20. Dezember 2017

Sich nicht durch Besitz bestimmen lassen

Der Philosoph Yves Bossart erklärt, warum Dinge einen symbolischen Mehrwert haben – oder warum ein Auto mehr als ein Stück Blech ist.

Yves Bossart
Neugier, Ersatzbefriedigung, Identitätsstiftung: Besitz hat für Yves Bossart viele Facette. Wichtig scheint dem Philosophen, dass man Besitz auch wieder loslassen kann.

Yves Bossart, im Durchschnitt hat jeder Erwachsene hierzulande ein Vermögen von 535 000 Franken zur Verfügung, mehr als in jedem anderen Land. Warum machen sich trotzdem so viele Schweizer Sorgen um ihre Zukunft?

Wahrscheinlich nicht trotzdem, sondern gerade deswegen. Wer viel hat, kann auch viel verlieren.

Man glaubt, Geld gibt Sicherheit. Aber eigentlich passiert genau das Gegenteil?

Man braucht eine gewisse Summe, um anständig leben zu können. Mit immer mehr fühlt man sich aber nicht unbedingt besser. Das zeigt auch die Glücksforschung. Einer Studie der US-Universität Princeton zufolge erfahren Amerikaner ab einem Jahresnettoeinkommen von 75'000 Dollar keine Steigerung ihres persönlichen Lebensglücks mehr. In der Schweiz dürfte der Betrag etwas höher sein, aber das Prinzip greift auch hierzulande.

Warum streben wir trotzdem nach mehr?

Wichtige Gründe sind sicher die Gewohnheit und der Vergleich: Wir gewöhnen uns schnell an einen höheren Lebensstandard und vergleichen uns in der Regel nach oben – mit denjenigen, die mehr haben, besser oder schöner sind. Zudem sind die Dinge, die wir besitzen, nicht nur materiell. Ein Auto ist nicht nur ein Stück Blech, ein Kleid nicht nur ein Fetzen Stoff. Dinge haben einen symbolischen Mehrwert. Wir kaufen mit Dingen auch ein gewisses Lebensgefühl, ein bestimmtes Image. Damit ist Besitz immer auch identitätsstiftend.

Macht der Besitz uns zu dem, was wir sind?

Bei den Menschen, die sich über ihren Besitz definieren, mag das so sein. Nicht umsonst sagt man: «Kleider machen Leute.» Mit Besitz lässt sich ein fehlender innerer Selbstwert kurzfristig kompensieren. Zudem kann Kaufen kurzfristig glücklich machen: Da ist die Neugier, das prickelnde Erlebnis in den Kaufhäusern, vielleicht sogar gemeinsam mit Freunden. Das kann zu einem wahren Dopaminrausch führen – und darum kann Kau-fen sogar süchtig machen.

Warum ist dieses Glück nicht nachhaltig?

Weil der Rausch und der Reiz des Neuen schnell verklingen. Wir sind diesbezüglich wie Kinder. Die Kleinen wollen doch immer am liebsten das Spielzeug, mit dem das andere Kind gerade spielt. Die Neugierde, diese Gier nach Neuem, ist uns angeboren.

Was kann man tun, um aus diesem Hamsterrad auszusteigen?

Es beginnt mit der Einsicht, dass Konsumieren auf Dauer nicht wirklich glücklich macht. Innere Zufriedenheit erlangt man nicht, wenn man einfach ein Bedürfnis nach dem anderen stillt. Das hat etwas Getriebenes, weil es immer noch etwas Besseres, Neueres oder Schöneres gibt. Das hört nie auf.

Yves Bossart

Was ist die Lösung?

Gehen Sie in sich. Fragen Sie sich in einem ruhigen Moment: Was mache ich hier überhaupt? Warum will ich all diese Dinge? Oft handelt es sich beim Konsum nämlich um eine materielle Ersatzbefriedigung oder um eine Flucht. Wir versuchen dann, unsere innere Leere äusserlich zu kompensieren oder unserer inneren Unruhe zu entkommen.

Wie findet man zu innerer Erfülltheit und Seelenruhe?

Letztlich geht es um Beziehung. Beziehung zu Freunden oder Familie, zur Natur oder Kunst, aber auch zu sich selber. Man sollte sich selber gern haben wie einen guten Freund oder eine gute Freundin. Wir alle möchten Anerkennung und Liebe.Aber nicht für das, was wir besitzen oder leisten, sondern für das, was wir sind. Eigentlich sind wir überhaupt keine Materialisten. (lacht)

Wirklich nicht?

