06. November 2017

Selbständig sein heisst: Geduld haben und dranbleiben

Und noch mehr Geduld haben und noch länger dranbleiben. So empfindet es My Van Le, die uns im Interview vom Leben als Selbständige erzählt.

Neon-Leuchtschrift Work Harder
Wer den Schritt in die Selbständigkeit wagt, muss vor allem viel Zeit investieren.
Lesezeit 4 Minuten

Vergangene Woche hat Melanie mit Céline Bardy über ihre Selbständigkeit gesprochen. Heute erzählt euch My Van Le von ihren Erfahrungen. Die 32-Jährige arbeitet seit Juni 2016 selbständig. Sie organisiert Pop-up-Events und hat diverse Social-Media-Mandate, hauptsächlich kümmert sie sich aber um ihren eigenen Shop, in dem sie mit zunehmendem Erfolg Vintage- und Sportkleidung/Apparel aus den 90er-Jahren verkauft.

My Van Le betreibt seit Sommer 2017 ihren eigenen Shop für Vintage-Kleidung.

Warum hast du dich selbständig gemacht?

Ich habe zehn Jahre lang für verschiedene Firmen und Agenturen gearbeitet und mir jeden Morgen dieselbe Frage gestellt: «Wofür stehe ich heute eigentlich auf?» Eine sinnvolle Antwort darauf hatte ich nie. Heute gibt es immer noch Dinge, die keinen Sinn ergeben, aber diese Frage stelle ich mir nicht mehr. Ich freue mich jetzt auf die Arbeit. ☺

Was motivierte dich?

Ich war frustriert von meinem Alltag und habe nach mehr Sinn gesucht. Ich wollte eine Arbeit finden, die mir Spass macht. Heute kreiere ich Social-Media-Content für das Balboa Gym, aber vor allem verbringe ich Zeit in meinem eigenen Shop, Van Lo. Dort verkaufe ich seltene Vintage-Kleidung aus den 90er-Jahren. Ich arbeite mit jungen, ambitionierten Menschen, und es motiviert mich unheimlich, dass ich mit all den Projekten meine Persönlichkeit und meine Talente auf höchstem Niveau entfalten kann.

Was sind die Vorteile?

Was ich am meisten schätze, ist, dass du deines eigenen Glückes Schmied bist: Am Ende des Tages kannst du niemanden verurteilen. Du kannst deine Unzufriedenheit nicht mehr deinem langweiligen Job oder dem unausstehlichen Boss zuschreiben. Du setzt deine eigenen Prioritäten, und du kannst deine Zeit frei einteilen. Jeder Tag ist superspannend und lehrreich.

Ich habe meine Projekte in jeder Sekunde im Hinterkopf

Worin siehst du Nachteile?

Ich habe die Balance zwischen Arbeit und Freizeit noch nicht gefunden. Jeder Tag ist anders und unberechenbar. Es ist auch ein gewisser Druck da, den du 24 Stunden mit dir trägst. Ich glaube, mit der Zeit lernt man, damit umzugehen. Ich kann zum Beispiel nie abschalten und habe meine Projekte eigentlich jede Sekunde im Hinterkopf.

Was sind die Herausforderungen?

Da ich so viele Entscheidungen täglich allein fällen muss, habe ich gelernt, mehr auf mein erstes Gefühl zu hören. Weitere Herausforderungen im Alltag sind, Prioritäten zu setzen, das Timemanagement und die Eigenmotivation zu behalten. Oft habe ich tagelang oder sogar wochenlang einfach keinen Bock und muss mich so täglich zwingen, produktiv zu sein. Es ist oft ein Kampf mit sich selber.

Welchen Tipp hast du für diejenigen, die sich selbständig machen wollen?

Geduld, dranbleiben. Noch mehr Geduld und noch länger dranbleiben. Wenn du den Druck von aussen brauchst, um dich selbst zur Arbeit zu motivieren, könnte Selbständigkeit dir eher weniger entsprechen. Du brauchst enorm viel Selbstdisziplin und Wille und ein gutes Team.

Um die wirklich seltenen Kleidungsstücke zu finden, durchforstet My Van Le tagelang das Internet. Inzwischen kennt sie die richtigen Orte, um fündig zu werden.

Auf was müssen zukünftige Selbständige gefasst sein?

Dass man ab und zu einen Schritt vorwärts macht, um dann plötzlich wieder zwei Schritte zurückzugehen. Man muss mit kleinen Misserfolgen und Enttäuschungen umgehen können. Du arbeitest jahrelang überdurchschnittlich viel, verdienst fast gar nichts und hast kaum Zeit für dich selbst. Ich habe phasenweise nur Pasta und Reis gegessen oder mir M-Budget-Wienerli im Familienpack gekauft. Dein Alltag ist unberechenbar, bei gleich bleibendem Arbeitsvolumen erlebst du trotzdem oft finanzielle Tiefs und musst per Ende Monat einen Weg finden, all deine Fixkosten zu bezahlen.

Was hat dich am meisten überrascht?

Da man oft an seine physischen, aber auch emotionalen Grenzen stösst, habe ich gemerkt, wie krankhaft gross mein Wille ist. Vor fünf Jahren hätte ich mir niemals zugetraut, mir mein Leben je mit dem zu finanzieren, was ich liebe und gut kann. Und jetzt zahlt es sich «plötzlich» langsam aus.

Wieso halten sich deiner Meinung nach viele zurück, den Sprung in die Selbständigkeit zu wagen?

Na ja, wenig bis gar kein Geld, dafür jede Menge Freiheit und Coolness, das ist nicht jedermanns Ziel. Ich glaube, jeder von uns träumt von etwas Eigenem, aber nicht jeder träumt von Selbstverwirklichung, Selbstentfaltung und vor allem Freude am Arbeiten.

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