18. Dezember 2019

Schutzengel des Papstes

Zwei Jahre lang diente Simon Bussinger dem Heiligen Vater in Rom. Das Migros-Magazin hat den jungen Schweizergardisten während seinen letzten Diensttagen durch den Vatikan begleitet – bis hin zur Papstaudienz. Und in manchen Momenten ist das Oberhaupt der katholischen Kirche für Bussinger einfach nur ein alter, freundlicher Mann.

Simon Bussinger
Simon Bussinger in seiner Galauniform. Der junge Schweizergardist und seine Kollegen verbringen viel Zeit alleine und müssen oft lange stillstehen.

Rom, Mittwoch, zwölf Uhr: Dienstschluss. Simon Bussinger ist auf dem Weg zurück ins Hauptquartier und läuft am Eingangstor des Petersdoms vorbei. «Wenn ich nach Momenten gefragt werde, die ich besonders geniesse», sagt er und zeigt ins Innere der riesigen Basilika, «dann gehört dieser ganz oben auf die Liste.» Die Kirche ist leer. Niemand zu sehen weit und breit.

Es ist tatsächlich speziell, den menschenleeren Petersdom zu betreten. Das geografische und spirituelle Zentrum der christlichen Welt, das seit Jahrhunderten die Massen magnetisch anzieht, entfaltet so seine ganze Kraft, die erst in der absoluten Stille wirklich erlebbar ist. Während Normalsterbliche von einem so intimen Moment nur träumen können, bietet er sich den Schweizergardisten beinahe im Überfluss. Zum Beispiel mittwochs bei schönem Wetter, wenn der Papst seine Audienz auf dem Petersplatz abhält und die Basilika bis 13 Uhr für die Öffentlichkeit geschlossen wird.

Diensttage in grossartiger Kulisse.
Diensttage in grossartiger Kulisse.

Andere dieser exklusiven Momente sind für Bussinger die Nachtwachen vor dem Zimmer des Papstes. «Das Besondere daran ist das Normale», sagt er. Wenn der Stellvertreter Christi morgens das Zimmer verlasse, sei er einfach ein alter, freundlicher Mann auf dem Weg zum Frühstück. Mehr über die manchmal sehr persönlichen Begegnungen mit dem Heiligen Vater darf Bussinger nicht verraten. Details aus dem Dienst vor der Wohnung im «Domus Santa Marta» müssen aus Sicherheitsgründen geheim bleiben.

Simon Bussinger, 22 Jahre alt, aus Wallbach AG machte zunächst eine Metzgerlehre und arbeitete danach an unterschiedlichen Orten; unter anderem in einem Migrolino-Shop. Gardist zu werden, war ein alter Traum – und nicht nur sein eigener. Schon Grossvater und Vater wollten unbedingt nach Rom. Doch beide mussten kurz vor Dienstantritt ihre Pläne aufgeben. Beim Opa verhinderte eine Augenverletzung den Dienstantritt, der Vater bekam eine Stelle angeboten, die er nicht zurückweisen konnte.

Es war für Bussinger deshalb ein geradezu magischer Moment, als er am 6. Mai 2017 im Vatikan vereidigt wurde – vor seiner Familie und Freunden und weiteren 2000 Gästen. Der Zufall wollte es, dass direkt vor ihm sein Vater sass, dem er beim Schwur auf die Fahne in die Augen blickte. «Man kann mit Worten schlecht erklären, was damals in mir vorging», sagt der junge Mann. Allein schon das «Ritual», die Initiation, durch die er in die Truppe aufgenommen worden sei, habe starke Emotionen ausgelöst. Dass dabei auch die Familienbande gestärkt wurden, machte den Tag noch viel bewegender.

Einiges für die Zukunft gelernt

Doch nun ist Schluss. Die 26 Monate, für die sich ein Gardist mindestens verpflichten muss, sind vorbei. Ende November kehrte Simon Bussinger zurück in die Heimat. Auch in der Schweiz möchte er in der Sicherheitsbranche arbeiten. Dafür ist er nun sehr gut gerüstet: Er kann Schusswaffen einsetzen und sich selbst verteidigen, kennt Festnahmetechniken, kann Fahrzeuge kontrollieren, Nothilfe leisten und anderes mehr. Das seien «Geschenke», denn zu allem, was er in der Zeit als Gardist lernen konnte, gab es noch einen monatlichen Lohn in der Höhe von 1400 Euro, von dem Kost und Logis bereits abgezogen sind.

