09. November 2017

Sexuelle Orientierung spielt bei Leihmutterschaft keine Rolle

Viele Paare erfüllen sich ihren Kinderwunsch, indem sie befruchtete Eizellen von Leihmüttern austragen lassen. Die Schweiz soll Rechtssicherheit schaffen, fordert Ethikerin und Philosophin Barbara Bleisch.

Barbara Bleisch
Barbara Bleisch ist Ethikerin, Philosophin und Moderatorin der Sternstunde Philosophie.
Lesezeit 3 Minuten

Die Leihmutterschaft ist in der Schweiz und in den meisten Ländern Europas verboten. Warum halten Sie das für falsch?

Ich meine, dass die Leihmutterschaft in einem eng geregelten Rahmen ethisch erlaubt sein kann. Ausschlaggebend ist, dass die Frauen sich nicht wegen finanzieller Not auf ein solches Arrangement einlassen, dass sie während der Schwangerschaft über alle Eingriffe an ihrem Körper entscheiden können und dass das Kindswohl gewahrt bleibt. Die Schweiz sollte sich im Rahmen von internationalen Abkommen dafür einsetzen, dass Leihmutterschaftsverhältnisse verboten werden können, die solchen Standards nicht genügen. Ein generelles Verbot hilft keiner Partei.

Zu was sind Eltern ihrem Kind gegenüber verpflichtet, wenn es von einer Leihmutter geboren worden ist?

Sie müssen ihre Kinder darüber informieren, wer ihre biologischen Eltern sind. Dazu gehören nicht nur Samenspender und Eizellspenderinnen, sondern ebenso die Leihmutter. Sie ist nicht einfach ein «Brutschrank», sondern während neun Monaten die erste Bezugsperson des Kindes. Dies muss auch den sozialen Eltern bewusst sein. Eine Leihmutter sollte deshalb nicht anonym «gebucht» werden, sondern eine Person sein, die die sozialen Eltern kennenlernen und respektieren.

Welche Rechte und Pflichten hat eine Leihmutter?

Die juristischen Details regeln Leihmütter und die sozialen Eltern in einem Vertrag. Auch ohne entsprechende Regelung schuldet eine Leihmutter wie jede schwangere Frau dem ungeborenen Kind, sich nicht schädigend zu verhalten, also zum Beispiel auf Alkohol und Tabak zu verzichten. Strittig ist, ob sie als austragende Mutter auch das Sorgerecht hat, wenn vereinbart wurde, dass sie das Kind nach der Geburt abgeben wird. Entsprechende Sorgerechtsstreite gelangen immer wieder in die Medien – bei Leihmutterschaften kommt das aber im Gegensatz zu den vielen Sorgerechtsstreiten nach Scheidungen selten vor. Elternschaft ist eine höchst verantwortungsvolle Aufgabe, und oberste Priorität hat das Kindswohl. Leihmutterschaften mögen in einigen Hinsichten noch anspruchsvoller sein, aber viele Paare sind sich dessen bewusst.

Dennoch ist die Leihmutterschaft ein Geschäft, bei dem die Frau fürs Austragen eines Kindes bezahlt wird.

Es gibt auch unentgeltliche Leihmutterschaften, die aus altruistischen Motiven erfolgen. Auch wenn eine Leihmutter für das Austragen eines Kindes bezahlt wird, kann das unter eng gefassten Bedingungen sehr wohl verantwortungsvoll sein. Aus ethischer Sicht ist zentral, dass die wirtschaftliche Situation der Betroffenen nicht ausgenutzt wird. Deshalb brauchen wir die erwähnten Minimalstandards.

Halten Sie es moralisch und ethisch für vertretbar, wenn sich homosexuelle Menschen ihren Kinderwunsch durch eine Leihmutter erfüllen lassen?

Für die Bewertung einer Leihmutterschaft spielt die sexuelle Orientierung der Eltern meines Erachtens keine Rolle. Einige befürchten, es könne zu einer Diskriminierung der Kinder kommen. Das müsste man empirisch erst mal zeigen. Wäre das tatsächlich so, stellt sich die Frage, was daraus folgen würde. Sicher nicht, dass Homosexuelle keine Kinder haben sollten! Der Hinweis auf eine Diskriminierung kann in einer aufgeklärten Gesellschaft nur als Aufruf verstanden werden, die Diskriminierung abzuschaffen. In diesem Fall also mehr für die Gleichberechtigung homosexueller Eltern und deren Kinder zu tun.

Gibt es das Recht auf ein Kind?

Nein, mit drei Ausrufezeichen. Ein Recht auf ein Kind gibt es nicht, kann es nicht geben – auch für ­Heterosexuelle nicht. Niemand kann garantieren, dass aus einem Kinderwunsch auch ein Kind wird. Unter diesem Gesichtspunkt halte ich es für verwerflich, wenn die Leihmutter in einem bezahlten Arrangement nur dann bezahlt wird, wenn sie auch tatsächlich ein Kind zur Welt bringt.

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