26. Juni 2017

Sei du selbst!

Bänz Friedli geht an die Frauenfussball-EM. Hier können Sie die vom Autor gelesene Hörkolumne herunterladen und sich mit ihm oder anderen Leser(inne)n austauschen.

Bänz Friedli guckt Frauenfussball
Statt abgehoben geerdet: Bänz Friedli bricht eine Lanze für den Frauenfussball.
Lesezeit 2 Minuten

Weshalb ich mich für Frauenfussball interessiere, wollte Renato wissen. «Wie lange hast du Zeit?», war meine Antwort. Es gibt so viele Gründe. Fast alles, was am Fussballbusiness der Männer so abstossend geworden ist, die Fouls, das Simulieren, der Betrug, die Korruption, zwielichtige Geldgeber wie Gazprom und Qatar Airways, die ­irrwitzigen Trans­fersummen … fast all dies fehlt im Frauenfussball.

Aber eigentlich wollte ich von Milli Hernandez erzählen, einem achtjährigen Mädchen aus Omaha, Nebraska, das so talentiert ist, dass es mit Elfjährigen spielt. Anfang Monat qualifizierte Milli sich mit ihrem Mädchenteam, dem Azzurri Cachorros Girls Club, für den Final eines Wochenendturniers. Als sie am Sonntag zu dem Final antreten wollten, wurde den Spielerinnen ­beschieden, sie seien disqualifiziert – weil Milli ein Knabe sei. Ihr Haar sei so kurz. Und: Sie spiele zu gut, könne daher unmöglich ein Mädchen sein. Millis Vater wies ihre Krankenversicherungskarte vor, auf der das Geschlecht vermerkt ist, F für female: weiblich. Aber aller Protest nützte nichts, es blieb beim Ausschluss. Ungeheuerlich.

Milli wurde über Nacht berühmt, musste vor Kameras erklären, warum sie ihre Haare nie im Leben wachsen lassen würde: «Ist unpraktisch.» Die beiden erfolgreichsten Fussballerinnen der Geschichte meldeten sich zu Wort. Mia Hamm, zweifache Weltmeisterin, lud Milli in ein Trainingslager ein und twitterte ihr den Rat: «Be you!» Abby Wambach, die mehr Länderspieltore erzielt hat als alle anderen Frauen und Männer, schrieb Milli öffentlich: «Lass es nie zu, dass irgendjemand dir sagt, du seist nicht perfekt, so, wie du bist. Ich habe mit kurzem Haar Titel gewonnen.» Bleibt einzig zu hoffen, dass der kleinen Milli der Rummel nicht zu viel wird. Gottlob wird sie nie erfahren, dass auch ein Kolumnist auf einem fernen Kontinent sich ihrer angenommen hat.

Frauenfussball? Da geht es um wichtigere Dinge als um Geld. «Sei du selbst!», riet Mia Hamm. Sie hat Politikwissenschaften studiert, ein Gespräch mit ihr ist interessanter als mit jedem männlichen Fussballstar des Planeten. Und manch eine Fussballerin ist zur Persönlichkeit gereift, weil sie wie Wambach lesbisch ist und schon als Teenager kämpfen musste, so sein zu dürfen, wie sie ist. Zugegeben: Da ich als Bub für Juventus Turin schwärmte, hatte ich damit geliebäugelt, den Final der Champions League der Männer in Cardiff zu besuchen. Das günstigste Ticket kostete 1950 Euro. Ich habe stattdessen Karten für die EM-Endrunde der Frauen in Holland gekauft. Beste Tribünenplätze. Kostenpunkt: 10 Euro. 

Die Fussball-EM der Frauen findet vom 16. Juli bis 6. August in Holland statt. Die Schweiz ist zum ersten Mal dabei.

Die aktuelle Bänz-Friedli-Hörkolumne, gelesen vom Autor (MP3)
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Website: www.baenzfriedli.ch

Fotograf: Bänz Friedli

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