14. Mai 2020

Sie bringen Oldtimern das Flüstern bei

Silvia und Till Marton verwandeln alte Autos in Elektromobile. Was das Tüftlerpaar in seiner Werkstatt macht, finden manche Leute toll, andere empören sich darüber.

Silvia und Till Marton mit ihrer Elektro-Corvette
Eine Corvette als Elektromobil: Silvia und Till Marton vor ihrem Flüster-Boliden

Eine Tiefgarage in Küssnacht am Rigi: Im harten Licht der Leuchtstoffröhren steht ein flaches Auto, das mit einer Plane verhüllt ist. Nachdem Silvia Marton das Tuch weggezogen hat, scheint sich die triste Garage auf einen Schlag in einen mondänen Ort zu verwandeln: Zum Vorschein kommt ein prunkvoller, unbezahlbarer Oldtimer – ein knallgelbes Corvette-Cabriolet aus dem Jahr 1962, das vom breiten Kühlergrill über die muskulös wirkenden Flanken bis zu den vier kleinen Schlusslichtern liebevoll restauriert worden ist.

Silvia Marton und ihr Mann Till nehmen im eng geschnittenen Cockpit Platz. Gleich wird wohl ein Donnergrollen von den Betonwänden widerhallen. Schliesslich wurde in den Sportwagen einst ein gewaltiger V8-Motor eingebaut. Doch als das Paar das Auto startet und damit durchs Parkhaus kurvt, bleibt es still. Nur das Geräusch der rollenden Reifen ist zu hören.

Wir wollen zeigen, wie cool Elektromobilität sein kann.

Die Martons haben die Corvette nicht nur instand gesetzt, sondern auch zum Elektrofahrzeug umgebaut. Unter der endlos langen Motorhaube verbirgt sich nun ein wuchtiger Akku; eine zweite Batterie befindet sich im Kofferraum. Der Elektromotor selber ist nicht grösser als eine Schuhschachtel – ein Winzling im Vergleich zum alten V8. Und doch beschleunigt er das Cabrio aus dem Stand schneller.

Motorraum der Elektro-Corvette
Akku statt V8-Motor: Ein Blick unter die Motorhaube des Elektro-Oldtimers, der eine Reichweite von 350 Kilometern hat
Elektrotechnik in der Corvette
Unter der gelb lackierten Hülle der Corvette findet sich nun überall Elektrotechnik.
Silvia und Till Marton mit ihrer Elektro-Corvette
Solange die Corvette parkt, ist nicht zu erahnen, dass sie nun ein E-Auto ist.

Das Paar fährt am Seeplatz in Küssnacht am Rigi vorbei, wo sich etliche Passanten nach dem lautlosen Sportwagen umdrehen. Später wählen die beiden 37-jährigen Tüftler eine Überlandstrasse ins Zugerland. Mit solchen Spassfahrten belohnen sie sich für die harte Arbeit.

Aussen retro, innen elektro

Zweieinhalb Jahre lang hat das Paar das alte Cabrio restauriert. Die Karosserie – bei der Corvette seit jeher aus Kunststoff – war aus der Form geraten und mit zugespachtelten Bruchstellen übersät. «Wir mussten die Hülle des Autos mit Kunstharz und einem Gewebe aus Glasfasern neu aufbauen», sagt Silvia Marton. Fieberhaft suchten sie und ihr Mann nach originalen Ersatzteilen. 900 davon bauten sie in den Sportwagen ein – von der neu verchromten Zierleiste bis zum eleganten Brillenfach zwischen den Frontsitzen. Bei der komplizierten Restaurierung liess sich das Paar von Corvette-Spezialisten helfen, die alles über diesen Sportwagen wissen.

Elektro-Corvette von hinten
Die Kunststoff-Karosserie der Corvette war in erbärmlichem Zustand und musste mit viel Aufwand in Form gebracht werden.
Elektro-Corvette von vorne
Viele Metallteile haben die Martons ersetzt oder neu aufgechromt.

Noch schwieriger war es, den Oldtimer zu elektrifizieren. «Die beiden Akkus wiegen zusammen fast eine halbe Tonne», erklärt Till Marton. «Dieses grosse Mehrgewicht musste richtig verteilt werden, damit der Sportwagen weiterhin eine gute Strassenlage hat.» Keinesfalls sollte ein schnöder Bildschirm das prächtige Armaturenbrett verschandeln. Die alten Rundinstrumente blieben also erhalten, bekamen aber neue Funktionen. So zeigt die Benzinuhr nun den Ladestand der Batterie an.

Lenkrad der Elektro-Corvette
Die alten Armaturen blieben erhalten, ...
Cockpit der Elektro-Corvette
... doch die Benzinuhr zeigt jetzt den Ladestand der Batterie an.

