25. Juli 2016

Schweizer in der Traumfabrik

Ob bei Pixar, ILM und Dreamworks in den USA oder Weta Digital in Neuseeland – an den Topadressen für Animationsfilme arbeiten auch Schweizer. Jetzt kommen sie für eine Masterclass in ihre Heimat zurück und geben ihr Know-how an den Nachwuchs weiter.

«How to Train Your Dragon»
Von der ersten Skizze bis zur fertig animierten Szene (hier «How to Train Your Dragon») sind viele Arbeitsschritte nötig: Stunden am Computer, um nach und nach die Figuren, Hintergründe und Oberflächen zu bauen – und man braucht leistungsstarke Rechner.

Er hätte als Berufswunsch auch Astronaut angeben können, sagt Simon Otto lachend, «so unvorstellbar war die Erfüllung meines Traums». Der Chef-Figurenanimator von Dreamworks («How to Train Your Dragon») sitzt in einem Café in Hollywood und denkt an seine Ausbildungszeit in der Schweiz zurück. «Animator? Damals gabs in der Schweiz keine Möglichkeit, sich auf diesem Gebiet ausbilden zu lassen. Und auch heute haben viele Eltern und Berufsberater keine Ahnung, wie man in diese Branche einsteigen kann.»

Das will er ändern. Zusammen mit den vier Schweizer Topanimatoren Michael Aerni («The Hobbit», Weta Digital), Simon Christen («Inside Out», Pixar), Jean-Denis Haas («Star Wars: The Force Awakens», ILM) und Stefan Schumacher («Finding Dory», Pixar) unterrichtet Simon Otto diesen Sommer an der Hochschule Luzern – Design & Kunst.

Die «1. Lucerne Master Academy of Animation» (LuMAA) ist eine sechswöchige Computer-Animations-Meisterklasse. Hier können 16 Animationstalente lernen, wie sich zum Beispiel eine Figur richtig abgestimmt bewegt, und zwar vom Hüftschwung über die Rückenhaltung bis zur Kniebewegung. Oder worauf man beim Animieren nichtmenschlicher Kreaturen achten muss und wie man den Dialog im Gesichts-Close-up optimal synchronisiert hinbringt. «Die Computer werden immer besser. Heute kann man immer mehr Details animieren – das macht es leichter, einer Figur Emotionen zu geben», sagt Simon Christen, der sich auf den Austausch mit den Studenten in der Schweiz freut und wie Jean-Denis Haas auch an der Academy of Art in San Francisco Kurse gibt.

Es braucht viel Geduld – und Ausdauer

«Hat man die Anatomie verstanden, dann besteht die nächste Herausforderung darin, die richtige Emotion im richtigen Moment zu zeigen», ergänzt Stefan Schumacher. Aber es braucht nicht nur technisches und künstlerisches Animationstalent, um im Ausland erfolgreich zu sein, sondern auch «eine Berufung und eine starke Motivation», meint Michael Aerni. «Man muss weltoffen sein, unkonventionell denken können, kritikfähig sein und Geduld und Ausdauer haben.» Naht die Deadline, die in der Szene auch «Crunch time» heisst, wird nämlich auch an Abenden und an den Wochenenden gearbeitet. Und wenn ein Projekt fertig ist, wird man unter Umständen unbezahlt freigestellt, bis das nächste Projekt beginnt.

Die LuMAA ist kein Rekrutierungskurs, bei dem am Schluss ein Job im Ausland winkt, sondern ein Wegweiser dafür, worauf man sich vor allem am Anfang der Karriere konzentrieren sollte. Da die fünf Dozenten selber froh gewesen wären, wenn ihnen in ihren Anfängen jemand wichtige Tipps gegeben hätte, hatte Simon Otto kein Problem, seine Kollegen in Kalifornien und Neuseeland für die LuMAA zu gewinnen. Nach einem Podiumsgespräch an der letztjährigen Fantasy ­Basel hatte er die Masterclass-Idee Jürgen Haas, dem Leiter Animation BA an der Hochschule Luzern – Design & Kunst unterbreitet. Dieser war von Ottos Initiative begeistert, aber zuerst mussten das Rektorat und die Stiftung Weiterbildung Film und Audiovision überzeugt werden, die Kosten mitzutragen.