Intime Einblicke in das Leben der Schweizergardisten zu erhalten, ist ungewöhnlich. Das älteste und kleinste Militärkorps der Welt war in seiner über 500-jährigen Geschichte lange Zeit eine geschlossene Gesellschaft. Die neue Offenheit hat damit zu tun, dass überall in der Welt Tabus wegfallen, aber besonders mit den Schwierigkeiten der Garde, geeigneten Nachwuchs zu finden. Probleme und Skandale, mit denen die katholische Kirche zu kämpfen hat, tragen wohl dazu bei. Und auch falsche Vorstellungen darüber, was die jungen Männer im Vatikan erwartet.

Darum wagt man in Rom nun die Flucht nach vorne. Mit kurzen Videos, die in den sozialen Netzwerken publiziert werden, vermittelt die Schweizergarde Einblicke in ihre unterschiedlichen Aufgaben. Zusätzlich ermöglicht man den Medien, den Alltag hinter den heiligen Mauern zu beobachten. An den zwei Tagen, in denen sich das Migros-Magazin im Vatikan aufhielt, filmte auch ein Kamerateam des französischen Fernsehens.

Manchmal wie in einem Agentenfilm

Die Schweizer mit ihren farbenfrohen Uniformen aus dem Mittelalter gelten zwar in erster Linie als «Visitenkarte des Papstes», doch beschränkt sich ihre Anwesenheit nicht allein darauf, ein nettes Fotosujet zu sein. Sehr oft sind die Offiziere und Unteroffiziere auch mit Anzug, Krawatte und Sonnenbrille unterwegs und sorgen diskret für Personenschutz, wie man ihn aus Agentenfilmen kennt. Das Ziel der Informationskampagne ist darum, die Schweizergarde als moderne Truppe darzustellen, die eine lange Tradition hat und in einem einzigartigen Umfeld wirkt.

Und der Glauben? «Ohne geht es nicht», sagt Simon Bussinger. «Du arbeitest für die Kirche und schwörst, im Ernstfall für den Papst dein Leben zu lassen.» Ein aktiver Kirchgänger sei er aber nie gewesen – auch, weil es in seinem Wohnort keinen Pfarrer gab und der der Nachbargemeinde nur einmal im Monat in sein Dorf kam, um eine Messe abzuhalten. Bussinger findet aber auch, dass ein gelebter Glauben wertvoller ist als frommes Gebaren. Dazu gehört zu helfen, «wenn mich jemand braucht».

Ähnlich verhält er sich zu den Skandalen, die in den letzten Jahren die katholische Kirche erschüttern: Bussinger ist in erster Linie darauf bedacht, mit sich selbst im Reinen zu sein. Für alles andere gelte: «Was ans Licht kommen muss, das findet seinen Weg.» In einem kürzlich veröffentlichten Buch werden Fälle von sexueller Belästigung beschrieben, die katholische Würdenträger an jungen Schweizergardisten verübt haben sollen. Bussinger persönlich sind keine solchen Vorfälle bekannt.

Worauf der junge Gardist sich in den letzten Tagen seines Dienstes besonders gefreut hat, ist die Freizeit: Endlich wieder Zeit für sich! Die Tage im Vatikan, stets von Mauern und Menschen umgeben, sind eben oft sehr lang. Und weil Papst Franziskus sehr umtriebig ist, fallen oft auch die freien Tage weg. «Wir haben eine Neun-Tage-Woche», erklärt er: Sechs Tage Dienst und drei als Reserve, die meistens für Spezialaufgaben verwendet werden. Vermissen werde er jedoch die Kameraden. «Wenn man hier etwas unternehmen will, muss man nicht lange suchen. Es ist immer jemand da.»

Kurze Pause am Kaffeeautomaten.
Kurze Pause am Kaffeeautomaten. Die blauen Uniformen werden für den Dienst am Anna-Tor getragen, wo täglich bis zu 20 000 Personen vorbeikommen.

Besonders beliebt sind gemeinsame Ausflüge ans Meer oder an den See bei Castel Gandolfo. «Wir müssen nur bestimmen, wer fährt», sagt Bussinger. Alle anderen brauchen sich dann in der Wahl der Getränke nicht einzuschränken. Grosses Vergnügen bereitet dem 22-Jährigen auch das Beobachten der Menschen; insbesondere am Anfang, als er noch neu in der Weltstadt war. Zusammen mit drei seiner engsten Kumpel stieg er nach Dienstschluss oft die Kuppel der Peterskirche hoch und schaute von oben dem Treiben zu.

