23. Juni 2018

Sein Gelb ist grün

Simi Simonet sieht die Welt anders – zumindest was die Farben betrifft. Seit der Geburt leidet der 55-Jährige unter einer Farbsehschwäche. Doch er hat gelernt, damit umzugehen. Heute ist Simonet gar als Gestalter und Innendekorateur tätig.

Simi Simonet hat eine Farbsehschwäche
«Ich glaube nicht, dass meine Welt weniger farbig ist als die von anderen Menschen.» Simi Simonet zeigt links, wie er die Farben rechts sieht.

An diese Schulstunde in der Primarschule wird sich Simi Simonet sein Leben lang erinnern: Er malte auf seiner Zeichnung die Giraffe mit dunkelgrüner Farbe aus. «Am Abend erzählte ich den Eltern, der Lehrer habe mich gerügt, weil Giraffen gar nicht grün, sondern braun seien», erinnert sich der 55-Jährige. Von diesem Tag an achtete Simi Simonet darauf, stets die gleichen Farbstifte aus dem Etui zu nehmen wie seine Gspänli.

Simi Simonet leidet an einer Rot-Grün-Sehschwäche, im Volksmund fälschlicherweise Farbenblindheit genannt. Damit ist der gelernte Koch nicht allein: Acht von hundert Männern können die Farben Rot und Grün nicht unterscheiden. Farbsehstörungen sind in der Regel angeboren und betreffen viel mehr Männer als Frauen. Das ist so, weil die Rot-Grün-Sehschwäche über das X-Chromosom weitervererbt wird: Die Frauen sind Überträgerinnen, die Männer häufiger betroffen.

Gelb-blauer Regenbogen

«Der Begriff der Farbenblindheit ist nicht korrekt, da nur ein Teil des Farbensehens betroffen ist», sagt Christina Gerth-Kahlert, Leitende Ärztin in der Augenklinik am Uni­versitätsspital Zürich. Entstanden ist der Begriff durch die Übersetzung aus dem Englischen «colour blindness». «Menschen mit einer Rot-Grün-Sehschwäche nehmen den Regenbogen als Gelb und Blau mit etwas Rot wahr», sagt die Augenärztin.

«Die Betroffenen können die Farben zwar nicht anhand der Farbeigenschaften erkennen. Aber sie unterscheiden sie anhand von Kontrasten und Helligkeiten.» Insbesondere Pastelltöne – wie etwa Himmelblau oder Rosa – seien bei einer Rot-Grün-Sehschwäche schlecht zu unterscheiden, so Christina Gerth-Kahlert. Farbige Grafiken in Büchern oder Zeitungen oder bunte Buspläne sind für Menschen mit Farbsehschwäche wenig hilfreich.

Nach dem Erlebnis mit der grünen Giraffe war seine Sehschwäche für Simi Simonet kein grosses Thema mehr – weder für ihn noch für seine Eltern. Es gab auch nie eine medizinische Abklärung. «Wieso auch, ich lebe gut damit. Für mich ist es normal, die Farben so zu sehen, wie ich sie sehe. Ich habe dadurch keine Einschränkungen», erklärt Simonet. 

Auch im Beruf nicht, was bei seiner kreativen Tätigkeit überrascht. Seit ein paar Jahren schwingt er nicht mehr nur den Kochlöffel sondern auch Hammer und Pinsel und ist als Gestalter von Messeständen und Innendekorateur von Restaurants tätig. Drei Jahre lang führte er ein eigenes Restaurant. Ganz hat er das professionelle Kochen jedoch nicht aufgegeben: Heute ist er mit seiner Partnerin Sonja Leissing für das gemeinsame Cateringunternehmen in der ganzen Schweiz unterwegs.

Seine Liebste ist es auch, die den meistens bunt gekleideten Simonet darauf hinweist, falls seine Kleider einmal überhaupt nicht zusammenpassen. An der Verkehrsampel hilft er sich wie die meisten Betroffenen mit einem Kniff: Er weiss, dass das rote ­Signal oben ist und das grüne unten.

Als Simi Simonet einmal einen grünen Teppich für eine Restaurantausstattung bestellen musste, fragte er ganz pragmatisch einen Arbeitskollegen um Rat. Bei den meisten Berufen ist die Farbsehschwäche kein Hindernis. Bei einigen gibt es aber tatsächlich besondere Vorschriften, so ist etwa für den Beruf des Zugführers ein normales Farbsehen notwendig. 

«Der Tisch könnte grün sein»

Doch wie nehmen Simi Simonet und andere Menschen mit dieser Farbsehschwäche bestimmte Farbtöne wahr? Diese Art von Fragespiel finden Menschen mit Farbsehschwäche gar nicht so spannend. Aussenstehende dafür umso mehr, denn das Ergebnis verblüfft schon etwas: Simonet bezeichnet das Dreieck in einem verwaschenen Orangeton auf seiner Freitagstasche als «Grün». Zum Holztisch meint er: «Der Tisch könnte auch grün sein. Aber ich weiss, dass Holz braun ist.»

Für das Interview gibt Simi Simonet gerne Auskunft. Doch er räumt ein, dass er mit seinen Mitmenschen in der Regel kaum Gespräche über Farben führt: «Ich glaube nicht, dass meine Welt weniger farbig ist als die von anderen Menschen.»  

Benutzer-Kommentare

Verwandte Artikel

Mann mit Mütze über dem Kopf (Bild: Getty Images)

Acht Wintermythen im Faktencheck

Fussabdruck

Was hilft bei Fusspilz?

Illustration: Charakterstärken für mehr Glück

So geht Glück

Joggerin im Herbst

Keine Gnade für Halsweh und Husten