07. August 2017

Sie tun Sinnvolles - (Teil III)

In einer dreiteiligen Interview-Serie berichten wir über drei, die machen, wonach sich heute viele sehnen: «meaningful work». Sie erzählen von ihren Beweggründen sowie Herausforderungen und erklären, wieso ihre Jobs sinnvoll sind. Im dritten und letzten Teil berichten wir über Sibylle Jenni, die zwischen NPO und Backstube balanciert.

Sibylle Jenni stellt in einer Zürcher Backstube ihr eigenes Bio-Granola her.
Lesezeit 3 Minuten

Sibylle Jenni hat bereits über mehrere Jahre selbständig ein Kleidergeschäft geführt und in einem grossen Kommunikationskonzern gearbeitet. Eine Massenkündigung gab ihr den nötigen Anstoss in Richtung sinnvolle Arbeit: Seit anderthalb Jahren arbeitet sie nun bei der internationalen Umweltorganisation Greenpeace in der Philanthropie und hat nebenbei ihr eigenes kleines Unternehmen aufgebaut. Das tönt nicht nur nach «meaningful work», das ist es auch.

Wieso arbeitest du heute in einer NPO (Non-Profit-Organisation) und nimmst einen tieferen Lohn als zuvor in Kauf?

Weil diese Tätigkeit die für mich wichtigsten Faktoren vereint: Sinnhaftigkeit, Raum für Eigeninitiative, interessantes Lernfeld und Freude an der Arbeit.

Was war ausschlaggebend für diesen Jobwandel?

Eine Massenkündigung, die damals auch mich getroffen hat. Dieses Erlebnis nahm ich als eine lang ersehnte Chance wahr, meine Fühler neu auszurichten. Sie führte mich dann in eine Welt, wo ich mich gleich zu Beginn wohlfühlte: Der Mensch und seine Umwelt standen neu im Vordergrund, nicht das unmittelbare Profitstreben.

Mein Job bei Greenpeace vereint die für mich wichtigsten Faktoren: Sinnhaftigkeit, Raum für Eigeninitiative, interessantes Lernfeld und Freude an der Arbeit.

Arbeitest du Vollzeit?

Nein, ich arbeite Teilzeit. Neu reduziere ich um weitere 10 Prozent bei Greenpeace und investiere noch mehr Zeit in mein eigenes kleines Unternehmen, The Tiny Factory, wo ich Granola röste.

Warum hast du dich entschieden, nebenbei Granola in der Backstube zu rösten?

Fürs Granolarösten und somit fürs eigene Unternehmen entschied ich mich, bevor ich die Teilzeitstelle bei Greenpeace antrat. Ich wollte mich, mit einem kleinen Pensum beginnend, wieder in die Selbständigkeit zurücktasten. Wieso Granola? Das hat alles angefangen mit einem längeren Aufenthalt in San Francisco 2008. Dort habe ich mir Kenntnisse über das Rösten von Nüssen angeeignet und beschlossen, dieses Wissen, die Begeisterung und ein Rezept für ein feines Knuspermüesli in die Schweiz mitzunehmen. Ich habe das Rezept verfeinert und anfangs nur für mein nahes Umfeld Granola hergestellt. Das Feedback war so positiv, dass ich den Schritt in die Selbständigkeit wagte und The Tiny Factory gründete.

In einem Miteinander etwas zu entwickeln und erfolgreich auszuführen, sei es eine Kampagne oder gefüllte Bio-Granolapäckli, das ist sinnvoll.

Was bedeutet sinnvolle Arbeit für dich?

Wenn ich am Ende des Tages das Gefühl habe, im Einklang mit meiner Intuition und meinem Gewissen gehandelt zu haben. Auch in einem Miteinander etwas zu entwickeln und erfolgreich auszuführen, sei es eine Kampagne oder gefüllte Bio-Granolapäckli, erachte ich als sinnvoll.

Findest du, dass du sinnvolle Jobs hast?

Oh ja. Die beinahe alltägliche Zufriedenheit bestätigt dies wohl.

Wie sieht dein typischer Joballtag aus?

Bei Greenpeace schreibe ich unter anderem Finanzierungsanträge, halte Kontakte aufrecht und lese sehr viel über laufende Kampagnen und deren Hintergründe. Bei The Tiny Factory beginne ich den Arbeitstag am Computer und Telefon, von zu Hause aus. Am Nachmittag gehts in die Backstube, um alles vorzubereiten. Dann hacken, backen und verpacken wir gemeinsam in sportlicher Dynamik. Ein solcher Arbeitstag dauert dann bis zu elf Stunden.

Könntest du vom Granola-Business leben?

Bei der jetzigen Grösse nicht, nein.

Menschen, die mit einer positiven und erwachsenen Haltung durchs Leben flanieren, inspirieren mich.

Wer oder was inspiriert dich?

Das sind immer wieder neue und verschiedenste Menschen, die mit einer positiven und erwachsenen Haltung durchs Leben flanieren - selbst wenn sie sich gerade auf dem Gipfel oder in einem Loch befinden. Und die einfache Eleganz der Nordländer (schmunzelt).

Fotos: Andreas Graber

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