12. Juli 2018

Sie setzt jede Nacht ihr Leben aufs Spiel

Tamara Lenherr patrouilliert die Strassen im gefährlichsten Stadtteil von Denver. Keine Nacht vergeht ohne Gewalt und Verhaftungen. Der Traum der Schweizerin: Detective bei der Mordkommission.

Tamara Lenherr
Tamara Lenherr mit einem Streifenwagen der Denver Polizei. Vier Nächte pro Woche ist sie mit dem Wagen auf Patrouille.

Mit Sirenengeheul und blinkenden Lichtern rast der Streifenwagen durch die nächtlichen Strassen von Denver (USA). Ein Motorradunfall an der Stadtgrenze. Ob der Mann noch lebt, ist unklar, in jedem Fall muss es schnell gehen. Tamara Lenherr (41) sitzt konzentriert am Steuer und weicht Autos aus, die nicht schnell genug an den Strassenrand gefahren sind.

Die Feuerwehr ist bereits vor Ort, ausserdem zwei Streifenwagen der angrenzenden Gemeinde. Ein Mann liegt reglos auf dem Bauch, eine dünne Blutspur neben ihm auf dem Asphalt, sein Motorrad ein paar Meter entfernt am Boden. Lenherr tritt zu einem Kollegen, der schon neben dem Verunfallten in der Hocke ist und leise auf ihn einspricht. Immerhin: Er lebt – kann sich aber nicht bewegen. Weitere Streifenwagen kommen an, am Strassenrand stehen Anwohner und bestaunen die Szene, es ist bald Mitternacht.

Eine Ambulanz trifft ein, Sanitäter kümmern sich um den Verunfallten, schneiden seine Kleidung auf, versorgen die Wunde, heben ihn auf eine Bahre. Lenherr hat nach einigen Gesprächen herausgefunden, was passiert ist: Die Cops der benachbarten Gemeinde hatten versucht, den Motorradfahrer zu stoppen, weil er ihnen verdächtig vorgekommen war. Der jedoch gab Gas und flüchtete, übersah eine Erhöhung auf der Strasse und verlor bei hoher Geschwindigkeit die Kontrolle über seinen Töff. «Er ist schon mehrmals ohne Fahrausweis erwischt worden», erklärt Lenherr. «Hätte er gestoppt, wäre er direkt für drei Monate ins Gefängnis gewandert, und das war ihm wohl bewusst.»

Sanitäter und Cops an einer Unfallstelle
Sanitäter und Cops kümmern sich um den verunfallten Motorradfahrer.

Die Ambulanz verlässt mit dem Verunfallten die Szene, auch Lenherr macht sich bald wieder auf den Weg – zu einer «domestic disturbance», der nächsten Meldung aus der Zentrale. Jemand hat bei 911 angerufen, der amerikanischen Notfallnummer, und einen lauten Streit in der Nachbarschaft gemeldet.

Pro Nacht zwei bis sechs Verhaftungen

Für Tamara Lenherr ist all das seit fünf Jahren Alltag. Vier Nächte pro Woche ist die Schweizerin als Patrol Officer im Distrikt 4 der amerikanischen Metropole Denver im westlichen Bundesstaat Colorado unterwegs. Immer von 19 bis 5 Uhr, allein in ihrem Streifenwagen. Allerdings sind jede Nacht noch rund 20 weitere Patrol Officers in ihrem Distrikt unterwegs. Sie alle fahren zu Ereignissen, die über 911 gemeldet werden, egal was. Manchmal geht es nur um zu laute Musik in der Nachbarschaft, manchmal um Überfälle oder Mord. Ohne Gewalt geht es selten ab. Pro Nacht verhaftet Lenherr zwei bis sechs Personen.

Es kommt auch immer wieder vor, dass Waffen auf sie gerichtet werden. «Aber bisher hat noch keiner direkt auf mich geschossen.» Sie selbst hat ihre Pistole noch nie eingesetzt, obwohl sie auch schon angegriffen wurde und in Lebensgefahr war. «Bisher ging es immer ohne Schusswaffe», sagt sie lakonisch und zuckt mit den Schultern. Einmal allerdings hätte es übel enden können: «Ein Typ hat auf mich eingeprügelt und so fest zugeschlagen, dass ich kurz bewusstlos wurde und zu Boden ging. Hätte ein Kollege nicht eingegriffen, wer weiss ..., er hat mir vermutlich das Leben gerettet.»