Nein, ich glaube wirklich nicht. Es geht beim Konsumieren sehr oft um den Mehrwert der Dinge. Schauen Sie sich die Werbung an. Da wird nicht Zahnpasta verkauft, sondern ein glückliches Leben. Es wird nicht das Auto beworben, sondern das Freiheitsgefühl, das man mit ihm erlebt. Selbst Aussteigerfantasien werden so bedient: Wenn ich eine Jacke von einem bestimmten Outdoor- Label habe, dann fühle ich mich unabhängig und naturverbunden – aber erst muss ich shoppen gehen. So läuft das kapitalistische System.

Yves Bossart

Kann uns die Philosophie helfen, den Versprechungen des Kapitalismus zu widerstehen?

Durchaus. Philosophie besteht darin, einen Moment innezuhalten, Dinge zu hinterfragen, das Denken umzukehren und eine innere Revolution zu vollziehen. Der römische Denker Seneca, der im 1. Jahrhundert nach Christus lebte, war ein Stoiker und ging als solcher davon aus, dass man sein Los am besten erträgt, indem man es mit Selbstbeherrschung und Gelassenheit akzeptiert. Gemäss den Stoikern muss man nicht viel ändern im Leben, um glücklich zu sein – es kommt auf die Haltung an, auf die richtige Einstellung zu sich und zur Welt.

Und wie schafft man das?

Durch Übung. Seneca sagt: «Setzt euch dem Verzicht aus.» Wenn Sie Existenzängste haben, dann sollten Sie sich mit diesen Ängsten konfrontieren. In der Psychologie nennt man das auch Expositionstherapie.

Welche Übungen würde uns Seneca gegen den Konsumwahn empfehlen?

Vielleicht Camping oder eine Rucksackreise. Wenn wir unseren Lebensstandard für eine Weile zurückschrauben, merken wir, dass es auch mit weniger geht – und schätzen das, was wir haben, nachher wieder viel mehr. Epiktet, ein anderer Stoiker, sagt: «Nicht die Dinge selbst beunruhigen uns, sondern unsere Meinungen über die Dinge.» Viele meinen fälschlicherweise, dass man nur glücklich sein kann, wenn man viel besitzt.

Yves Bossart

Besitzen wir das überhaupt, was wir zu besitzen glauben?

Glaubt man den Stoikern, sind alle Dinge, die wir besitzen, bloss geborgt. Irgendwann muss man sie zurückgeben, spätestens mit dem Tod.

Das heisst, es gibt eigentlich gar keinen Besitz?

So weit würde ich nicht gehen. Aber die Philosophie arbeitet ja mit Perspektivenwechseln. Sie empfiehlt uns, die Dinge von einer anderen Seite anzuschauen. Macht man das, kann man das Leben auch als einen langen Sterbeprozess betrachten oder als einen Prozess mit vielen Schicksalsschlägen und Verlusten – und darum sollten wir letztlich unser Herz nicht an Dinge hängen, die uns wieder weggenommen werden können. Vollzieht man einen solchen Perspektivenwechsel kann man sich auch fragen: Besitze ich mein Smartphone – oder besitzt mein Smartphone mich?

Viele Religionen sehen die Einfachheit als erstrebenswertes Ziel oder gar als einzigen Weg zur Erfüllung. Warum das?

Letztlich sind Religionen Versuche, Sinn zu stiften. Ein Leben, in dem wir uns im Hamsterrad bewegen und Besitz anhäufen, ist sinnlos. Das fühlen wir alle.

Warum handeln wir nicht danach?

(lacht) Weil wir wie kleine Kinder sind, die in der Migros neben den Süssigkeiten stehen. Überall lauern Verlockungen. Und unsere Gier sitzt tief, vermutlich hat sie auch biologische Wurzeln. In Gesellschaften, in denen kein Überfluss herrscht, ist Gier etwas Hilfreiches. So kann man Vorräte anlegen und hat etwas für schlechte Zeiten.

Aber wenn ich nun Freude habe an schönen Dingen, etwa an Designerstücken. Ist das verwerflich?

Überhaupt nicht. Sie dürfen einfach nicht glauben, dass Sie ein besserer Mensch sind, wenn Sie dieses oder jenes besitzen. Vergessen Sie auch nicht, dass Ihnen das alles wieder abhanden kommen kann. Wenn Sie selbstbestimmt durchs Leben gehen möchten, dann müssen Sie auch selbstgenügsam sein. Autonomie hängt mit Autarkie zusammen. Die Stoiker würden sagen: «Machdich nicht zum Sklaven deiner Dinge.»