Den Umgang mit Menschen gelernt zu haben, gehört für Bussinger zu den grössten Trümpfen, die er nach Hause mitnimmt. Als Gardist ist man täglich von Tausenden umgeben. Man muss schnell erkennen können, mit wem man es zu tun hat, was das Gegenüber will. Mit der Zeit entwickle man ein Gespür dafür, sagt er. Sein Fazit: «Der Mensch ist ein Gewohnheitstier.» Schafen gleich würden die meisten einfach nur das tun, was andere vormachen. Und: «Jeder will etwas vom anderen.» Im Fall der jungen Schweizer Männer in den farbigen Uniformen sind es Fotos. Sogar eine weltbekannte Schauspielerin wie Monica Bellucci fragte ihn, ob sie sich für ein Bild neben ihn stellen dürfe.

Die jungen Gardisten in ihren farbigen Uniformen sind auch ein beliebtes Fotosujet bei Touristen.
Die jungen Gardisten in ihren farbigen Uniformen sind auch ein beliebtes Fotosujet bei Touristen.

So schlüpft er in dem Moment, wo er die Galauniform anzieht, gewissermassen in eine Rolle. «Stolzieren», nennt er es. «Stets und von überallher sind Augen auf uns gerichtet, wir können uns darum keine lasche Körperhaltung erlauben.» Die meisten Menschen fragen nicht, ob sie fotografieren dürfen. Wie an diesem Mittwoch, als 15 000 Menschen auf den Petersplatz gekommen sind, um den Papst zu sehen. Simon Bussingers Arbeitstag hat schon um sieben Uhr begonnen. Zusammen mit seinen Kollegen hat er sich im Innenhof der Kaserne der Schweizergardisten zum Appell versammelt; stramm stehen, «hier» rufen, den Pfefferspray vorzeigen und dann in Zweierkolonne abmarschieren.

Wachsamkeit an der Papstaudienz

Bussinger muss die Zugänge zu den vordersten Sektoren kontrollieren und die Besucherinnen und Besucher an die richtigen Orte verweisen. Es gibt die Ehrengäste des Papstes, frisch Vermählte in ihren Hochzeitsgewändern, Menschen mit körperlichen Behinderungen und eine Gruppe von 1600 Gläubigen aus Frankreich. Alle wollen Franziskus möglichst nahe kommen. Denn Nähe zum Stellvertreter Christi bedeutet: Segen erhalten.

Der Papst im Papamobil
Alle Augen sind auf den Papst gerichtet. Nur die Gardisten beobachten die Menschenmenge.

Als Franziskus um 9 Uhr mit seinem Papamobil einmal rund um den Platz fährt, sind alle Augen auf ihn gerichtet. Nur die Gardisten achten auf anderes: Gibt es verdächtige Bewegungen im Zuschauerbereich? Gefahr geht dabei nicht nur von möglichen Attentätern oder verwirrten Menschen aus. Die pure Freude, die der Oberhirte bei seinen Schäfchen auslöst, ist das wahrscheinlichere Problem. Gerade bei Franziskus, der gerne spontan auf Menschen zugeht. Der grösste Erfolg, den die Gardisten bei ihrer Arbeit haben können, ist, wenn nichts passiert. Für junge Menschen wie Bussinger, die sich in einer bewegenden Lebensphase befinden, ist das nicht immer einfach.

An diesem Mittwoch bleibt alles friedlich. Um zwölf Uhr ist Dienstschluss. Der junge Gardist kehrt in sein Zimmer zurück und zieht sich fürs Essen um. Auf seinem linken Oberarm ist eine Tätowierung zu sehen: «Guardian Angel», Schutzengel. Der Schriftzug geht auf ein Erlebnis in seiner Zeit beim Schweizer Militär zurück. Als Soldat der Rettungstruppen war Bussinger damals auf dem Weg vom Ausbildungsplatz zurück in die Kaserne, als er mit einem Unfall konfrontiert wurde. Bussinger reagierte blitzschnell und kümmerte sich um den Verunfallten, einen 16-jährigen Töfffahrer, der in einer scharfen Kurve bei Wangen an der Aare in einen Betonmischer hineingefahren war. Der Junge war nicht ansprechbar und so schwer verletzt, dass er nur durch ein Wunder überlebte. «Er hatte einen Schutzengel!»

Die Tätowierung erinnert Simon Bussinger daran, dass es nicht selbstverständlich ist, am Abend wieder zu Hause zu sein, und mahnt ihn, nicht im Streit auseinanderzugehen, dankbar zu sein. Und ja: stets wach!

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