Doch so etwas kann Lenherr nicht erschüttern. Nicht umsonst hat sie sich für die Arbeit im gefährlichsten Stadtteil beworben. «Allerdings ist Denver verglichen mit anderen US-Grossstädten dieser Grösse eher friedlich», hält sie fest. Vergangenes Jahr habe es nur rund 60 Morde gegeben, im ähnlich grossen Baltimore über 300. Doch rund die Hälfte dieser Morde passierten in ihrem Distrikt, einem eher ärmlichen Stadtteil im Süden, in dem viele Latinos leben und viele Menschen, die auf staatliche Unterstützung angewiesen sind. Alkoholmissbrauch, häusliche Gewalt und Drogendelikte sind Alltag. Und Tamara Lenherr arbeitet nicht nur im kriminellsten Teil der Stadt, sie tut dies auch ganz bewusst nachts, also zur gefährlichsten Zeit. «Ich will Action, ich will etwas zu tun haben, das ist es, was diesen Job für mich so attraktiv macht», sagt sie und räumt unumwunden ein, dass sie ein Adrenalinjunkie ist.

Zwischen Zankenden vermitteln

Die «domestic disturbance» erweist sich als Streit zwischen einer Mutter und ihrem erwachsenen Sohn in einem Latino-Haushalt. Als Lenherr eintrifft, ist das Geschrei schon vorbei, der Sohn, ein etwa 30-jähriger Mann, steht vor dem Haus auf der Strasse, neben ihm seine Freundin und die drei Kinder. Sie wohnten seit ein paar Monaten bei seiner Mutter, erklärt der Mann. Doch es gebe ständig Streit, und nun hätten sie genug und wollten ausziehen. Die Mutter jedoch sei betrunken und wolle sie den Kühlschrank aus dem Wohnmobil im Hinterhof nicht mitnehmen lassen.

Lenherr hört dem Mann geduldig zu, hakt ab und zu nach, geht dann zum Haus, fragt die Mutter, ob sie reinkommen dürfe und hört sich ihre Version an. Die Freundin ihres Sohnes und deren Kinder seien ein Albtraum, das Leben mit ihnen die Hölle, sagt sie, unüberhörbar angetrunken, aber kooperativ. Es gelingt der Polizistin auszuhandeln, dass der Sohn den Kühlschrank und noch ein paar andere Dinge mitnehmen darf, sie und ihr Kollege bleiben im Haus und stellen sicher, dass dabei alles friedlich bleibt.

Es dauert rund eine halbe Stunde, Mutter und Sohn sprechen während der ganzen Zeit kein Wort miteinander. Doch als sich die Freundin nähert, beginnt das Schimpfen wieder. Lenherr greift sofort ein, weist die jüngere Frau an, das Haus zu verlassen und stellt so wieder Ruhe her. Schliesslich verlässt die Familie mit einem vollgestopften Auto das Grundstück, Lenherr und ihr Kollege gehen zurück zu ihren Wagen. «Das ist eine sehr typische Situation», erklärt sie anschliessend. «Leute zanken sich wie kleine Kinder, und wir sind die Erwachsenen im Raum, die versuchen, die Situation zu entschärfen.» Nicht immer endet es so friedlich wie diesmal. Umso mehr als der Mann eine eindrückliche Liste von Vorstrafen hat, wie sie später im Polizeicomputer herausfindet.

Kindheitstraum Polizistin

Tamara Lenherr ist in Gams SG im Rheintal aufgewachsen. «Schon als Kind habe ich davon geträumt, Polizistin zu werden», erzählt sie. Doch zunächst schlug sie einen ganz anderen Weg ein. 2004 arbeitete sie für einen amerikanischen Snowboard-Hersteller in der Schweiz, der ihr anbot, den Job von Denver aus zu machen, dank den nahen Rocky Mountains ein Hotspot der US-Wintersportindustrie. Sie sagte zu und verliebte sich sofort in den Staat Colorado. «Ich bin sehr sportlich, und die Outdoor-Möglichkeiten hier sind fantastisch.»

Nach ein paar Jahren kündigte sie ihren Job und eröffnete ein eigenes Geschäft, «Woofs and Hoofs», mit Zubehör für Hunde, Katzen und Pferde. Gleichzeitig sondierte sie, was es bräuchte, um in den USA die Police Academy zu durchlaufen. Eine grosse Hürde nahm sie 2012, seither besitzt sie neben dem Schweizer auch den US-Pass. Der Bewerbungsprozess dauerte ein weiteres Jahr, doch schliesslich durfte sie die Polizeiausbildung starten. «Das waren harte sechs Monate, körperlich wie psychisch.» Doch sie meisterte sie mit Bravour: Unter den 50 Leuten waren zehn Frauen, sie beendete die Ausbildung an der Spitze ihrer Klasse.

