07. Mai 2020

Schulstart – was nun?

Lehrpersonen und Kinder machen sich daran, wieder zum Schulalltag überzugehen. Wie gelingt das nach der Zeit des Lockdowns? Expertinnen und Experten beantworten die brennendsten Fragen zum Neubeginn.

Illustration mit Schulmaterial (Illu: Getty Images)

Ist es okay, wenn Eltern es kaum erwarten können, ihre Kinder wieder loszuwerden?

«Ich nehme mal an, dass damit nicht gemeint ist, die Kinder zur Adoption freizugeben … Aber wenn man seine Kinder zwei Monate lang Tag und Nacht um sich hat, ist es naheliegend, auch mal wieder ungestört erwachsen sein zu wollen, ohne ständig auf die Bedürfnisse von Kindern eingehen zu müssen – die nun einmal andere sind. Und zwar umso mehr, je kleiner die Kinder sind. Denn die können sich schlecht allein beschäftigen, wollen kein Buch lesen, sondern Geschichten erzählt bekommen oder Rollenspiele machen. Für die Eltern wiederum ist die Beschäftigung mit den Kindern ja keine Erwerbsarbeit, sondern eine Aufgabe, die sie neben dem Beruf auch noch erfüllen müssen. Und da ist die Geduld – bei aller Liebe – halt nicht unbegrenzt. Sind die Kinder Teenies, merkt man ausserdem, dass deren Geduld irgendwann erschöpft ist, wenn sie den ganzen Tag lang mit den Eltern zusammenhocken müssen.» Peter Schneider, Psychoanalytiker und Autor

In manchen Kantonen gibt es im Sommer Zeugnisse ohne Noten. Wie lassen sich die Kinder dennoch motivieren?

Es wäre traurig, wenn Noten die einzige Motivationsquelle wären. Ich sehe ein Endjahreszeugnis ohne Noten als Chance, um sich auf das zu besinnen, was die Lernmotivation langfristig stärkt: ein guter Bezug zum Lerninhalt, zur Klasse und zur Lehrperson. Anstelle von Notendruck und Konkurrenzkampf kann das Miteinander ins Zentrum rücken und als Motor genutzt werden. Vielleicht mittels der Fragen: Wo steht jeder von uns? Was wollen wir bis Ende Schuljahr erreichen? Wie können wir uns gegenseitig beim Lernen unterstützen und für eine gute Lernatmosphäre sorgen? Stefanie Rietzler, Psychologin und Lerncoach

Zirkel

Wie schaffen es Eltern, ihre Kinder auf Trab zu bringen und sie wieder für den Alltag mit Schule zu takten?

«Die Umstellung wird einen Moment dauern – wie nach langen Ferien. Eine Ansage wie: «Jetzt müsst ihr aber sofort umspuren!» ist da wenig hilfreich. Eltern sollten mit ihren Kindern zurück- und nach vorn blicken. Was würden die Kinder gern beibehalten aus der Zeit im Lockdown? Was nicht? Was erwartet sie in der Schule? Solche Gespräche helfen den Kindern, sich auf die Rückkehr in die Schule einzustellen. Junge Menschen haben eine grosse Kraft, sich in neue Begebenheiten zu schicken, dieser dürfen Eltern gern vertrauen.» Stefan von Wartburg, Berater Pro Juventute

An welche Distanz- und Hygienevorgaben müssen sich Kinder und Jugendliche halten? Gehen sie kein Risiko ein, wenn sie wie gewohnt auf dem Pausenplatz gemeinsam spielen?

«Kranke Kinder bleiben zu Hause, alle anderen gehen zur Schule und halten sich dabei an die Hygieneregeln des Bundesamts für Gesundheit (etwa keine Hände schütteln oder Hände waschen), die sie ja schon kennen und zu denen sie immer wieder angeleitet wurden. Die Kinder der obligatorischen Grundschule können sich auf dem Pausenplatz ganz normal verhalten und miteinander spielen. Sie sollten allerdings kein Essen teilen, zudem sollte der Pausenplatz überwacht werden, und die Kinder sollten unter sich bleiben und sich nicht unter Erwachsene mischen. Wo möglich und sinnvoll, sollten sie sich vor Stundenbeginn die Hände mit Wasser und Seife waschen. Kinder können auch zueinander nach Hause gehen, dies jedoch immer in denselben Kleingruppen von höchstens fünf Personen. Und sie sollten dabei ohne Erwachsene unter sich bleiben.» Christoph Berger, Leiter Abteilung Infektiologie und Spitalhygiene, Universitäts-Kinderspital Zürich

Schulthek

Wie erholen sich Eltern am besten von der intensiven Zeit des Homeschooling?