«Zwar arbeiten die Animatoren gratis, aber mit Reise, Unterkunft und Spesen kommt doch einiges zusammen, das wir nicht allein auf die Studenten abwälzen können», sagt Haas. Er ist überzeugt, dass sich dieses Testprojekt lohnt und den Hochschulbildungsgang «Animation» bekannter macht: «Ich hoffe, dass die LuMAA künftig in der Branche und vom Bundesamt für Kultur als international anerkannte und renommierte Ausbildung wahrgenommen wird und dies der Beginn einer regelmässigen Sommerveranstaltungsreihe ist.»

Simon Otto träumt sogar davon, dass sich mit der Zeit eine einheimische Animationsindustrie entwickelt: «Es wird in der Zukunft immer mehr möglich sein, auch in Europa als Animator zu arbeiten – nicht nur fürs Kino, sondern auch in der Werbung, für Special Effects und in der Game-Industrie.» In Sachen Jobmöglichkeiten haben die Animatoren den Astronauten also inzwischen einiges voraus.

Szenebild «How to Train Your Dragon I +II»
Simon Otto hat bei «How to Train Your Dragon I +II» mitgearbeitet.

Seit seinem 12. Lebensjahr träumte LuMAA-Initiant SIMON OTTO (43) davon, Animator zu werden. Die Erfüllung des Traums schien in der Schweiz unrealistisch. Deshalb machte er eine Banklehre und besuchte danach einen Vorkurs an der F+F Kunstschule in Zürich.

Simon Otto
Simon Otto

Ein Praktikum bei Animator Robi Engler in Lausanne zeigte Otto den Weg. «Robi gab mir eine Broschüre über alle Animationsschulen der Welt. Ohne ihn wäre ich wohl nicht Animator geworden.» Simon Otto wurde an der Gobelins-Schule in Paris aufgenommen und ging anschliessend direkt zu Dreamworks. Sein Mentor war Kristof Serrand, ein Dreamworks-Animation-Supervisor der ersten Stunde und ebenfalls Gobelins-Absolvent.

Aufgewachsen in Gommiswald SG

Titel/Funktion Head of Character Animation (Chef-Figurenanimator)

Wichtigste Filme «How to Train Your Dragon I +II» (Bild oben), «Flushed Away», «Prince of Egypt»

Arbeitsort Dreamworks, Glendale, Kalifornien (USA)

Ausbildung Banklehre, F+F Schule für Kunst und Design Zürich, Gobelins L’école de l’image, Paris

Szenebild «Star Wars: The Force Awakens» mit animiert.
Jean-Denis Haas hat «Star Wars: The Force Awakens» mit animiert.

Nach der vierjährigen Ausbildung an der Academy of Art University in San Francisco bewarb sich JEAN-DENIS HAAS (39) mit seinem Portfolio bei verschiedenen Firmen für Animation und Visual Effects. Acht Monate später konnte er ein Praktikum für «Star Wars: Episode III» bei Industrial, Light & Magic (ILM) machen, der 1975 von George Lucas gegründeten Firma für Visual Effects.

Jean-Denis Haas
Jean-Denis Haas

«Künstlerische und kommerzielle Visionen zu kombinieren, ist eine tägliche Herausforderung, aber spannend», fasst er seinen Job zusammen. Am LuMAA-Kurs möchte er den Studenten technisch und künstlerisch einen Überblick über Creature-Animation verschaffen und auch vermitteln, wie wichtig die Beziehung zur Produktionsfirma und zum Regisseur ist.

Aufgewachsen in Luzern

Titel/Funktion Senior Lead Animator

Wichtigste Filme «Star Trek», «Star Wars: The Force Awakens» (Bild oben)

Arbeitsort ILM, San Francisco (USA)

Ausbildung Academy of Art University, San Francisco

Szenebild «Inside Out»
Simon Christen zeichnet für «Inside Out» mitverantwortlich.

