31. Juli 2017

Sie tun Sinnvolles - (Teil II)

In einer dreiteiligen Interviewserie berichten wir über drei, die machen, wonach sich heute viele sehnen: «meaningful work». Sie erzählen von ihren Beweggründen sowie Herausforderungen und erklären, wieso ihre Jobs sinnvoll sind. Als Zweites haben wir uns mit Thierry Bongard unterhalten, der mit seinen grafischen Arbeiten andere inspirieren will.

Poster für die Partyreihe «Futuregroove» im Berner Club Bonsoir. Thierry Bongard, 2016
Lesezeit 5 Minuten

Thierry Bongard hat bei der Swisscom das KV gemacht – trotz grossen Interesses an Grafik und Design. Nach acht Jahren beim Grossunternehmen hat er 2013 gekündigt, um eine Karriere im kreativen Bereich in Angriff zu nehmen. Nun, kurz vor Abschluss des Studiums, ist er zwar noch nicht sicher, wie sein Einstieg auf dem Arbeitsmarkt gelingen wird. Doch er weiss, dass sein Entscheid richtig war – denn in seiner Tätigkeit sieht er jetzt einen Sinn.

Was hat sich in deinem Leben jobmässig verändert?

Ich habe schon in der Schule sehr gern gezeichnet und wollte darum etwas mit Grafik machen. Aber als es dann wirklich um die Berufswahl ging, war es mir nicht mehr so wichtig. Und in meinem Umfeld haben viele das KV gemacht. So habe auch ich mich dafür entschieden und fand eine Lehrstelle bei der Swisscom, was damals für mich stimmte. Mich interessierten die Technologie und auch Handys. Aber im Laufe der Zeit kam wieder der Wunsch auf, etwas Grafisches zu machen. Bei der Swisscom hatte ich oft mit Produktmanagern und Grafikern zu tun, die unsere Kampagnen umsetzten. Oft wäre ich lieber in ihrer Position gewesen. Nach acht Jahren Swisscom habe ich mich dann entschieden, zurück in die Schule zu gehen.

Was war der ausschlaggebende Punkt?

Es war ein schleichender Prozess. Ich hatte damals eine allgemeine Unzufriedenheit. Daran war vielleicht nicht nur der Job schuld. Aber ich merkte, dass ich irgendeinen Wechsel brauchte im Leben. 2013 habe ich gekündigt und mir fünf Jahre Zeit gegeben für eine neue Ausbildung. Die sind jetzt dann durch, was mir auch ein wenig Angst macht.

Welchen Weg hast du dann schliesslich gewählt?

Ich habe zuerst den gestalterischen Vorkurs gemacht, er ist für fast alle gestalterischen Studien und Berufe Pflicht. Es gibt ihn staatlich, dort bin ich aber nicht angenommen worden. Das hat mich erst einmal demotiviert. Ich habe dann aber weitergeschaut und konnte den Vorkurs dann an der Invers, einer kleinen Privatschule, machen. Dafür ging bereits fast mein ganzes Erspartes drauf. Aber ich lernte alle Grundlagen in diesem Jahr, was mich extrem weiterbrachte. Ich hatte danach drei Optionen:

  1. Ich versuche es als Grafiker, ohne eine weitere Ausbildung zu machen
  2. Ich mache eine Lehre als Grafiker
  3. Ich studiere etwas im Bereich Grafik

Der dritte Weg hat mich am meisten angesprochen, weil ich noch nie studiert hatte. So habe ich mich für Visuelle Kommunikation eingeschrieben. Zuerst musste ich aber die Berufsmatura nachholen und ein strenges Aufnahmeverfahren durchlaufen. Am Ende nimmt die Hochschule der Künste in Bern pro Jahr nur 20 Schüler in den Studiengang auf. Dass ich es geschafft habe, war eine riesige Motivationsspritze.

Wie geht es nach dem Studium weiter?

Ich habe jetzt noch ein Jahr Zeit. Aber es ist nicht so leicht. Auch im Studium hängt vieles von der Eigeninitiative ab. Die müsste ich nun auch anwenden, um an Jobs zu kommen. Aber ich habe noch Mühe, mich auf dem Arbeitsmarkt zurechtzufinden. Doch mir gefällt das Feld, vor allem Illustrationen mache ich gern. Ich konnte auch schon einige Aufträge realisieren. Ob ich damit dann wirklich erfolgreich sein werde, wird die Zeit zeigen.

