10. November 2014

Wanderung am Thunersee

Ein Marsch hoch über dem Thunersee befreit die Seele vom Alltagsstress. Die Idylle im Berner Oberland beruhigt die Nerven. Tipps zum Outdoor-Erlebnis und weitere schöne Spaziergänge einigen Schweizer Seen entlang.

Aussicht über den Thunersee, im Hintergrund der Niesen.
Die spektakuläre Fussgängerbrücke hat Aeschlen und Sigriswil einander näher gebracht. Im Hintergrund der Niesen.

Das Wasser plätschert leise um die Pfeiler des Landungsstegs in Oberhofen am Thunersee. Der Blick führt über das glitzernde Wasser, die grünen Wiesen und Wälder ennet dem See zum Stockhorn. Links neben uns ragt der voluminöse Turm des Schlosses Oberhofen in den blauen Himmel, während das hübsche Seetürmchen davor beinahe kitschig wirkt.

Blick durch einen grün bewachsenen Weg im Schlosspark.
Im Schlosspark geht es durch einen pflanzlichen Tunnel.

Noch bevor unsere Wanderung nach Sigriswil richtig beginnt, gibt es also bereits einiges zu sehen. Dazu gehört der Schlosspark mit der üppigen Bepflanzung, den wir kurz durchstreifen, bevor es über etliche Treppenstufen 130 Meter hinauf bis zum Punkt Blooch geht. Auf teils schmalem Pfad führt der Weg durch den Wald, weiter nach oben und wieder hinaus auf die Wiese. Rechterhand erhebt sich der Berg Niesen mit seiner pyramidenartigen Form.

Das Schloss Oberhofen vom Thunersee aus gesehen.
Die Szenerie in Oberhofen am Thunersee 
wird vom Schloss dominiert.

Die Idylle macht uns zu naiven Romantikern

Nach einer kleinen Kurve erreichen wir einen imposanten Nussbaum, in dessen Schatten sich eine grosse Aussichtsbank befindet. Von hier erblicken wir die Schneegipfel des berühmten Berner Dreigestirns Eiger, Mönch und Jungfrau. Ist derzeit gerade eine Seilschaft in der Nordwand unterwegs? Wie viele Japaner, Südkoreaner oder Inder stehen wohl gerade jetzt auf der Aussichtsplattform des Jungfraujochs? Kaum aus dem Schatten des Nussbaums, passieren wir den Bauernhof Erizbüel. Die Holzbalkons des dreistöckigen Wohnhauses sind üppig mit rot-violetten Geranien geschmückt, auf der Terrasse steht der grüne Plastiktraktor des Nachwuchsbauern, und im Garten blühen unzählige Rosen und Sonnenblumen. Auf dem Teersträsschen schnurrt uns ein älterer VW Polo entgegen. Die zwei betagten Frauen hinter der Frontscheibe lächeln uns an – beide gekleidet in einer schön bestickten Tracht. Ach, ja … hier ist die Welt noch in Ordnung. Die friedliche Stimmung hat uns offensichtlich im Nu zu naiven Romantikern gemacht.

Ein Bach fliesst durch einen Wald.
Da und dort gräbt ein kleiner Bach seinen eigenen Miniaturcanyon ins Gelände.

Wiederum führt der Weg in ein Waldstück und über den Örtlibach, der sich einen winzigen Canyon in die Erde gearbeitet hat. Weiter geht es entlang einer Wiese, und unser Blick schweift über das vom leichten Wind gekräuselte Seewasser zu Simmen- und Frutigtal. Eingangs des Dörfchens Aeschlen ist linkerhand wiederum ein reich bepflanzter Bauerngarten angelegt. Und rechterhand steht ein Traktor am Wegesrand, der diesen typischen Geruch nach Gras, Öl, Heu und Benzin verströmt.

Auf der anderen Seeseite fühlt man sich geblendet

Bei einer Rangerin muss man einen Wegzoll bezahlen.
Stopp, Wegzoll: Die Rangerin zieht von Touristen und Wanderern die acht Franken für die Überquerung ein. Kinder bis 16 sind gratis.

Kurz nach Aeschlen erblicken wir die Panoramabrücke Sigriswil. Sie wurde Ende 2012 eingeweiht und gehört zum 56 Kilometer langen Panoramarundweg Thunersee. Das filigrane Bauwerk, das sich über die Gummischlucht spannt, ist mit 340 Metern eine der längsten und mit 182 Metern eine der höchsten Fussgängerhängebrücken der Welt. Und sie ist verbindendes Glied zwischen den zwei Orten Aeschlen und Sigriswil, die bisher durch die Schlucht voneinander getrennt waren. So beträgt nun beispielsweise für die Schüler von Aeschlen der Weg zum Oberstufenschulhaus in Sigriswil nur noch rund 10 statt wie früher 40 Minuten. «Alle profitieren hier», ist Madeleine Amstutz, die Gemeindepräsidentin von Sigriswil, überzeugt. Etwa auch das Gewerbe: Die Einwohner von Aeschlen, die sich bis jetzt eher in Richtung Thun orientiert hätten, würden jetzt vermehrt ihre täglichen Einkäufe in Sigriswil machen, sagt die Gemeindepräsidentin. Verkehrstechnisch profitiert Aeschlen von der besseren ÖV-Anbindung in Sigriswil, und auch der Genussfaktor ist mit der Hängebrücke gestiegen: Die Einwohner von Sigriswil können jetzt etwa zur kulinarischen Abwechslung ganz einfach zu Fuss ins Chinarestaurant ennet der Schlucht.

Natürlich ist die Brücke auch für Wanderer und Touristen eine Attraktion, nur müssen sie – im Gegensatz zu den Einheimischen – einen Brückenzoll von acht Franken bezahlen. Denn finanziert wurde das gut eine Million Franken teure Bauwerk von einer privaten Trägerschaft, die so einen Teil ihrer Ausgaben wieder wett zu machen versucht. Nach den ersten Schritten auf der Brücke spüren wir bereits die leichte Schwingung des Bauwerks – ausgelöst durch die Fussgänger. In der Mitte der Brücke müssen wir aufpassen, nicht ins Torkeln zu geraten – sicher fühlen wir uns aber trotzdem jederzeit und blicken auch mal über das hohe Lochblech-Geländer tief hinunter zum Gummibach, der sich dort durch eine schmale Felsschlucht zwängt.

Ein weiterer Blick über den wunderschönen Thunersee.
Vom pittoresken Bauernhof Erizbüel geht der Blick über den See bis zu Eiger, Mönch und Jungfrau.

Weil das Blech der Brücke das Sonnenlicht reflektiert, kam es bereits kurz nach der Eröffnung wegen des «glänzenden Strichs in der Landschaft» zu Klagen von der anderen Seite des Sees. Zeitungen und Fernsehen berichteten über den Zwist, und man überlegte, ob das seeseitige Geländer mit einem dunklen Tarnanstrich versehen werden sollte. Das sei momentan aber wohl kein Thema mehr, meint die Rangerin am anderen Ende der Brücke, die von uns den Wegzoll einkassiert. Und auch der Ingenieur des Bauwerks, Martin Dietrich, sagte gegenüber der Bauzeitung «Tec21», dass man der Brücke etwas Zeit geben solle, bis sie in einigen Jahren von selbst etwas an Glanz verliere.

Karte zur Thunersee-Wanderung.
Karte zur Thunersee-Wanderung.

Bilder: Raffael Waldner

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