17. August 2015

Andreas Müller: «Schweizer Schulsystem ist überholt»

Was ist guter Unterricht, was eine gute Schule? Pädagoge Andreas Müller weist in seinen Büchern auf Mängel des Schulsystems hin und erklärt, wo Handlungsbedarf besteht.

Andreas Müller
Hält das Schweizer Schulsystem für überholt: Andreas Müller, Buchautor und Leiter der Privatschule Beatenberg.

Andreas Müller, in Ihren Büchern stellen Sie dem Schulsystem ein schlechtes Zeugnis aus. Woran stören Sie sich?

Verfolge ich die Diskussionen in den Schulen, so erhalte ich oft den Eindruck, die wichtigsten Fragen sind: Wer gibt wem in welchem Zimmer welches Fach, wann ist die Turnhalle offen, und wann hat die Flötenlehrerin Zeit für ihre Lektionen? Pädagogische Fragen scheinen sekundär.

Was läuft in den Schulen falsch?

Wir müssen nicht das Lehren, sondern das Lernen organisieren. Das klingt zwar trivial, aber Lernen ist nichts anderes, als aus etwas Fremdem etwas Eigenes zu machen. Und diese Leistung kann nur der Lernende selber erbringen. Ein Problem liegt beim Rollenverständnis der Lehrer und Schüler. Letztere kommen häufig mit der Grundhaltung in die Schule, da vorne steht einer, der verantwortlich ist, dass ich was lerne.

Und das ist ein Fehler?

Die Lehrpersonen orientieren sich zu stark an den Inhalten. Die Schüler werden mit zu viel Stoff abgefüllt. Als bester Lehrer gilt, wer im Mathebuch Ende Schuljahr die meisten Kapitel durchgeackert hat.

Auch deshalb fordern Sie die Abschaffung der Stundenpläne mit den 45-Minuten-Lektionen.

Schauen wir doch mal einen Montagmorgen eines Achtklässlers an: Von 7.30 Uhr bis 8.15 Uhr Englisch, dann eine Doppelstunde Deutsch mit Aufsatzschreiben, von 10 bis 11 Uhr Turnen, danach Duschen, bevor es zum Mathematiklehrer geht. Ja, hallo? Wer glaubt denn, dass sich die Mehrheit der Klasse dann noch konzentrieren kann.

Was ist Ihr Rezept?

Die ständigen Reformen sind Pflästerlipolitik, die Schule braucht einen radikalen Wandel. Das bedeutet: Es müssen ein paar heilige Kühe von den saftigen Wiesen des Bildungswesens getrieben werden.

Also keine Klassen, keine Fächer und keine Prüfungen mehr?

Man muss sich fragen, was die Aufgabe der Schule ist. Die Institution Schule baute eine Organisation, die sich leider nicht an den Bedürfnissen der Schüler ausrichtet, sondern an jenen, welche die Schule machen: an Schulleitungen, Lehrpersonen und Behörden. Das manifestiert sich unter anderem im 45-Minuten-Takt.

Was ist Ihrer Meinung nach die Alternative?

Die Schule muss vielmehr mit offenen Organisationsformen arbeiten. Es schleckt doch keine Geiss weg: Lernen ist so persönlich wie ein Fingerabdruck. Der eine Lernende wählt diese Strategie, braucht so viel Zeit, der andere ist schneller. Ein erfolgreicher Weg sind personalisierte Lernkonzepte statt Jahrgangsklassen. Wir machen in der Schule viel zu viele Sachen, die keinen Lebensbezug haben, und unterrichten weit weg von der Lebensrealität.

Weitergedacht: Jeder Schüler braucht eigentlich seine eigene Schule?

Jeder Schüler braucht seine eigene Schule in der Schule. Ich vermeide den Begriff «individualisierter Unterricht». Als Lehrer schaffe ich es nie, für alle Schüler einer Klasse ein eigenes Programm zusammenzustellen.

Tatsache ist, dass die Motivation der Schüler mit andauernder Schuldauer laufend abnimmt.

Wir müssen in der Schule mehr Lernanlässe schaffen, bei denen der Schüler Selbstwirksamkeitserfahrungen machen und sich kompetent erleben kann. Das heisst: Es geht darum, dass Lernende Stolz auf Leistungen entwickeln können. Lernen kann nämlich geil sein.