Harte Arbeit und dann zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort sein, das ist das Geheimrezept von SIMON CHRISTEN (35). An der Academy of Art University in San Francisco, wo der Berner studierte, unterrichteten nebenamtlich auch Pixar-Angestellte. Durch deren Vermittlung kam sein Portfolio an die richtigen Leute, als bei Pixar Praktikanten gesucht wurden.

Simon Christen
Simon Christen

Sein persönlicher Pixar-Lieblingsfilm ist «Inside Out»: «Das war ein aussagekräftiger, erfolgreicher Film, meine Tochter Laila inspirierte mich zu einigen Szenen. Ich filmte sie beim Essen, was mir beim Animieren der Flashbackszene half, in der die Protagonistin mit Broccoli um sich wirft. Laila ist sogar als ‹Produc­tionbaby› im Abspann erwähnt.» Derzeit arbeitet Christen an den ersten Figurentests für «Cars 3.

Aufgewachsen in Liebefeld BE.

Titel/Funktion Character Animator

Wichtigste Filme «Ratatouille», «Up», «Toy Story 3», «Inside Out» (Bild oben)

Arbeitsort Pixar, Emeryville, Kalifornien (USA)

Ausbildung Academy of Art University, San Francisco

Szenebild «Planet of the Apes»
Michael Aerni war bei «Planet of the Apes» mit von der Partie.

Nach dem abgebrochenen Gymnasium und einer Tiefbauzeichnerlehre, brachte sich MICHAEL AERNI (37)die ersten Kenntnisse in Animation mithilfe von Fachliteratur selber bei. Durch ein Praktikum bei einer Firma für Visual Effects in Deutschland schaffte er den Einstieg ins Metier.

Michael Aerni
Michael Aerni

Amerika reizte ihn weniger, und so konzentrierte er sich für seinen nächsten Karriereschritt auf Neuseeland. Er bewarb sich mehrmals erfolglos bei dem renommierten und von Peter Jackson mitbegründeten Unternehmen Weta Digital. 2008, nach neun Jahren in München, sei seine Arbeit schliesslich gut genug gewesen für einen Arbeitsvertrag. Sein erster Film: «Avatar». Seither hat Aerni viele non-humanoide Kreaturen für Regisseure wie Jackson und Spielberg («The BFG») animiert. Nächstes Projekt ist Luc Bessons «Valerian».

Aufgewachsen in Neftenbach ZH

Titel/Funktion Senior Animator

Wichtigste Filme «Avatar», «Hobbit-Trilogie», «Planet of the Apes» (Bild oben)

Arbeitsort Weta Digital, Wellington (Neuseeland)

Ausbildung Tiefbauzeichner, Animation-Autodidakt

Szenebild «Finding Dory»
Hinter «Finding Dory» steht u.a. Stefan Schumacher.

Auch für den Jüngsten der fünf Dozenten gab es in der Schweiz noch keine Ausbildung zum Animator. Nach der Kantonsschule studierte STEFAN SCHUMACHER (32) zwei Semester Computer Science an der ETH, was ihm «zu mathematisch» war. Anschliessend jobbte er für Werbefirmen und arbeitete an Motion-Capture-Animationen für die Fernsehshow «Fame on You» auf Viva Schweiz.

Stefan Schumacher
Stefan Schumacher

Der Innerschweizer erkundigte sich nach Animationsschulen in New York und Florida. Stefan Schumacher holte sich Rat bei Simon Christen. Ihre Väter kannten sich. Schumacher absolvierte dann wie Christen die Academy of Art in San Francisco und kam über ein Praktikum zu Pixar. Nach dem «Finding Nemo»-Sequel «Finding Dory» hat er bis zum nächsten Pixar-Projekt derzeit unbezahlte Sommerpause.

Aufgewachsen in Luzern

Titel/Funktion Animator

Wichtigste Filme «Monster University», «Brave», «Finding Dory» (Bild oben)

Arbeitsort Pixar, Emeryville (Kalifornien)

Ausbildung Zwei Semester Computer Science ETH Zürich, Academy of Art University, San Francisco

Die auf Englisch geführte 1st Lucerne Master Academy of Animation findet vom 1.8. bis 9.9.2016 an der Hochschule Luzern statt.

Autor: Marlène von Arx