Die Corvette würden die Martons nie verkaufen. Doch sie wirbt als fahrendes Schaustück für ihre Manufaktur im Industriequartier von Küssnacht am Rigi. Die beiden gaben 2018 sichere Jobs als Agronomin und Informatiker auf, um ihr eigenes Start-up zu gründen. Bis jetzt geht ihnen erst eine einzige Angestellte zur Hand: Es ist die ehemalige Grafikerin Sabrina Späti (32), die sich wie das Ehepaar in zahllosen kleinen Schritten zur Automechanikerin und Konstrukteurin fortgebildet hat. Das gemeinsame Ziel der drei: Sie wollen schöne Oldtimer zukunftstauglich machen und ihnen das Flüstern beibringen.

Mehr als ein teures Spielzeug

Wie radikal der Umbau der alten Autos ist, zeigt ein Blick in die Werkstatt: Auf einer blauen Hebebühne steht gerade ein völlig ausgeweideter Citroën DS. Auch ein seltener Jaguar aus dem Jahr 1960 wartet auf seine Umrüstung zum Elektrofahrzeug.

Sabrina Späti rüstet einen 60 Jahre alten Jaguar zum Elektroauto um
Sabrina Späti rüstet einen 60 Jahre alten Jaguar zum Elektroauto um.
Jaguar wird zum Elektromobil
Baupläne eines alten Jaguars
Skizzen an der Werkstattwand zeigen, wie das neue Innenleben des Jaguars aussehen wird.
Baupläne eines alten Jaguars
Auch der Umbau des Citroën DS ist bereits bis ins letzte Detail geplant.

Vorläufig können sich nur sehr solvente Kunden die Produkte der Manufaktur Marton leisten. So wird etwa der Jaguar stolze 380 000 Franken kosten, wenn er dann fertig restauriert und umgebaut sein wird. Fertigt das kleine Team also bloss teure Spielsachen für Multimillionäre an, die sonst schon alles haben?

In den sozialen Medien wurde uns ein Besuch mit Fackeln und Heugabeln angedroht.

Dem widersprechen alle drei mit Nachdruck. «Wir verstehen unsere wiedererweckten Oldtimer als Botschafter der Elektromobilität», sagt Silvia Marton. «Sie sollen allen vor Augen führen, wie cool E-Autos sein können.» Vorläufig verdienen sie mit dieser Idee noch kein Geld, doch sie kommen den schwarzen Zahlen immer näher. «Wir wollen unsere Werkstatt schon bald erweitern, das Team aufstocken und langfristig zehn Oldtimer pro Jahr umbauen», erläutert Till Marton.

Fest steht, dass die Gefährte mit alter Schale und High-Tech-Kern niemanden kaltlassen. Andere E-Auto-Fahrer regen sich zuerst auf, wenn die gelbe Corvette neben einer Ladestation steht. Sie meinen dann, hier blockiere eine CO2-Schleuder die Zapfstelle. Sobald sie die Martons aber mit einem Ladekabel hantieren sehen, schlägt der Ärger der Elektromobilisten erst in Staunen und dann in Begeisterung um.

Steckdose der Elektro-Corvette
Andocken der Corvette an der Ladestation
Corvette am Strom
Strom statt Sprit. An den Ladestationen erregt die gelbe Corvette bei anderen E-Autofahrern immer wieder Aufsehen.

Wütende Oldtimer-Fans

Ganz anders die Reaktionen puristischer Oldtimer-Fans: Sie warfen dem Ehepaar schon «Blasphemie» vor und schleuderten ihnen entgegen, sie hätten der Corvette «die Seele herausgerissen». In den sozialen Medien wurde der Manufaktur gar ein Besuch «mit Heugabeln und Fackeln» angedroht. Erschrecken lassen sich das Ehepaar und seine Mitarbeiterin davon nicht. Schliesslich erfüllen sie sich hier einen lange gehegten Traum, der auf die Kindheit der drei zurückgeht. Silvia Marton interessierte sich als kleines Mädchen viel mehr für den weissen Plastik-Ferrari ihrer Barbie als für die Puppe selbst. Die beiden Martons und auch Sabrina Späti waren schon als Kinder vom Twike fasziniert – einer eigenwilligen Kreuzung aus Velo und Elektro-Kabinenroller. Jetzt setzt das Trio seinen Weg fort – ruhig und spursicher wie die gelbe Corvette auf der Überlandstrasse.

Silvia und Till Marton mit ihrer Elektro-Corvette
Aus jedem Blickwinkel ist das liebevoll restaurierte Cabrio ein Hingucker.

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