07. Dezember 2017

Seit 86 Jahren zusammen glücklich

Dieses Jahr haben sie eiserne Hochzeit gefeiert: Walter und Silvia Frei sind seit 65 Jahren glücklich verheiratet. Der Bieler Fotograf Rolf Neeser hat sie porträtiert und stellt die Bilder im Rahmen des Prix Photoforum in Biel aus.

Silvia und Walter Frei kaufen zusammen in der Migros ein.
Der tägliche Einkauf in der Migros ist für Silvia und Walter Frei ein wichtiges Ritual, um fit zu bleiben. (Bild: Rolf Neeser)
Lesezeit 3 Minuten

«Meine allerliebste Hand auf der Welt», sagt Silvia Frei und greift nach der Hand ihres Walters. Die beiden 90-Jährigen verlassen ihre Stammbeiz in der Bieler Altstadt, um gemächlich nach Hause zu gehen. Sie tragen bunte Kleider, die Silvia Frei selbst genäht hat, und passende Samthüte. In den freien Händen halten sie ihre Einkaufstaschen: Wie jeden Tag haben sie in der nahen Migros-Filiale eingekauft, um dabei auch an die frische Luft zu kommen und unter die Leute. «Das hautet läbig», sagt Walter Frei.

Auch die dreistöckige Wendeltreppe gehört zu ihrem täglichen Ritual. Sobald sie gemeistert ist, befinden sie sich in ihrem Refugium – wo es aussieht wie auf ­einem Flohmarkt aus einem früheren Jahrhundert: Bilder an den Wänden und auf dem Boden, Teppiche, Schatullen, Bücher, Ketten. Bis an die Decke reichen die kleinen Kuriositäten. Einen Fernseher oder ein Radio hingegen sucht man vergebens. «Jedes Objekt bei uns hat eine lange Geschichte», sagt Walter Frei und beginnt, die seine zu erzählen.

Erste «Hochzeit» mit vier Jahren

Schon Walters Mutter war mit der Mutter von Silvia befreundet, und beide wurden fast gleichzeitig schwanger. Im gemeinsamen Urlaub, mit vier Jahren, spielten «Wilali» und «Siuveli», wie sie sich noch heute nennen, zusammen, und aus Spass heirateten sie schon damals. Mit selbstgemachten Blumenkränzen in den Haaren. Danach war das Idyll aber erst mal zu Ende, zu gross die Distanz zwischen Bern, wo Silvia wohnte, und Luzern, wo Walter daheim war. Erst als er mit 20 in Bern das Theologiestudium begann, sahen sie sich wieder öfter.

«Silvias Vater war mein Götti. Er bestellte mich einmal pro Woche zum Znacht», erinnert sich Walter Frei. Er und Silvia unterhielten sich über gemeinsame Interessen, waren einander immer nah, körperlich und im Geiste. «Es fehlte am Ende nicht viel mehr als ein Kuss, und alles war klar», erzählt sie. Mit 25 wurde dann richtig geheiratet, darum haben die beiden dieses Jahr die eiserne Hochzeit gefeiert. «Und wir sind eigentlich noch so verliebt wie am Anfang», schwärmt Silvia Frei. Sie hat Gesang studiert; aus gemeinsamem Interesse begannen sie, mittelalterliche Musik zu machen – er als Bläser auf bis zu 15 Instrumenten, sie als Sängerin und Perkussionistin. ­Zuerst war es nur ein Hobby, einige Konzerte führten aber zu immer grösserem Erfolg und ausverkauften Sälen. Schliesslich spielten sie auf der ganzen Welt.

Ihre Kinder heissen Musik und Malerei

Mit der Liebe zur Musik habe sich auch die Leidenschaft für die Malerei entwickelt, sagt Walter Frei. Er und später auch seine Frau haben gern und auch gut gemalt und gemeinsam ausgestellt. «Dass wir so ähnliche Interessen hatten und uns austauschen konnten, war enorm wichtig für unsere Beziehung.» So haben sie stets von­einander gelernt – er über Jazz, sie über bildende Künste. Diese Tätigkeiten haben sie erfüllt, darum wollten die beiden keine Kinder.

Auch Krisen gab es keine, Streit hingegen schon. «Meistens ging und geht es ja um Blödsinn», gesteht er und zitiert eine Frau, die am Radio zur eigenen eisernen Hochzeit befragt wurde: «Der Moderator fragte, ob sie in den 65 Jahren nie an Scheidung gedacht habe. Da sagte die Frau: ‹Nein, scheiden nicht, aber ein paarmal umbringen›.» Sie streicht ihm über die Wange und ergänzt: «Z Chääre ghört doch zum Läbe.» Aber wenn sie hört, wie andere Menschen miteinander umgehen, werde sie stutzig. «Dieser dürftige Umgang gibt mir zu denken.» Dabei sei doch gegenseitiger Respekt die Grundlage für eine gute Beziehung. «Und Zuhören, das ist ausserordentlich wichtig.» Das tut Silvia auch heute noch täglich, wenn er ihr seine Texte und Gedichte vorliest. Auch Liebesbriefe schreibt er ihr noch immer.

«Die Psyche entscheidet über Alter und Tod: Sobald man keinen Sinn mehr hat im Leben, stirbt man. Aber wir haben noch einen Sinn», sagt er. «Nächstes Ziel: steinerne Hochzeit, in zweieinhalb Jahren geschafft», sagt sie. Und ab dann sind es nur noch siebeneinhalb Jahre bis zur Kronjuwelenhochzeit.

Ausstellung: Rolf Neesers Fotos von Walter und Silvia Frei, Prix Photoforum, Centre Pasquart, Biel; noch bis 14.1.2018

Benutzer-Kommentare