Aber wettern Sie hier nicht etwas zu sehr über Besitz. Sie sind Fernsehmoderator, sind gebildet und haben dadurch bereits einen gewissen Status. Es gibt Leute, die gewisse Dinge brauchen, um in Ihrem Umfeld etwas zu sein.

Das stimmt. Manchmal bedeutet der Verzicht auf Dinge einen Statusverlust oder gar den Ausschluss aus einer Gemeinschaft. Wenn ein Kind keinen Computer hat und gewisse Games nicht spielen kann, kann es nicht mitreden und gehört nicht dazu. Das kann schlimm sein. Aber ich möchte einfach dazu anregen, gewisse Werte zu überdenken. Seneca sagt: «Reich ist nicht derjenige, der viel hat, sondern derjenige, der wenig will.» Aber wenn man der Einzige ist, der so denkt, braucht das viel Mut.

Yves Bossart

Welcher Besitz ist Ihnen persönlich wirklich wichtig?

Ein gewisser Grundstock an Geld. Es gibt einem auch eine Form von Sicherheit. Ich war lange Student. Da hatte ich eine gewisse Unruhe in mir: Ich wusste, wenn irgendwas passiert, dann wird es anstrengend.

Gibt es einen Gegenstand, der Ihnen sehr wichtig ist?

Eigentlich nicht. Ich bin eher jemand, der zu viel ausmistet. Ich kann mich sehr gut trennen. Wohl fast von zu vielen Dingen.

Haben Sie denn schon mal bereut, etwas weggeworfen zu haben?

Das nicht. Aber als meine Mutter vor Kurzem meine alten Kinderspielsachen für meine Tochter hervorholte, erinnerte ich mich an gewisse Erlebnisse und Gefühle. Die Gegenstände lösten eine ganz spezielle Geborgenheit in mir aus. Diese Erfahrung möchte ich nicht missen. Ich selber hätte die Spiele wohl längst aussortiert. Für mich heisst das für die Zukunft, ein bisschen disziplinierter im «Behalten» zu sein. Gerade wenn es sich um Erinnerungsstücke handelt.

Erinnern Sie sich an Ihren ersten Besitz?

Ich erinnere mich an ein kleines Kissen, das mir gehörte. Ich kuschelte immer damit. Dieses Kissen war ein Heimkommen für mich. Es war extrem emotional aufgeladen.

Auf welchen Besitz könnten Sie selber verzichten?

Ich mache die Übung, die ich vorher empfohlen habe, ehrlich gesagt, nur sehr selten. Ich glaube aber, dass ich auf vieles verzichten könnte. Was mir wichtig ist, sind gewisse Tätigkeiten und das Gefühl von Geborgenheit. Das hängt von bestimmten Menschen, aber auch von einer bestimmten Atmosphäre ab. Etwa einem ruhigen Zuhause.

Es gibt das Konzept der Sharing-Economy: Gibt es Dinge, die Sie lieber teilen, als sie zu besitzen?

Wir haben kein Auto, wir nutzen Car-Sharing. Für unsere Tochter kaufen wir oft Secondhandkleider. Beim Kinderwagen haben wir lange überlegt und uns dann entschieden, einen neuen zu kaufen. Das musste nicht sein. Aber ich kenne diese Sehnsucht, etwas ganz Neues zu besitzen – wahrscheinlich steckt dahinter ein Verlangen nach Reinheit.

Was möchten Sie in Zukunft gern noch besitzen?

Ich wünsche mir nichts Materielles. Aber ich würde gern mehr Zeit haben für das, was mir wirklich wichtig ist. Ich möchte mehr mit Freunden unternehmen, mehr Zeit für mich selber haben, mich weniger unter Druck setzen.

Aber mal ehrlich: Haben Sie wirklich keine Schwäche?

Manchmal habe ich Anflüge und denke, es wäre toll, ein Motorrad zu besitzen. Das hat wahrscheinlich etwas mit Freiheit zu tun. Aber um dieses Gefühl zu erleben, muss ich nicht auf einem Töff sitzen, und es muss schon gar nicht zwingend ein eigener sein.

Benutzer-Kommentare

Verwandte Artikel

ältere Beeinträchtigte und Kinder

Im «Tandem» fast eine Familie

Iris Bohnet

Warum Fotos nicht in die Bewerbung gehören

Gemeinsam Znacht Leser-Beitrag

Neujahrsvorsätze: mehr dafür als dawider

Weihnachtsexperte und Liturgiewissenschaftler Guido Fuchs

Warum wir das Weihnachtsfest feiern, wie wir es feiern