24. Juli 2017

Sie tun Sinnvolles - (Teil I)

In einer dreiteiligen Interview-Serie berichten wir über drei, die machen, wonach sich heute viele sehnen: «meaningful work». Sie erzählen von ihren Beweggründen sowie Herausforderungen und erklären, wieso ihre Jobs sinnvoll sind. Als Erstes durften wir mit der Zürcherin Kathrin Eckhardt sprechen, kurz bevor sie sich auf den Weg nach Accra, ihrem Arbeitsort, machte.

Kathrin Eckhardt prüft die selbst entworfenen Baumwollstoffe für ihre Kleider.
Lesezeit 3 Minuten

Kathrin Eckhardt hat über zwölf Jahre als Fashion-Stylistin und Texterin in der Schweiz gearbeitet, zuletzt als Selbständige. 2015 ging sie noch einen Schritt weiter, um einer sinnvollen Arbeit nachzugehen: Sie zog nach Accra, die Hauptstadt von Ghana, und spürte, dass sie dort die gesuchte neue Herausforderung finden würde. Vom Handwerk und den Ghanaern inspiriert, gründete sie das Label Kathrin Eckhardt Studio. Unter diesem stellt sie in Accra nach traditionellem ghanaischen Handwerk selbst designte Körbe und Kleider her, die sie in der Schweiz verkauft.

Was war ausschlaggebend dafür, dass du dich 2015 für einen Jobwechsel und ein Leben in Ghana entschieden hast?

Ich hatte Lust auf eine Veränderung und bin deshalb mit meinem damaligen Partner nach Ghana gezogen, der dort sein eigenes Projekt aufzog. Zudem brauche ich immer eine neue Herausforderung.

Findest du deinen Job sinnvoll?

Ja, sehr sogar. Ich betreibe Kulturvermittlung auf beiden Seiten, stelle ein tolles Produkt her und schaffe vor Ort Arbeitsplätze. Dies ermöglicht, das traditionelle ghanaische Handwerk weiter zu erhalten. Leider wird auch Ghana von Billiggütern aus China überrannt.

Mich inspiriert das Unfertige, Unvollkommene, Improvisierte. Darin liegt ein riesiges Potenzial von Kreation und Schönheit.

Was bedeutet für dich sinnvolle Arbeit?

Arbeit, die aus Leidenschaft gemacht wird, etwas Schönes und Nachhaltiges schafft, Freude bringt und menschlich wie wirtschaftlich gerecht ist. Ich finde es wichtig, durch faire Löhne den Angestellten Wertschätzung entgegenzubringen.

Wie sieht dein typischer Joballtag in Accra aus?

In Accra gibt es keinen typischen Alltag - jeder Tag ist ein Abenteuer. Oft besuche ich die Produktionsstätten und überprüfe sie. Ich bin auch oft auf Reisen innerhalb des Landes, um neue Materialien und Inspirationen zu finden. Ich mache Entwürfe, lasse Prototypen herstellen, kontrolliere diese, mache Bilder für meine Social-Media-Kommunikation, muss mich mit den Finanzen auseinandersetzen oder meine Website updaten. Die einzige Konstante in Ghana ist mein Morgenritual. Ich stehe auf, meditiere und mache mir Frühstück.

Die einzige Konstante in Ghana ist mein Morgenritual. Ich stehe auf, meditiere und mache mir Frühstück.

Könntest du vom Verkaufserlös der «Kathrin Eckhardt Studio»-Produkte leben?

Mein Herz schlägt besonders hoch für mein eigenes Label, und ich setze die meiste Zeit und Energie dafür ein. Ich nehme jedoch weiterhin Jobs als Stylistin und Texterin an, da ich um den zusätzlichen Verdienst froh bin. In der Schweiz könnte ich vom Erlös noch nicht leben. Da ich in Ghana aber ein günstigeres Leben führe, habe ich mit den vergangenen Verkäufen genug verdient, um eine neue Kollektion zu finanzieren und die folgenden Monate davon leben zu können. Es ist mir wichtig, mit «Kathrin Eckhardt Studio» langsam, aber nachhaltig zu wachsen.

Wer oder was inspiriert dich?

Momentan inspiriert mich das Unfertige, Unvollkommene, Improvisierte. Darin liegt ein riesiges Potenzial von Kreation und Schönheit. Alte Hausfassaden, kaputte Strassen oder vertrocknete Gärten haben wunderschöne Farben und Strukturen. Zudem faszinieren mich Themen wie Energie und Spiritualität, insbesondere die Ästhetik von heiligen Statuen, Kirchen und Kraftorten. Ich versuche, mit offenem Herzen und offenen Augen durch die Welt zu gehen. Dann lässt sich Inspiration fast überall finden. Nur eines brauche ich immer dafür: Zeit.

Eine bedruckte Baumwollhose aus deiner Kollektion kostet knapp 200 Franken, wer verdient etwas daran?

Viele verschiedene Personen sind am fertigen Produkt beteiligt: Der Siebdrucker, der meine Stofflabels druckt, die Familie, die meine Stoffe färbt und mit mir das Stoffdesign entwickelt, der Schnitttechniker, die Näherinnen, das Designinstitut, das meine Produktion unter sich hat, und zu guter Letzt auch die Menschen, die mir mit dem Verschiffen der Güter helfen. Zudem kommen Kosten für Grafiker auf, die meine Visitenkarten, Flyer und Website machen, Druckkosten für die Papierlabels und Flyer sowie Verpackungsmaterial, Miete, Transportkosten und mein Lohn.

Fotos: Christine Benz

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