14. Oktober 2013

Seltene Berufe

Es muss nicht immer das KV sein: Hunderte verschiedene Berufe können in der Schweiz erlernt werden. Und wer darunter immer noch nicht das Passende findet, kreiert einfach seinen eigenen Beruf. Wir stellen Menschen vor, die ihre Nische in der Arbeitswelt gefunden haben.

Berufe gibts, die gibts gar nicht. Da befassen sich Menschen mit Müttern und nennen sich Mama-Coach, oder sie helfen beim Aufräumen und tragen den Titel Ausmister. Ihre Klientel: berufstätige Mütter, die ihren Alltag nicht auf die Reihe kriegen, oder Menschen, die in materiellem Überfluss versinken. Herausforderungen, welche die moderne Gesellschaft hervorgebracht hat.

Natürlich gibt es auch neue Berufsbilder, die man regulär lernen kann, in einer Lehre oder Weiterbildung, mit Diplom oder Fachausweis. Da gibt es den Mediamatiker, die Fachfrau Kundendialog, den Veranstaltungsfachmann oder Social Media Manager. Oder den Solarteur, wie wir ihn hier vorstellen.

Gemmologe
Hättest du's gewusst? Dieser Beruf heisst "Kleingemmologe"

Andere Berufe haben in den letzten Jahren einen neuen Namen bekommen, die Tätigkeit ist aber noch die gleiche. So nennt sich zum Beispiel der frühere Zweiradmechaniker für Mofas heute Kleinmotorrad- und Fahrradmechaniker. Die Website www.sbfi.admin.ch (Staatssekretariat für Bildung, Forschung und Innovation) bietet weitere interessante Einblicke und alle nötigen Informationen zu mehreren hundert Berufen an, die in der Schweiz erlernt werden können.

Nicht dabei ist der Mauser oder die Mauserin: Menschen, wie Kathrin Hirsbrunner, die Felder und Gärten von Feldmäusen freihalten. Sie ist bei aller moderner Technik durch keine Maschine ersetzbar. Wie ihr Job aussieht, erzählt sie gleich selber, zusammen mit vier anderen Vertretern besonderer Berufe.

Kathrin Hirsbrunner mit zahlreichen Fähnchen in der Hand
Mit Fähnchen kennzeichnet Kathrin Hirsbrunner die Standorte der Mausefallen. Je nach Tageszeit ist die Fahne gelb, rot oder orange.

Die Mauserin: Besser als 100 Katzen

Kathrin Hirsbrunner (56) kann nicht über eine Wiese gehen, ohne jede Erhebung zu registrieren. «Erdhügel gleich Wühlmaus oder Maulwurf», sagt sie und lacht. Die Mäuse sind Hirsbrunners Business, sie ist Mauserin.

Sie steht mitten auf einem riesigen, mit bunten Fähnchen gespickten Feld: Sie signalisieren die Mausefallen, die Hirsbrunner in den Boden gesteckt hat. Im Hintergrund starten röhrend Militärflugzeuge. Hirsbrunner arbeitet hier im Auftrag des Flughafens von Emmenbrücke LU, sie soll das Areal von Feld- und Wühlmäusen befreien. Denn wo Mäuse sind, sind Raubvögel nicht weit, und diese können startenden Flugzeugen gefährlich werden, etwa wenn sie ins Triebwerk geraten.

Bis vor acht Jahren half die Bernerin als Arbeitsagogin psychisch beeinträchtigten Menschen, zurück in den Arbeitsmarkt zu finden. Nach zwölf Jahren wollte sie sich neu orientieren. «Ich hatte kaum mehr Energie für mich und wollte selbständiger arbeiten.» Als sie hörte, dass der letzte Mauser der Schweiz seinen Job an den Nagel gehängt hatte, dachte sie: Das wäre etwas für mich.

Wühlmäuse leben von Pflanzenwurzeln und können auf Fresstour ganze Gemüsefelder oder Obstplantagen ruinieren. Zudem verunreinigen ihre Erdhügel das als Tierfutter gemähte Gras. Deshalb ist Hirsbrunner oft bei Bauern im Einsatz, aber auch im Auftrag von Gemeinden und Städten auf öffentlichem Grund sowie in privaten Gärten — gerne auch mal von einem Butler begleitet, etwa wenn ein Millionär seinen Obstgarten entmausen lässt. In Spitzenzeiten fängt die Mauserin mit einer Mitarbeiterin gut 300 Tiere täglich. Das schafft keine Maschine und keine Katze — ausser sie hätte 99 Artgenossen dabei.

