12. Dezember 2018

Sein Klavier versteht nur Bahnhof

Bis Anfang 2019 steht das Bahnhofsklavier nochmals in Aarau. Sein Besitzer Andres Brändli verhalf der Idee, ein Instrument allen Passanten frei zugänglich zu machen, in der Schweiz zum Durchbruch.

Andres Brändli sitzt im Bahnhof Aarau vor seinem Piano
Andres Brändli sitzt im Bahnhof Aarau vor seinem Piano, das alle Passanten zum Klingen bringen dürfen.
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Bahnhöfe sucht man auf, weil man weg will – meist möglichst schnell. Doch wer zurzeit im Bahnhofsgebäude Aarau die Treppen hinaufsteigt, könnte es sich anders überlegen. Sind das nicht Klaviertöne? Und tatsächlich: In der oberen Halle, vor dem Ausgang zur gros­sen Uhr, steht ein hellbraunes Klavier. Zwei junge Männer stehen davor, einer beugt sich nach vorne und klimpert eine ­Melodie. Mit etwas Fantasie wird Beet­hovens «Für Elise» erkennbar. Menschen gehen vorbei, einige verlangsamen den Schritt und schauen interessiert hin.

Roger Wehrli (35) bleibt sogar stehen. Er lächelt, stellt die Tasche ab. Als Kind hat er Klavier gespielt. «Dann hatte ich 20 Jahre keine Zeit dafür.» Heute ist er etwas zu früh. Als das Klavier frei wird, geht er hin und spielt mit der rechten Hand ein paar Takte: den Blues «Summertime, and the living is easy ...». Zuerst zögerlich, bald wird sein ­Anschlag deutlicher. Danach nimmt Wehrli seine Tasche und läuft Richtung Ausgang. Er lächelt immer noch.

Ein Klavier im Bahnhof von Neapel brachte Andres Brändli 2016 auf die Idee,in der Öffentlichkeit gratis ein Instrument aufzustellen.

 Genau so hatte sich das Andres Brändli vorgestellt. Vor zwei Jahren sah der pensionierte Tierarzt im Bahnhof von Neapel ein Klavier. Die Menschen blieben stehen, einer spielte, manche sangen mit. «Es war so fröhlich und spontan!», fand der Aarauer.

Das erste öffentliche Piano stand 2008 in Birmingham, darauf setzte sich die Idee des spontanen Spielens in Frankreich – und bis nach Genf – durch. An mehr als 100 französischen Bahnhöfen stehen heute frei zugängliche Klaviere. Auch die SBB stellen seit 2017 vier Pianos an wechselnden Bahnhöfen auf (links). Menschen sollen dadurch spontan Gelegenheit erhalten, Musik zu machen. Brändli war in Süditalien sofort klar: Das machen wir in ­Aarau auch. «Heute ist ja überall Lärm», sagt der 71-Jährige. «Aber Musik ist positiver Lärm.»

Andres Brändli ist in einer musikalischen Familie aufgewachsen. Als Kind lernte er Flöte spielen, dann Cello, Posaune und Horn. Mit dem Baritonhorn war er lange im «Spiel» der Aarauer Kadettenmusik aktiv. Er lernte auch Banjo und brachte sich Klavierspielen bei. Heute spielt er Kontrabass in einer Dixieband, «in ergrauter Gesellschaft».

Alt und robust, aber gesichert

Um Aarau sein Neapelerlebnis zu ermöglichen, baut Brändli auf seine Kontakte. Am Tag nach seiner Rückkehr aus Italien ruft er Stephanie Roggo an, die Immobilienverwalterin der Aarauer SBB. Er kennt sie aus dem Organisationskomittee des Eidgenössischen Volksmusikfestes. Roggo zeigt sich begeistert. «Musik verbindet Menschen», findet sie. «Aber woher kriegen wir ein Klavier?» Brändli weiss die Antwort längst: «Von mir. Ich kaufe eins.» Er kontaktiert Daniel Müller, Besitzer des Aarauer Musikhauses Zum Notenschlüssel. Brändli und Müller sind Freunde seit Pfadizeiten. «Mungg, hast du ein altes Klavier?» Gut in Schuss und robust solle es sein – und nicht zu viel kosten.

Der Klavierbaumeister hat gerade ein Sabel revidiert. Das Unternehmen in Rorschach SG war einst ein renommierter Schweizer Klavierhersteller. Daniel Müller arbeitete dort als Klavierbaumeister, bevor er 1980 sein eigenes Geschäft gründete. «Genau das richtige», sagt er seinem Freund und macht ihm mit 2000 Franken einen guten Preis.

Müller verschraubt am Ende den Deckel, verpasst dem guten Stück zwei Extra-Füsse und zwei Haken zum Anketten. Auch der Hocker wird mit einer Kette gesichert. «Damit niemand auf dumme Ideen kommt», sagt Brändli augenzwinkernd.

Am Klavier sind alle gleich.

 Im April 2017 erhält der Bahnhof Aarau sein eigenes Klavier. Die SBB spendieren dazu den grossen roten Teppich, den sie regelmässig staubsaugen. «Die Menschen reagierten gleich sehr positiv», erinnert sich Stephanie Roggo. Die Lokalmedien freuen sich über eine positive Geschichte, und der Initiator Andres Brändli bekommt immer wieder dankende Zuschriften von Aarauer Einwohnern. «Am Klavier», erklärt er, «sind alle gleich.» Einmal habe einer wunderbar gespielt. Er sah aus wie ein Clochard, roch nach Schnaps und auch sonst streng. Bevor er ging, umarmte er den Besitzer, der die Luft anhielt, und raunte ihm ins Ohr: «Danke. Nur die Bässe sind nicht mehr so gut.»

Eine Reparatur für fünf Rappen

Bald schlägt Brändli vor, sein Klavier solle auch andere Bahnhöfe besuchen. Das Sabel reist nach Olten, Solothurn, Thun und Biel. Einmal riefen die Bieler SBB an. Ein Passant hätte gemeldet, das mittlere C sei blockiert. Brändli bittet Klavierbauer Ulrich Hafner aus Nidau BE nachzuschauen. Nach drei Stunden meldet der: «Unter dem Hammer des C war ein Fünfräppler verkeilt. Ich erlaube mir, ihn als Honorar zu behalten.»

Auch der Aarauer Klavierbauer Müller (67) freut sich: «Wunderbar, dass Andres ein Stück Kultur unter die Menschen bringt.» Einmal im Jahr stimmt er das Instrument, repariert die Filze an den Hammern und reinigt es. «Da schüttet schon mal jemand versehentlich ein ‹Coci› aus.» Sonst halten sich die Schäden bisher in Grenzen.

 Auch wenn die Aarauer «ihr» Piano lieb gewonnen haben: Lange bleibt es nicht mehr dort. Brändli will keine Routine. «Alles hat seine Zeit», findet er. Nach einer Herbstpause im SBB-Lager kehrt es zum Advent zurück. Anfang des nächsten Jahres wird es verschwinden – wohin? Brändli zuckt die Schultern. «Ein Klavier findet immer Verwendung. Und die Menschen haben Ehrfurcht davor», sagt er und streicht mit der Hand sanft über die Seitenwand.

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