Ein Buchtitel von Ihnen. Dieser Tipp nützt den Lehrern, die sich auf alle Stunden penibel vorbereiten, auch nichts, wenn die Schüler im Unterricht dauernd stören.

Man muss den lehrergesteuerten Anteil des Unterrichts stark zugunsten des eigenaktiven Anteils zurückfahren. Das Erklären und Dozieren sollte nicht Hauptteil der Lehrerarbeit sein, der Lehrer muss sich zum Lerncoach entwickeln.

Was können die Schüler tun, damit das Lernen eine Erfolgsstory wird?

Elementare Voraussetzungen für Erfolg – weit über die Schule hinaus – sind die sogenannten exekutiven Funktionen wie die Selbstregulation. Dazu gehören Fähigkeiten wie Impulskontrolle und Belohnungsaufschub. Und dass solche Eigenschaften entwickelt und gefördert werden, dafür müssen wir als Schule die Bedingungen gestalten.

Zurück zu den Lehrkräften: In ihren Büchern bezeichnen Sie sie als die grössten «Schulflüchter».

Das erklärt sich aus den Arbeitszeitmodellen der Lehrkräfte. Solange meine Arbeitszeit über die Lektionen definiert wird, ist zusätzliche Präsenz eine Strafe. Meine Beobachtung: Zehn Minuten nach Schulschluss sind viele Schulhäuser leer.

Viele sind Lehrer geworden, weil sie die Autonomie schätzen: Man kann seine Arbeitszeit selber einteilen.

Das ist einer der Gründe, weshalb in den Schulen heute so viel schiefläuft. Mein Modell sieht so aus: Die Lehrpersonen müssten von morgens 8 Uhr bis 6 Uhr abends in der Schule präsent sein. Die Schüler werden bei den Aufgaben betreut, und es wird gemeinsam vorbereitet.

An den Schulen gibt es sehr viele Teilpensen, wie ist Ihr Arbeitszeitmodell überhaupt in der Realität umsetzbar?

Wenn sich die Berufsmotivation aus dem Bedürfnis ergibt, die Arbeit ideal mit dem Privatleben zu verbinden, ist das nicht hilfreich für die Weiterentwicklung der Schulen. Im Klartext: Die vielen Teilpensen sind nicht förderlich. Die Schule wird zum Ort, an dem viele Nebendarsteller Kurzgastspiele geben.

Höhere Präsenzzeiten lösen das Problem von disziplinlosen Schülern noch nicht. Lehrer klagen über verwöhnte und egomanische Schüler mit wenig Durchhaltevermögen. Sind nicht eher die Eltern das Problem, die ihre Kinder zu kleinen tyrannischen Prinzen erziehen?

Solche Feststellungen höre ich auf meinen Touren durch die Schulen jeden Tag. Es nützt aber nichts, den Eltern die Schuld zuzuweisen. Wir haben die Kinder, die wir haben. Wir können doch als Schule nicht sagen: «Gebt uns andere Kinder, dann würden wir unsere Arbeit viel besser machen.» Das geht doch nicht! Wenn die Kinder anders sind als früher, dann muss die Schule dem halt Rechnung tragen. Das heisst: Wir müssen die Lernarrangements bedürfnisgerecht, kompetenzorientiert und individuell zielführend gestalten, damit die Lernenden für das Leben fit werden.

Vorderhand müssen wir mit der Schule leben, die wir haben. Was können die Eltern konkret tun, dass das Lernen ihrer Kinder erfolgreicher wird?

Ganz wichtig ist: Die Eltern sollten sich interessieren für das, was ihr Kind in der Schule tut – echt interessieren. Und: Es lohnt sich, dabei das Gelingen in den Fokus zu stellen. Dazu gehören Fragen wie: Was läuft bei dir gut in der Schule? Wie hast du das geschafft? Was hast du unternommen, damit es gut läuft? Was hast du dir jetzt vorgenommen? Welches ist der nächste Schritt? Was wirst du tun, damit es gelingt? Wie wirst du es tun? Wie könnten wir dich dabei unterstützen? Also Fragen, die sich aus dem Zusammenhang ergeben. Echte Fragen. Das ist Ausdruck echten Interesses.

Bild: Marco Zanoni

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