Meist werden die Mäuse in der röhrenförmigen Falle auf der Stelle getötet, zur Sicherheit streckt Hirsbrunner jedem Tier die Wirbelsäule, damit es sicher tot ist und nicht leiden muss. Das Töten ist die Schattenseite von Hirsbrunners geliebtem Beruf. Ihr als Tierfreundin fällt das immer noch schwer, zudem muss sie sich oft Passanten gegenüber rechtfertigen. Sie erklärt dann, welche Schäden die Tierchen anrichten können. Und sie betont: Mausen mit Fallen sei für die Tiere viel weniger brutal als das Töten mit Gift.

Solarteur Marcel Bösch mit einem Solarpanel auf einem Hausdach.
Immer gut gesichert: Als Solarteur montiert Marcel Bösch Solarpanels auf Dächern.

Der Solarteur: Der Sonne entgegen

Auf die Höhenluft könnte Marcel Bösch (30) gut verzichten. «Ich bin nicht 100-prozentig schwindelfrei», sagt er, «aber immer gut gesichert.» Das muss sein, denn Bösch steigt auf 3 bis 15 Meter hohe Häuser, um Solarpanels zu montieren. Er ist auch zuständig für den Einbau der dazugehörenden Warmwasser- und Heizsysteme. Und eigentlich gehört auch das Planen und Berechnen ganzer Anlagen zu seinem Job, was in seinem Fall zurzeit der Firmenchef übernimmt.

Bösch ist Solarteur — so nennen sich Heizungsmonteure, Spengler oder Sanitärinstallateure wie Bösch, wenn sie den entsprechenden halbjährigen Lehrgang absolviert haben. Diese Zusatzausbildung gibt es erst seit etwa anderthalb Jahren, und sie ist sehr begehrt.

Offenbar ist das Bauen von ganzheitlichen, nachhaltigen Energielösungen im Trend. «Wir sind an etwas Neuem beteiligt», erklärt Bösch, «das ist schon aufregend.» Er geniesst die Arbeit an der frischen Luft, den Kontakt mit den Kunden und die vielfältigen Aufgaben. Und findet es schön, der Umwelt gegenüber ein gutes Gewissen zu haben.

Die politische Diskussion um Energiefragen verfolgt Bösch interessiert, manchmal mit einem Schmunzeln. «Zum Beispiel, wenn Umweltschützer den Atomausstieg fordern und gleichzeitig Solaranlagen bekämpfen.» Gelegentlich versucht er, jemanden aufzuklären — wie jenen jungen Mann, der gerne Töff fährt und behauptete, als Ausgleich grünen Strom zu konsumieren. «Der Strom stellte sich dann als Atomstrom heraus», sagt Bösch mit einem Seufzen.

Marcel Bösch ist glücklich als Solarteur. «Das passt», sagt er, schliesst aber eine zusätzliche Weiterbildung nicht aus, irgendwann. «Der Energieberater ist auch interessant», erklärt er, «er muss für Unternehmen oder Verwaltungen die energietechnisch beste Lösung finden.» Dafür braucht es auch einiges an betriebswirtschaftlichem Wissen. Aber eventuell müsste er dafür weniger oft auf hohe Häuser steigen.

Tierarzt Ralph Knüsel kniet vor einem Becken, indem ein Fisch zu sehen ist.
Tierarzt Ralph Knüsel untersucht einen Koi, einen japanischen Zuchtfisch, der in der Schweiz gerne

der Fishdoc: Auf den Fisch gekommen

Ralph Knüsel (40) ist unterwegs zu einem Teich. Ein Koi-Händler wartet auf ihn, einer der Fische ist verletzt. Danach sollen zwei Flossentiere mit Schwimmblasenproblemen geröntgt und zwei andere kränkelnde Fische untersucht werden. Es folgen ein paar Routinebesuche bei Fischzuchten.

Fische, Fische, Fische: Ralph Knüsel, Tierarzt aus Rain LU, hat sich komplett den Kaltblütern verschrieben. Er nennt sich Fishdoc und führt die erste Fischklinik der Schweiz, in der er auch Fische operiert. «Nahe beim Traumjob», fühlt sich der dreifache Vater, obwohl er sich als Veterinärstudent auf afrikanische Grossraubtiere spezialisieren wollte. Der Traum eines Post-Doc-Projekts in Afrika erfüllte sich dann mit Fischen statt mit Landtieren. «Klar war schon immer, dass ich mich auf Exoten und nicht auf Haus- und Nutztiere konzentrieren würde», sagt Knüsel. Obwohl, räumt er ein, bei Kleintieren könne man auch coole Operationen machen.

