas nach Gesetz Unrechtes zu tun, auf jeden Fall aber etwas, das in die persönliche Integrität des Kindes einbricht und seine Entwicklung verhindert respektive blockiert.

WAS ZIEHT GEWALT NACH SICH?

Die Konsequenzen wiederholt erhaltener Schläge können sich für das Kind oder später einen Teenager oder Erwachsenen auf zahlreiche Arten manifestieren. Verfasser internationaler Studien führen aber Folgen wie die hier in Kürze aufgelisteten auch für etliche Opfer sogenannt 'leichter' Körperstrafen auf:

A. Antisoziale Verhaltensweisen wie fehlendes Einfühlungsvermögen oder (übersteigerte) Aggressivität

B. Psychosoziale Auffälligkeiten wie Ängstlichkeit, unterdurchschnittliche und/oder wenig gepflegte Kontakte bis hin zur Abhängigkeit von Drogen, Alkohol usw.

C. Ohnmachtsgefühle und Niedergeschlagenheit mit regelmässigem Auftreten

D. Trotzhaltung, Wut und WIderstand über ein (für Kinder) übliches Mass hinaus

E. Erhöhte Tendenz zu Straftaten, speziell zu Jugendgewalt: Dafür ist das Risiko von (in der Kindheit) Geschlagenen durchschnittlich mehr als doppelt so hoch. Je häufiger und massiver die erlittene Gewalt, desto höher das Risiko. Gekoppelkt mit kaum wahrgenommener Liebe und geringer elterlicher Wärme steigt das Risiko noch weiter an

Im Detail weist die repräsentative Cocon-Studie der Universität Zürich nach, dass der Erziehungstil der Eltern zuallererst für die Entwicklung des jugendlichen Verhaltens bestimmend sei. Ein auf hoher emotionaler und kognitiver (das Verständnis fördernd) Qualität beruhendes Vorgehen erreiche die Ziele viel eher als ein auf Sanktionen und Strafen ausgerichtetes System.

www.cocon.uzh.ch

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