17. Januar 2018

Der Sehnsuchtsort Hudson Valley

Rund zwei Stunden Fahrt liegen zwischen New York City und der Region in Upstate New York: eine malerische Landschaft, deren Bewohner hauptsächlich Farmer sind, aber auch Künstler. Wer das Grundrauschen des Big Apple abschütteln will, ist im Hudson Valley gut aufgehoben.

Städte im Hudson Valley haben ein Kino, gute Cafés und Restaurants
So klein die Städte im Hudson Valley auch sind, alle haben ein Kino, gute Cafés und Restaurants und originelle kleine Geschäfte.

Nichts los. Gut so. Deswegen bin ich hier. Egal, wann man in diese Gegend kommt, sie ist zu allen Jahreszeiten schön. Und schön ruhig. Die Nächte sind finster und still. Nur die Grillen zirpen. Etwa 100 Meilen südlich brodelt die Stadt, die niemals schläft. Das ist überraschend und beruhigend zugleich.

Wer zum ersten Mal hierher reist, sollte bei Tageslicht kommen. Sobald man den Taconic Parkway verlässt, der schnurstracks nach Norden aus New York City hinausführt, haben die Strassen keine Markierungen und keine Beleuchtung mehr. Hier und da blitzen die Lichter einzelner Häuser durch die Bäume, der Mobilfunkempfang ist miserabel, das GPS setzt gelegentlich aus.

Und plötzlich fällt einem ein, woher amerikanische Autoren ihre Inspiration nehmen. Jetzt lieber nicht an Szenen aus «Twin Peaks» oder «Blair Witch Project» denken. Nun riecht es auch noch intensiv nach Cannabis, mitten im dunklen Wald. Herrjeh. «Ein Stinktier», tönt es sachverständig vom Rücksitz.
Die kleinen Irritationen der Fahrt sind im gemütlichen Farmhaus, das wir in Elizaville gemietet haben, sofort vergessen. Das Auto, das in die Einfahrt rollt, gehört Paloma, die ein Abendessen bringt.

Im Garten von Palomas Townhouse in Hudson
Im Garten von Palomas Townhouse erholen wir uns beim Grillieren von unseren Schlemmertouren.

«Was bringt Sie hierher?» Diese Frage höre ich von fast jedem, wenn ich mich nach etwas erkundige. Manchmal auch «Sind Sie ein Tourist?» – «Ja», sage ich dann und bin offensichtlich ein Exotin, der sofort Hilfe und Tipps angedient werden, sofern sie das möchte. Aufdringlich ist hier niemand. Neugierig schon, wenn es darum geht, zu erfahren, was einen denn ins Hudson Valley geführt hat. Und aus den Gesichtern strahlt einem bereits Begeisterung entgegen, während man noch die Antwort formuliert.

Meine Tochter studierte vor einigen Jahren am Bard College in Annandale-on-Hudson. Dem uramerikanischen Ritual, sein Kind zum Studienbeginn persönlich an seine neue Wirkungsstätte zu bringen, folgte damals auch ich. Während die anderen Eltern nach einem Tag wieder heimfuhren, blieb ich länger und erkundete die Gegend, fasziniert von ihrer Schönheit. Seither komme ich immer wieder. Meine Tochter fand am College ihre Freundin Paloma, die nach dem Studium blieb und sich in Hudson niederliess.

Karte zum Hudson Valley
Die Karte zum Hudson Valley in Upstate New York.

Fernab des Weltgeschehens

Ausländische Besucher sind im Hudson Valley selten, wie die Fragen der Einheimischen verraten. Sie freuen sich über das Interesse und geben gern ausführliche Tipps, die man schon aus Zeitgründen nicht alle befolgen kann.
Die Region ist zwar ein Begriff für jeden New Yorker und ein beliebtes Wochenendziel, aber sie ist so weitläufig, dass man die Besucher kaum bemerkt. «Egal, was auf der Welt passiert, im Hudson Valley ist es immer ruhig», schreibt Joanne Michaels, die den ultimativen Reiseführer über die Gegend verfasst hat.