Findest du deinen Job sinnvoll?

Ja, weil ich ihn gerne mache. Ob er gesellschaftlich sinnvoll ist, hängt immer vom Projekt ab.

Auch wenn man etwas sehr gern macht, wird es irgendwann zu Arbeit. Das ist manchmal schwierig.

Ist es deine Leidenschaft?

Ich frage mich immer noch, ob ich meine wirkliche, echte Leidenschaft überhaupt schon gefunden habe. Auch wenn man etwas sehr gern macht, wird es irgendwann zu Arbeit. Das ist manchmal schwierig. Wenn etwas, das immer «nur» das Hobby war, plötzlich zum Job wird und man abliefern muss. Das hätte ich so nicht erwartet.

Wie sieht dein typischer Alltag aus, abgesehen von der Schule?

Wenn ich an einem Projekt arbeite, ist das häufiger abends oder in der Nacht. Ich habe gemerkt, dass ich dann besser arbeiten kann. Es gibt aber auch Tage, an denen ich früh aufstehe und direkt loslege. Das funktioniert eigentlich am besten. Aber wenn ich den Faden gerade nicht finde, wird es meistens später am Tag.

Wie gehst du damit um, auf Knopfdruck kreativ sein zu müssen?

Grundsätzlich finde ich das immer noch sehr schwierig. Aber es gibt Methoden, um Ideen zu finden. Mir hilft es, wenn ich von Hand viele schnelle Skizzen mache. Dann recherchiere ich viel zum Thema, lese und schaue mir Bilder an. Aber ich komme oft in einen Stress, wenn ich Ideennot habe. Das gehört wohl aber dazu. Und ich versuche, mich dran zu gewöhnen.

Kannst du bereits von den Aufträgen, die du machst, leben?

Nein. Aber sie machen auch nur einen kleinen Teil meiner Zeit aus. Das Studium nimmt die meiste Zeit in Anspruch. Bei den wenigen Aufträgen, die ich im Moment mache, verdiene ich ziemlich gut. Hochgerechnet auf ein 100-Prozent-Pensum könnte ich wohl gut davon leben. Die andere Frage ist, ob ich dann genug schnell wäre, um so viele kleine Projekte rechtzeitig umzusetzen. Das Zeitmanagement ist nicht immer einfach.

Wenn ich mit meiner Arbeit andere begeistern und inspirieren kann, finde ich das ziemlich «nice».

Wer oder was inspiriert dich?

Sehr vieles. Andere Menschen, die gestalten und zeichnen. Aber es kann auch das tägliche Leben draussen auf der Strasse sein, Erlebnisse. Die Gefahr ist, wenn ich mich von anderen Gestaltern und Zeichnern inspirieren lasse, dass ich dann nicht die Tendenz zum Kopieren oder Imitieren habe. Menschen sagen mir oft, man erkenne einen klaren Stil in meinen Arbeiten. Ich habe eher das Gefühl, dass ich mich eines bereits existierenden Stils bediene. Aber das liegt wohl auch daran, dass ich weiss, wie die Arbeiten entstehen.

Hast du mit deiner Arbeit ein bestimmtes Ziel?

Wenn mich etwas berühren kann, ich etwas geil finde, ist das toll. Egal, ob es Musik oder Zeichnungen sind. Wenn ich das bei jemand anderem ebenfalls auslösen, ihn inspirieren kann, finde ich das ziemlich «nice».

Gibt es in deiner Vergangenheit ein Projekt, auf das du besonders stolz bist?

Ich bin oft im Moment stolz, wenn das Projekt fertig ist. Ich würde nicht sagen, dass ich ein Megaperfektionist bin. Ich bin schon froh, wenn etwas mal abgeschlossen ist. Weil ich dann die Arbeit irgendwann auch fast nicht mehr sehen kann. Ich kann zwar immer die Qualität in meiner Arbeit erkennen und stehe auch dahinter, im Nachhinein würde ich aber oft vieles anders machen. Aber man muss auch zu einem Schlusspunkt kommen. Wie Leonardo Da Vinci sagte: «Art is never finished, only abandonned.» Dem würde ich schon zustimmen.

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