Seit 2014 ist sie nun Patrol Officer im Distrikt 4, ihr Tierzubehörgeschäft wird derweil von anderen gemanagt. Und während sie zu Beginn noch in einem schicken Loft im Zentrum von Denver lebte, wohnt sie nun in Pine, einem kleinen Kaff am Rande der Rocky Mountains, allein mit Hund, Katze und zwei Pferden. «Der perfekte Ausgleich zu meinem Job, dort habe ich meine Ruhe, kann entspannen. Und beim Joggen, Biken oder Skifahren begegnet man oft stundenlang keinem einzigen Menschen.» Lenherr hat einen Freund, die beiden wohnen jedoch nicht zusammen. Auch er ist Cop, allerdings in einem noch gefährlicheren Job bei einem Swat-Team, einer Einsatzgruppe, die zu den richtig heiklen Fällen gerufen wird. «Der Vorteil ist, dass wir beide gegenseitig viel Verständnis für die Herausforderungen des Polizistenlebens haben, der Nachteil, dass sich auch privat viel um den Job dreht.»

Einmal pro Monat Undercover-Prostituierte

Der nächste 911-Anruf führt sie erneut mit Sirene und Blaulicht in einen Sozialwohnungskomplex. Dort soll sich ein Mann aufhalten, der fünf Autos gestohlen hat und nun auf der Flucht ist. Als Lenherr eintrifft, haben Kollegen von ihr den Autodieb jedoch bereits gefasst. Rauchend und in Handschellen sitzt er auf dem Gras neben dem Eingang, ein Uniformierter neben ihm. Ein paar Meter entfernt sitzen fünf weitere Personen am Boden, zwei ebenfalls in Handschellen. «Sie waren in der gleichen Wohnung wie er», erklärt Lenherr, «nun wird sondiert, ob sie Mitwisser oder Zeugen sein könnten.»

Am Ende werden vier der fünf wieder freigelassen, für die Fünfte, eine Frau mittleren Alters, jedoch gibt es einen Haftbefehl, weil sie einen Gerichtstermin wegen eines Drogendelikts nicht wahrgenommen hat. Als einzige weibliche Polizistin vor Ort wird Lenherr gebeten, die Verhaftung vorzunehmen. «Sexuelle Belästigung ist auch bei uns ein grosses Thema. Männliche Cops wollen sich diesem Vorwurf nicht aussetzen, der schnell mal kommen kann, weil man die Leute bei der Verhaftung abtasten und durchsuchen muss. Wenn ich das bei einer Frau mache, gibts weniger Probleme.» Genau das tut sie nun, legt die Frau in Handschellen, tastet sie ab, bringt sie zum Streifenwagen und platziert sie auf der abgetrennten Rückbank.

Der Umgangston zwischen Polizistin und Verhafteten ist freundlich. Sie sagt, sie sei sich nicht bewusst gewesen, dass es einen Haftbefehl gebe, verhält sich auch sonst höflich und kooperativ. Lenherr fährt mit ihr zur lokalen Polizeistation, wo es drei kleine Notfallzellen gibt, in denen die Verhafteten maximal zwei Stunden verbringen, bevor sie abgeholt und in ein richtiges Gefängnis gebracht werden. Die Zellen sind karg, lediglich eine Betonplatte, auf der man sitzen oder liegen kann, und eine metallene Kloschüssel. Da in allen dreien schon eine Person ist, muss sich die Frau die Zelle mit einer anderen teilen.

Einmal im Monat macht Lenherr noch einen anderen Job, als Undercover-Prostituierte. «Eine nette Abwechslung», findet sie und lacht. Prostitution ist in Colorado illegal, erwischt man Freier auf frischer Tat, kann man sie direkt verhaften. «Am meisten läuft nicht nachts, wie immer alle denken, sondern über Mittag und unmittelbar nach der Arbeit. Dann müssen die Männer ihren Ehefrauen nicht erklären, warum sie so lange weg waren, sondern können das quasi im Arbeitsalltag verstecken.» Lenherr steht dann jeweils leicht bekleidet an bestimmten Orten, ausgerüstet mit Mikrofonen, die alles aufzeichnen. Wenn sie mit einem potenziellen Freier ins Gespräch kommt, versucht sie, ihn zu expliziten Aussagen über Sex und Bezahlung zu bringen – passiert das, tauchen ihre Kollegen auf, verhaften den Mann und informieren umgehend seine Ehefrau.