Seit jeher zieht das Valley Künstler und Kulturschaffende an. Die Performancekünstlerin Marina Abramovic hat in Hudson ein Kulturzentrum eingerichtet, der Fotograf Stephen Shore lebt und arbeitet in der Nähe des Bard Colleges, berühmte und weniger berühmte Künstler haben in Upstate ihre Refugien. Hier wird man in Ruhe gelassen und kann die Schönheit der Natur geniessen.

Auf den Catskill Mountains
Blick im spätsommerlichen Dunst von den Catskill Mountains bei Woodstook aufs Hudson Valley

Mythos Woodstock

Langweilig wird es nicht. Aktivitäten und Sehenswürdigkeiten gibt es trotz der Ruhe genug. Auf der Westseite des Hudson Rivers erheben sich die Catskill Mountains mit Wanderwegen und Aussichtspunkten, wie dem Overlook Mountain, den man von Woodstock aus erreicht. Mit dem Namen verbinden die meisten ein inzwischen historisches Open-Air-Festival, das dort nie stattgefunden hat, sondern 70 Kilometer weiter westlich auf einem Feld.

Dennoch lebt der Ort gut von diesem Mythos. Man kann hier fein essen, entlang der Hauptstrasse ziehen sich Souvenirläden, und alles ist ein bisschen überteuert. Ab und zu sieht man noch ein paar zottelbärtige Alt-Hippies. Zur Ehrenrettung Woodstocks muss jedoch gesagt werden, dass sich hier schon um 1900 eine alternative Kunstszene etablierte.

Die Kingston Bridge vom Poet’s Walk aus
Die Kingston Bridge vom Poet’s Walk aus. Sie ist eine der sieben Brücken, die über den Hudson führen.

Mir ist die Aussicht auf die Catskills lieber als von oben herunter. Dafür muss man die Kingston Bridge überqueren und ans östliche Ufer des Hudson fahren. Vom Poet’s Walk aus, nah an der Brücke, öffnet sich ein herrlicher Blick. Jetzt versteht man, warum der Hudson auch «Rhein Amerikas» genannt wird. Die Bezeichnung rührt von frühen Siedlern her, Landwirte und Handwerker, die um 1700 aus Südwestdeutschland und den Niederlanden einwanderten und sich an die heimatliche Landschaft erinnert fühlten. Auch Namen wie Germantown, Rhinebeck und Amsterdam verweisen darauf.

Raus aus dem Stress, rein ins Sein

Der Fluss, der zwischen Manhattan und Staten Island in den Atlantik mündet, ist jedoch breiter als der Rhein und unterliegt noch sehr weit flussaufwärts den Gezeiten. Ein Umstand, der beinahe unseren Ausflug zum Saugerties Lighthouse verhindert hätte. Der kleine Leuchtturm ist gut zu Fuss erreichbar, sofern man eine Gezeitentabelle lesen kann. Wenn nicht, mit nassen Füssen. Schöner noch ist ein Besuch mit dem Kajak.
Die meisten Städte im Hudson Valley sind klein, manche sogar winzig. Trotzdem bieten sie, was man in einer Stadt erwartet, nur eben in einer Miniaturversion: Hotel, Kino, Bücherei, Restaurants und originelle Geschäfte. Rhinebeck hat alles und doch weniger als 3000 Einwohner.

Zum Saugerties Lighthouse gelangt man mit dem Kajak
Zum Saugerties Lighthouse gelangt man mit dem Kajak oder bei Ebbe auch zu Fuss. In dem kleinen Leuchtturm kann man auf Anfrage sogar übernachten.

Mitten im Ort steht das älteste Hotel der USA, das «Beekman Arms». Ein Haus im Südstaatenstil, das sich hinter einem halben Dutzend Landesflaggen versteckt. Die Liste prominenter Gäste reicht von George Washington bis Yoko Ono. Schräg gegenüber ist einer meiner Lieblingsläden: A.L. Stickle, ein alteingesessener Handarbeits- und Haushaltswarenladen mit spartanischer Einrichtung. Nirgends kaufe ich lieber Küchenhandtücher.

