15. Juli 2019

Sie macht den Blog zum Gärtnern

Die Ostschweizerin Carmen Siegrist bloggt über ihren Biogarten, ihr Haus und ihre Familie. Und erzielt Millionen von Klicks. Dabei liegt ihr Erfolg gerade darin, dass sie sich zurücknimmt und die Natur wirken lässt.

Kleiner Ort, grosse Reichweite: In Lanterswil TG mit seinen 140 Einwohnern lebt die schweizweit bekannte Gartenbloggerin Carmen Siegrist.
Kleiner Ort, grosse Reichweite: In Lanterswil TG mit seinen 140 Einwohnern lebt die schweizweit bekannte Gartenbloggerin Carmen Siegrist.

Sie schreibt über Urban Gardening und liebt das Leben auf dem Land. Sie gibt die Hausfrau, ist aber Herrin über Bauten und Beete. Sie wirkt zurückhaltend und lebt im Thurgau auf knapp 1000 Quadratmetern. Und sie vergleicht Gärtnern mit Malen; bei beiden Tätigkeiten beginnt man auf leeren Flächen. So war das zumindest bei ihr.

Carmen Siegrist führt zwischen roten Rosengeranien, prallen Salatköpfen und Säulenzwetschgen durch den gepflegten Biogarten, den sie auch ihr Wohnzimmer nennt. Die 45-Jährige geht barfuss, sie hat etwas Mädchenhaftes. Unter ihren Fingernägeln klebt Erde, zuvor hat sie Stauden geschnitten, Pfingst- und andere Rosen gepflückt. Wie jeden Tag im Juni und Juli, wenn es blüht, riecht und summt. «Ich giesse und mache nur das Nötigste, in gewisse Beete greife ich gar nicht ein», sagt Siegrist. Demonstriert sie falsche Bescheidenheit? So wie auf ihrem Blog «ein Schweizer Garten», wenn sie fragt: «Liest hier überhaupt jemand mit?»

Die Bloggerin hat in ihrem Garten Pfingstrosen gepflückt
Frisch gepflückt: Carmen Siegrist mit einem Strauss Pfingstrosen aus ihrem Garten.

Mit wenig Geld zum Glück

Dass sie offenbar vieles richtig macht, zeigen die begeisterten Kommentare, die zuweilen von weit her kommen – zum Beispiel aus dem fernen Hamburg – und die über 13 Millionen Klicks, die ihre Posts bislang insgesamt bekommen haben. Siegrist sagt, sie sei eine «lazy Gardener», eine nachlässige Gärtnerin also. Man könnte auch sagen: kluge Gärtnerin. Sie macht vor, wie man Zeit spart, die Umwelt schont, reich erntet. Weil Menschen immer weniger Zeit haben, trifft sie damit einen Nerv. Unbeabsichtigt, wie sie sagt.

Vor elf Jahren zog die selbstständige Bauplanerin mit Mann und zwei Kindern in das unfertige Holzhaus, das sie entworfen und ihr Bruder gezimmert hatte. Ihr Budget war aufgebraucht. Rund ums Haus blickte die Familie auf Nachbarhäuser und eine kahle Erdfläche, so gross wie zwei Basketballfelder. «Weil wir auch viel Zeit im Haus verbringen, sollte der Blick aus dem Fenster schön sein», sagt die Ostschweizerin. Ohne Geld ging das nur, weil sie den Garten in Hanglage selbst ein- und aufteilte und bepflanzte. Also las sie einen Winter lang alles Mögliche über Sträucher, Pflanzen und Blumen, zog aus Stecklingen Bäume, die schnell wachsen und heute das Haus nach aussen abschirmen: Weiden, Holunder, Haselnuss. Sie fotografierte und kommentierte jede Veränderung.