Ein Job mit hohen Risiken

Wie geht ihr Umfeld mit ihrem gefährlichen Job um? «Vielen erzähle ich nicht so genau, was ich alles mache. Einige wollen es auch gar nicht wirklich wissen, etwa meine Mutter.» Alles in allem jedoch gehe das ganz gut. Dass ihr fast jede Nacht etwas zustossen könnte, steckt sie lockerer weg als ihre Umgebung. «Ich habe keine Kinder, wollte ich auch nie. Das macht es leichter, weil ich für niemanden direkt verantwortlich bin.» Kollegen mit Kindern seien vorsichtiger und hätten ein anderes Verhältnis zum Job als sie. «Falls ich hingegen sterbe, hat das keine dramatischen Folgen für andere.»

Dass dafür ein Risiko besteht, zeigt nur schon die Ausrüstung, die sie jede Nacht mit sich trägt: eine schusssichere Weste, eine Pistole mit 52 Kugeln, ein Taser, Pfefferspray – alles in allem rund 18 Kilo. «Ziemlich viel Zusatzgewicht, wenn ich damit einen Gangster verfolgen muss», sagt sie und grinst.

Cop Tamara Lenherr und Kollege auf nächtlicher Patrouille
Obwohl Lenherr auf nächtlicher Patrouille selbst schon in Lebensgefahr war, hat sie mit ihrer Pistole im Einsatz noch nie geschossen.

Sie weiss natürlich auch, dass der Ruf der Cops in den USA angeschlagen ist: Viele werfen ihnen pauschal vor, erst zu schiessen und dann Fragen zu stellen – insbesondere, wenn es um Minderheiten wie Afroamerikaner oder Latinos geht. Lenherr ist ein Beispiel, dass es auch die anderen Polizisten gibt. «Aber natürlich habe ich Kollegen, die öfters geschossen und auch schon getötet haben.» Warum schiesst man denn nicht wenigstens auf die Beine oder die Schulter, damit die Leute nicht gleich sterben? «Weil es schwierig ist, jemanden zu treffen, erst recht in einer hektischen Stresssituation, in der man dann unweigerlich steckt. Wir sind darauf trainiert, immer auf den Torso zu zielen, weil dort die höchste Trefferchance besteht.»

Die lockeren Waffengesetze der USA machen das Leben der Cops noch gefährlicher: «Hier hat jeder eine Waffe», sagt Lenherr. «Wir müssen also immer damit rechnen, dass wir beschossen werden.» Deshalb fühlt sie sich von der neuen Trump-Administration besser gestützt als durch die Vorgängerregierung unter Barack Obama. «Sie haben mehr Verständnis für unseren Job», findet sie. Gewählt hat sie Trump allerdings nicht. «Ich habe für einen unabhängigen Kandidaten gestimmt, weil ich weder Hillary noch Trump mochte.» Unter ihm sei das Land nun noch polarisierter geworden. «Ich hoffe sehr, dass wir bei der nächsten Wahl wieder in die Mitte zurückfinden.»

Die Schweiz ist ihr zu eng geworden

Wie unbeliebt der aktuelle Präsident in Europa ist, bekommt sie jeweils von ihren Schweizer Freunden mit. Die Kontakte in die alte Heimat sind eng, ihre Mutter schickt ihr jeden Monat Raclette, Schokolade und Aromat. «Ich vermisse also schon gewisse Dinge aus der Schweiz, neben einigen Lebensmitteln auch Kultur und Geschichte», erklärt sie. «Aber immer, wenn ich dort bin, weiss ich nach einer Woche auch wieder, warum ich gegangen bin: Das Wetter ist zu schlecht, und es hat überall immer viel zu viele Leute.» Colorado ist sechsmal grösser als die Schweiz, bei nur gerade 5,6 Millionen Einwohnern. Eine Rückkehr in die alte Heimat kann sie sich denn auch nicht vorstellen. «Sie ist zu eng für mich geworden, nicht nur geografisch, auch mentalitätsmässig.»

Umso mehr als sie zielstrebig ihren nächsten Traum verfolgt: Detective bei der Mordkommission. Die Weiterbildungen dafür hat sie alle erfolgreich absolviert, Stellen sind jedoch rar, und die Konkurrenz ist gross. «Aber meine Chancen sind nicht schlecht, ich werde hier auch von meinen Chefs gut gefördert.» Würde das klappen, wäre es vorbei mit den nächtlichen Strassenpatrouillen – kein Problem für den Adrenalinjunkie? Sie lacht und schüttelt den Kopf: «Nein, als Detective ist es noch viel aufregender.»

Benutzer-Kommentare

Alle Kommentare anzeigen

Verwandte Artikel

Martin Sigg

Hausarzt gesucht

Kolumnist Bänz Friedli

Heiss, aber cool

Peggy Schuhmann im Labor der SQTS

Eine Lebensmittel-Chemikerin macht in der Migros Karriere

Alexander Neumann bei der Arbeit in den Pilatus Flugzeugwerken

Die Kurve gekriegt