Als Fishdoc kommt er in der ganzen Schweiz herum, das gefällt ihm. «Es ist sehr interessant», sagt Knüsel, «ich treffe viele Leute bei sich zu Hause.» Eine wachsende Zahl von ihnen ist den Kois verfallen, den teuren, zutraulichen Zuchtfischen aus Japan. «Wie bei allen Tierhaltern ist es hier das Wichtigste, ein Vertrauensverhältnis aufzubauen», sagt Knüsel, «schliesslich ist es für sie nicht einfach, ihre Lieblinge jemandem anzuvertrauen.»

Christine Andrey beim Ausräumen eines Schrankes
Bevor es ans Entsorgen und Sortieren geht, räumt Christine Andrey mit ihrer Kundin ganze Schränke aus.

Die Ausmisterin: Loslassen lernen

«Erinnerungen trägt man im Herzen», findet Christine Andrey (53) — und dass die Menschen sich zu sehr an Materielles klammern. «Loslassen» heisst darum ihre Firma, mit der sie Menschen hilft, sich von Überflüssigem zu trennen.

Zum Beispiel Heidi Bacchilega (46) in Zürich. Seit eineinhalb Stunden sind die beiden Frauen daran, einen Schrank von Bacchilega aus- und umzuräumen. Körbli voller Krimskrams tauchen auf: Kerzen, Dekomaterial, Sonnenbrillen, Geschenkpapier. «Oh, das habe ich gesucht!», ruft Bacchilega mehrere Male. Die Frauen lachen viel, während sich Säcke und Schachteln füllen: mit Dingen zum Entsorgen, zum Zwischenlagern oder zum Aufbewahren.

Nicht immer geht die Arbeit so leicht von der Hand wie bei Heidi Bacchilega. Oft trifft die Ausmisterin auf Menschen in Krisen. Manchmal braucht es lange Gespräche, damit der Kunde sich wirklich von unnötigen Dingen trennt. Anderseits muss Andrey hie und da jemanden in seiner Wegwerfwut bremsen. Echten Messies kann sie nicht helfen, und wenn die Chemie mit dem Kunden nicht stimmt, geht gar nichts.

Aufräumen lag Andrey schon immer. Was sie heute für Kunden tut, tat sie lange für Freunde: Ordnung in ihr Leben bringen, und zwar möglichst nachhaltig. «Das Ziel ist, dass jemand sein Konsumverhalten überdenkt», sagt sie. Besonders schön: Nicht selten sei die Aufräumaktion der Start in ein neues Leben.

Simone Pestalozzi  vor einer Babywiege.
Haushalt im Griff, erfolgreich im Job, gepflegtes Aussehen, zufriedene Familie: Simone Pestalozzi erklärt, wies geht.

Der Mama Coach: Eine Frage der Organisation

«Wie machst du das bloss?», wurde Simone Pestalozzi (41) früher oft von Freundinnen gefragt. Sie war Mutter, Hausfrau und zu 60 Prozent Unternehmensberaterin. Und nie im Stress. Pestalozzi gab bereitwillig Auskunft über die Organisation ihres Alltags und merkte: Viele berufstätige Mütter brauchen Hilfe. Also rief die promovierte Juristin das Mama-Coaching ins Leben und berät seither professionell andere Mütter. Kernpunkt ist das Zeitmanagement, deshalb erstellt Pestalozzi mit der Kundin einen Tages- und Wochenplan, in dem auch Freizeit und ­Ruhepausen festgehalten sind. Wiederkehrende Aufgaben wie Schuhe putzen oder Keller entrümpeln werden auf Karteikarten geschrieben und zyklisch hervorgeholt.

Pestalozzi hat ein Talent für das Erstellen von Strukturen — und Verständnis für jene, die das nicht schaffen: «Plötzlich ist man Mami, und keiner sagt einem, wie das geht.» In der ersten Sitzung vergiessen viele Mütter Tränen der Verzweiflung, Wochen später können sie bereits das Sportprogramm besprechen.

Pestalozzi scheint der lebende Beweis zu sein, dass vieles eine Frage der Organisation ist. Sie macht in der Freizeit orientalischen Tanz, lernt Spanisch, spielt Badminton und geht mit ihrem Mann zum Paartanz. Dann betreut ein Babysitter die Kinder. «Das kostet», sagt Pestalozzi, «aber es ist günstiger als eine Scheidung.»

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