Fünf Meilen weiter in Red Hook dürfen wir keinesfalls den Historic Village Diner auslassen. Es ist der älteste Diner in New York State und ein beliebter Treffpunkt im Ort. Aufgeregt fahren wir im Lauf der Woche noch eine Reihe anderer Diner ab, die uns Paloma auf einer Karte eingezeichnet hat. Alle sind individuell betriebene Lokale, gehören also keiner Kette an, und sind sich über die Jahrzehnte treu geblieben. Ein Besuch gleicht jedes Mal einer kleinen Zeitreise: Chrom, Kunstledersitze, Spiegelwände, Resopal. Wir futtern uns durch, oft sind wir die einzigen Gäste.

Im Grazin’ in Hudson
Im Grazin’ in Hudson sind die Burger aus Biofleisch.

Den besten Milchshake gibt es übrigens im Grazin’ Diner in Hudson. Zwischen diesen geradezu klischeehaften Verkostungen probieren wir auch «normale» Restaurants der Gegend. Legendär ist das «Gaskins» in Germantown, einem Kaff zwischen Red Hook und Hudson, das ausgestorben zu sein scheint. Dies täuscht, das «Gaskins» ist gut besucht, denn das Essen ist vorzüglich.

Kunst und Kultur im Grünen

Kultur- und Landschaftserlebnis lassen sich ideal auf einem Hügel bei Hudson miteinander verbinden. Hier hat sich der Maler Frederic Church Ende des 19. Jahrhunderts eine Villa in orientalischem Stil erbaut, die er Olana nannte und eigenhändig mit Ornamenten ausschmückte. Der Blick von dort oben ist mal wieder atemberaubend. Church gehörte zur Hudson River School, einer Gruppe von Landschaftsmalern, die Mitte des 19. Jahrhunderts von Thomas Cole gegründet wurde. Sein Haus liegt im Örtchen Catskill und kann ebenso besichtigt werden.

Der Landschaftsmaler Frederic Church baute sich Ende des 19. Jahrhunderts Olana, eine Villa im orientalischen Stil.

Der Gegensatz zur Architektur von Olana und beinahe ein Fremdkörper ist Frank Gehrys silbrig glänzendes Fisher Center for the Performing Arts, das sich unvermittelt auf dem Bard-Campus erhebt. Hier finden regelmässig hochkarätige Konzerte oder Theater- und Tanzabende statt. Wenigstens ein Mal sollte man dort eine Aufführung erlebt haben. Danach in die sternenklare Nacht hinauszutreten, ist ein Ereignis, das es in Städten niemals geben kann.

Was mich schon beim ersten Besuch überrascht hat und auch dieses Mal wieder fasziniert, sind die Vielfalt und die Gegensätze: flächendeckende Freizeitmöglichkeiten für Wanderer, Wassersportler und Velofahrer, überbordende kulturelle Angebote mitten im Grünen, und die Farmen, die das viele Grün bewirtschaften. Zu 90 Prozent sind es Familienbetriebe. Sie produzieren Milch, Früchte und Gemüse. An den Wochenenden dürfen die Kunden selbst pflücken. Aber das Hauptgeschäft machen die Bauern direkt in New York City, sagt Nina Osofsky, die mit der Familie ihres Mannes Peter die kleine Milchwirtschaft Ronny Brook führt. Die Weltstadt ist nah genug, um von ihr profitieren zu können, und weit genug weg, um vor ihr Ruhe zu haben. Besser kann es nicht sein. 

Nina und Peter Osofskys Milchwirtschaft
Nina und Peter Osofskys Milchwirtschaft Ronny Brook ist einer der vielen Familienbetriebe der Region.
Der West Taghkanic Diner
Der West Taghkanic Diner ist einer von zehn original erhaltenen Dinern zwischen Hudson und Kingston.

Benutzer-Kommentare