19. April 2018

Selbstbefriedigung beim Kleinkind

Ein Stofftier zwischen die Beine pressen, den Unterleib an der Türkante reiben: Kleinkinder suchen sexuelle Reize. Das kann Eltern schon mal in Verlegenheit bringen.

Illustration: Nacktes Mädchen vor dem Spiegel
Spontan und selbstbezogen: Bei den frühen Formen kindlicher Sexualität spielt es keine Rolle, ob jemand zuschaut. (Illustration: © Anke Kuhl / Klett Kinderbuch, 2014)

Der zweijährige Leo reibt seinen Unterkörper am Teddy und scheint alles um sich herum zu vergessen. Seine Eltern sitzen einen Meter daneben mit der Nachbarin beim Kaffee. Sie finden es weniger toll, was ihr Kleiner da gerade tut.

Solche Szenen sind Eltern bekannt. Manchmal greifen sich Kinder während des Wickelns zwischen die Beine, sie rutschen unter den Blicken anderer an der Busstange auf und ab oder bleiben beim Klettern auf dem Spielplatz auffällig lange auf der Kante der Rutschbahn hängen.

So viel gleich vorweg: Dass Kleinkinder Lust und Erregung empfinden und diese aktiv suchen, ist normal und gesund. «Dieses Verhalten ist sogar wichtig für eine positive Körperentwicklung und die Stärkung des Selbstwertgefühls», sagt Professor Daniel Kunz, Kinderpsychotherapeut und Dozent am Institut für Sozialpädagogik der Hochschule Luzern - Soziale Arbeit.

Im Alter von zwei bis drei Jahren beginnen Kinder, sich aktiv zu stimulieren. Eine wissenschaftliche Schätzung geht davon aus, dass dies mehr als 50 Prozent der Kinder tun. «Erwachsene müssen bei diesem Thema ihre Vorstellung von Sex und Selbstbefriedigung ausblenden», so Daniel Kunz. Anders als bei pubertierenden Jugendlichen oder Erwachsenen sind die Ausdrucksformen kindlicher Sexualität egozentrisch, spontan und nicht zielgerichtet. Mit anderen Worten: Kinder wollen sich einfach nur wohlfühlen und das schöne Gefühl geniessen. Und dabei spielt es auch keine Rolle, ob sich noch andere Menschen im Raum befinden. Das anerzogene Schamgefühl zeigt sich bei Kindern nämlich erst im Alter von ungefähr sieben Jahren.

Auf keinen Fall verbieten

Wie also reagieren, wenn das Kind seine Lustgefühle auslebt? Eltern sollen es auffordern, ins Kinderzimmer zu gehen oder sich in die Spielecke zurückzuziehen, empfiehlt Daniel Kunz. Dabei sei es wichtig, dass die Erwachsenen von ihren eigenen Gefühlen sprechen und dem Kind erklären, dass ihnen sein Verhalten unangenehm ist. Droht da nicht die Gefahr, dass das beim Kind Scham auslöst? «Doch», räumt Daniel Kunz ein. Dabei lerne das Kleine auch, dass das, was ihm gefällt, nicht unbedingt anderen gefällt, und dass es so etwas wie Grenzen und Privatsphäre gibt.

Auf keinen Fall dürfe man dem Kind die schönen Gefühle verbieten. Denn mit dem Erkunden seines Körpers lernen Jungen und Mädchen zu spüren, was sie mögen und was nicht. Das steigert das Selbstwertgefühl und ist nicht zuletzt eine Grundvoraussetzung zur Prävention von sexuellem Missbrauch, so der Experte.

Doch es braucht auch hier Regeln. Umso mehr, als im Alter von drei bis fünf Jahren die Neugier auf andere Kinder erwacht und «Dökterle» bei den Kindern ein beliebtes Spiel wird. Die Botschaft ist: Mach nur, was du magst. Sag Nein, wenn du etwas nicht willst. Der Experte erklärt: «Diese Spielregeln sind ein wichtiger Schritt in der Entwicklung eines Kindes zu einem sozialen Wesen, das Verantwortung übernimmt und auch die Grenze des Gegenübers respektiert.»

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