18. Februar 2018

Sind Grimms Märchen out?

Sollen Eltern das «Dornröschen» noch erzählen? Seit der #MeToo-Debatte stehen alte Klassiker vermehrt in der Kritik. Christine Lötscher gibt Entwarnung: Kinder können sich gut eine eigene Meinung bilden.

Berühmt-berüchtigte Märchenszene: Dornröschen wird vom Prinzen wachgeküsst.
Berühmt-berüchtigte Szene: Dornröschen wird vom Prinzen wachgeküsst. (Bild: Collection Christophel / Alamy Stock)
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Der Prinz küsst das Dornröschen wach – eine bekannte Märchenszene. Sarah Hall, eine Mutter aus England, hat sie in Rage versetzt. Der Kuss sei nicht einvernehmlich, twitterte sie im November 2017 und versah den Tweet mit dem Hashtag #MeToo. Die derzeitige Sexismusdebatte trägt dazu bei, dass die Märchenklassiker unter Beschuss geraten: Sie würden veraltete patriarchale Rollenbilder vermitteln, findet Elisabeth Müller, Diplompädagogin und Lehrbeauftragte an der Pädagogischen Hochschule Zug. Die feministische Literaturkritik macht frauenfeindliche Stereotype in den Grimm-Märchen schon länger für die Unterdrückung von Frauen verantwortlich.

Christine Lötscher, Literaturwissenschaftlerin und Lehrbeauftragte mit Schwerpunkt Kinder- und Jugendmedien an der Universität Zürich, sieht das anders: «Märchen bilden weder eine Wirklichkeit ab, noch geben sie uns vor, wie wir zu leben haben», sagt Lötscher, «mit ihrer drastischen Bildsprache sind sie voller Widersprüche.» Hinzu komme: Die Geschichten seien voller Leerstellen und lüden zu immer neuen Deutungen ein. «Aber alle diese Deutungen können nebeneinander existieren», sagt die Wissenschaftlerin.

Mit Angst und Agression auseinandersetzen
Der Vorwurf, dass Märchen Frauen als schwach und Männer als ihre starken Retter etablieren, sei zu kurz gefasst, so Lötscher: «Es gibt bei den männlichen Figuren genauso viele Bösewichte und Grobiane, wie es böse Hexen und perfide Stiefmütter gibt.» Sie findet die psychoanalytischen Deutungen überzeugend, die besagen, dass böse Figuren im Märchen den Leserinnen und Lesern helfen, sich lustvoll mit ihren eigenen Aggressionen, ihren Ängsten und ihrem Begehren auseinanderzusetzen.
Sicherlich tue man gut daran, mit Kindern über Märchen zu sprechen: «Aber nicht, indem man ihnen erklärt, was da steht, und dass das furchtbar sei, sondern indem man sie ihre eigenen Gedanken formulieren lässt.» Märchen lassen sich aus unserer Kultur nicht verdrängen, sie sind überall.

Kinder nicht unterschätzen
Vielmehr sollte man die Märchenfiguren mit imaginären Freunden vergleichen: «Leserinnen und Leser sind keineswegs passive Konsumenten, die hilflos einer ideologischen Botschaft ausgeliefert sind», so Lötscher. Das gelte auch für Kinder: «Man sollte sie nicht unterschätzen.»
Und wenn ein Kind doch mit einem Märchen überfordert sein sollte, teilt es dies mit: «Kinder reagieren stark auf Geschichten, die man ihnen vorliest», erklärt die Fachfrau, «sie sagen, wenn sie sich fürchten oder wenn ihnen etwas nicht gefällt – auch hier sollte man sie ernst nehmen und auf sie hören.»

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