«Ziel war es lediglich, den Garten und den Innenausbau des Hauses für mich zu dokumentieren», sagt Siegrist. Inzwischen stehen hie und da Fremde im Garten, nämlich dann, wenn sie ihn der Öffentlichkeit zugänglich macht.«Es ist speziell, weil die Leute durch den Blog viel über mich wissen, und ich weiss nicht, wer sie sind.» Die Besucher erkennen sogar Siena und Ronja, die ungarischen Strassenhündinnen, die Carmen Siegrist auf Schritt und Tritt folgen.

Gemütliche Ecke: Im Garten von Carmen Siegrist kann man auch gut entspannen
Gemütliche Ecke: Im Garten von Carmen Siegrist kann man auch gut entspannen.

Richtig wohl scheint sie sich als Identifikationsfigur nicht zu fühlen. Im Gespräch fehlt auch der Eifer, den man von Leuten gewohnt ist, die sich einer Sache verschrieben haben. «Ich bin nicht anders als früher», sagt die Ostschweizerin, streitet aber nicht ab, dass sich neue Möglichkeiten ergeben haben: Carmen Siegrist bloggt nun auch für den Migros-Fachmarkt Do it + Garden, fährt in Privatgärten nach Schwyz oder Zürich, wo sie die Besitzer berät oder Beete und Wege aussteckt. Kurz: Sie hat zu tun, seit sie unter Hobbygärtnern bekannt geworden ist.

Sie lässt den Garten machen

Da kommt Carmen Siegrist ihre gelassene Haltung entgegen. «Der Garten hat mich Geduld gelehrt, und, dass man ihm Zeit lassen muss», sagt sie und steuert die Kirsch- und Mirabellenbäume an. Das Wetter im Frühjahr war nass und kühl, Krankheiten wie Schrotschuss und Monilia haben sich ausgebreitet. Befallene Äste und Blätter muss sie entfernen. Statt nach Pestiziden greift sie konsequent zur Gartenschere: «Pflanzen und Blumen, die nicht gedeihen, haben bei mir keine Daseinsberechtigung.»

noch nicht Garten ist die grosszügige, überdeckte Veranda
Zwischenraum: Nicht mehr drinnen, aber auch noch nicht Garten ist die grosszügige, überdeckte Veranda.

Trotzdem lässt sie es im Garten wachsen, passt sich dessen Bedürfnissen an und nicht umgekehrt. «Im Tessin hätte ich einen anderen Garten und blaue Hortensien. Dort ist der Boden sauer genug.» Sie wählt die geeigneten Pflanzen, düngt mit Kompost und schützt den Boden mit Mulch aus Rasenschnitt. Und sie zieht Gemüse, das sich ergänzt: Rüebli und Lauch halten einander die Lauchmotten fern. Selbst die Buchskugeln entwickeln sich bei Siegrist prächtig – im Gegensatz zu den vom Buchsbaumzünsler befallenen Gewächsen in anderen Gärten. Die vielen Vögel in der Gegend fressen den Schädling, eine eingeschleppte asiatische Raupe. Hingegen kann Lavendel hier kaum überleben, der Boden ist zu feucht und zu schwer.

Ist ihr Garten so geworden, wie sie ihn einst geplant hat? «Ja», sagt Carmen Siegrist, «aber es wird nicht mein letzter sein.» Sie wolle nicht dereinst mit 70 diesen Garten aufgeben müssen, weil sie ihn dann vielleicht doch nicht mehr selbst bewirtschaften könne. Lieber gebe sie ihn vorher auf und fange nochmals von vorne an. Einfach kleiner. Intelligent angelegt, arbeite der Garten sowieso von selbst.

Benutzer-Kommentare

Verwandte Artikel

Auch der Rasen will in Ordnung gehalten werden

Junggemüse im Familiengarten

Pascale Treichler vor ihren Hochbeeten. Hier gedeiht ein Cassis-Strauch bestens.

Vom Gartenbeet auf den Tisch

Die 10-Liter-Giesskanne aus Zink Jetzt gewinnen

Eine 10-Liter-Giesskanne gewinnen

Informationen zum Author

Der Robinson-Spielplatz beim Grotzenwäldli bei Engelberg

Unsere heissesten Grillplätze

Informationen zum Author