11. September 2017

Sie verfolgt mich

Bänz Friedli vermischt Lesen und Leben. Hier kannst du dich mit ihm oder anderen Leser(inne)n austauschen.

Bücherstapel
Achtung: Diese Lektüre kann dich verfolgen. Bis ins reale Leben hinein.
Lesezeit 2 Minuten

Larissa steht neben mir an der Tramhaltestelle, diese eingebildete Geiss aus gutem Haus, rothaarig, bleich, dezent, aber teuer gekleidet. Sie findet sich schön, und ich kann mich gerade noch beherrschen, es ihr nicht zu sagen: wie sehr ihre blasierte Art und das Getue mit ihrer Klangschalentherapie mir auf den Geist gehen. Ist auch besser, dass ich mich beherrsche, denn die rothaarige Unbekannte, die nun in den 14-er steigt, kann ja nichts dafür, dass sie mich an die sommersprossengesprenkelte Schönheit erinnert, die mich verfolgt: an Larissa.

Was heisst «erinnert»? Es gibt keine Larissa. Sie haust nur in meiner Vorstellung. Sie ist eine Romanfigur aus «Oberkante Unterlippe», einem Buch, das ich diesen Sommer verschlungen habe. Das Problem an Büchern ist, dass sie mich nicht loslassen. Ich lese langsam und lerne sie dafür förmlich auswendig, ich wohne in ihnen und halluziniere dann mit ihrem Personal durch den Tag. In den grossen Ferien las ich – Rekord! – fünf Bücher; zwei davon handelten in Ostdeutschland, vor und nach der Wende. Der Zufall wollte, dass ich gerade durch diese Gegend unterwegs war und an jeder Ecke einem der liebenswerten Verlierer aus «Beste Absichten» zu begegnen, überall auf Zeichen aus der Zeit zu stossen vermeinte, in der Deutschland wieder eins wurde.

Mehr noch: Seither sehe ich überall DDR-Plattenbauten, selbst in Zürich-Affoltern, wie letzte Woche hier vermerkt. Bücher werden für mich plastisch, und wenn ich in kurzer Zeit viel lese, beginnen Figuren und Kulissen zu verschwimmen. Ich stehe auf der Werdinsel und bin mir nicht mehr sicher, ob ich nun auf Rügen oder auf Raymond Island östlich von Melbourne bin … «Zwei Leben» heisst das Buch, das dort handelt, was irgendwie passt, denn in mir mischen sich das angelesene und das wirkliche Leben.

En famille waren wir dann übrigens noch einige Tage in einem einsamen Waldhaus nahe der dänischen Küste. Diese Ruhe! Ich habe mich wunderbar erholt. Nicht so meine Frau und meine Tochter. Beide haben sie schon unzählige nordische Krimis gelesen. Stieg Larsson, Jussi Adler-Olsen, Arnaldur Indriðason – ich kenne keines der Bücher, liess mir aber sagen, wenn man alle isländischen Krimitoten zusammenzähle, hätte die Insel längst keine Einwohner mehr. Für sie, Frau und Tochter, sind skandinavische Nächte düster. Jedes Knacken eines Ästleins, jeder Regentropf aufs Flachdach liess sie aufschrecken in der Angst, ein blutrünstiger Irrer streiche ums Haus. Derweil schlief ich selig. Nur, dass mir im Traum diese überhebliche Schnepfe erschien, Larissa.

Die Hörkolumne (MP3)

Bänz Friedli live: 13. – 17. 9. Bern, «La Cappella»

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