«Das dürfte individuell ziemlich unterschiedlich sein. Man braucht nicht zwingend deklarierte Ferien – einfach ­ mal kinderlose Zeit, auf die man sich auch einstellen kann. Homeschooling und Homeoffice kombiniert sind ein doppelter Vollzeitjob. Zudem verstärkt es die ohnehin vorhandene unselige Tendenz, Familie und Schule miteinander zu verschmelzen – beide sollen eine organische Einheit von gemeinsamen Zielen und Lerninhalten bilden. Und jetzt haben wir also den Salat: Der schon ziemlich ausgelutschte Spruch, dass es ein ganzes Dorf braucht, um ein Kind grosszuziehen, erhält plötzlich eine ganz andere Bedeutung. Gedacht war er mal als Argument für die familienexterne Betreuung von Kindern; jetzt ist damit eher eine Drohung verbunden: Wir schaffen es locker, mit den schulischen Anforderungen notfalls auch ein ganzes Dorf zu beschäftigen.» Peter Schneider, Psychoanalytiker und Autor

Wie hat sich die Schule durch Corona und digitalen Unterricht verändert? Gibt es vielleicht auch künftig mehr Arbeiten online wie in der Arbeitswelt?

«Das hängt stark vom Alter der Kinder ab. Im Kindergarten und in der 1. und 2. Klasse funktionieren herkömmliche Unterrichtsmethoden in der Regel gut und sind auch sehr wichtig, ab der 3. oder 4. Klasse lassen sich ausgesuchte Lerninhalte auch gut online vermitteln oder üben. Aufgrund des Coronavirus wurden viele Erfahrungen mit digitalen Plattformen und Apps gesammelt. Darauf sollten wir nach Möglichkeit aufbauen. Manche Schulen sind gut dafür gerüstet, anderen fehlt es an der nötigen Infrastruktur. Jetzt ist der richtige Zeitpunkt, darin zu investieren.» Dagmar Rösler, Präsidentin des Dachverbands Lehrerinnen und Lehrer Schweiz

Globus

Was braucht es, damit Kinder und Jugendliche gestärkt aus dieser Krise hervorgehen?

«Unsere Aufgabe als Eltern oder Bezugsperson besteht darin, Kinder dabei zu unterstützen, eigene hilfreiche Strategien im Umgang mit veränderten Lebenssituationen zu entwickeln: mit Langeweile, eigenständigem Lernen, Kontaktbeschränkungen, Angst, Wut und Traurigkeit. Diese Zeit kann Kindern Vertrauen geben, auch in Zukunft mit Krisen umgehen zu können, Schwierigkeiten überwinden zu lernen und sich neue Wege zu suchen. Basis für dieses gemeinsame Lernen ist eine kontinuierliche sichere Bindung. Sie kann entstehen, wenn einfühlsam Anteil genommen wird am Leben der Kinder und man sich mit ihnen auseinandersetzt. Kinder lernen vor allem durch unser Beispiel. Es kann nicht oft genug betont werden: Wir sollten unseren Kindern vorleben, welche Werte uns wichtig sind. So zeigen wir ihnen, wie wir diese Werte umsetzen.» Susanne Walitza, Kinder- und Jugendpsychiaterin

Wie können sich Lehrerinnen und Lehrer, die einer Risikogruppe angehören, in der Schule schützen?

«Schätzungen zufolge sind etwa zehn Prozent der Lehrerinnen und Lehrer besonders gefährdet. Sie sollen ebenso wie Schüler mit Vorerkrankungen oder Familienmitglieder aus Risikogruppen weiterhin von zu Hause aus mitarbeiten können. Von den anderen 90 Prozent erhalte ich viele positive Signale: Sie freuen sich auf die Kinder und bereiten sich auf den Schulstart vor, mit dem Ziel, das Beste aus der Situation zu machen.» Dagmar Rösler, Präsidentin des Dachverbands Lehrerinnen und Lehrer Schweiz

Mikroskop

Welche Herausforderungen erwarten die Lehrpersonen, wenn sie den Präsenzunterricht wieder aufnehmen?

«In den ersten Tagen wird nicht der Schulstoff im Fokus stehen, sondern es wird um die Kinder gehen. Die Lehrerinnen und Lehrer werden sich ihnen widmen, nachfragen, wie es ihnen geht und wie sie die Zeit zu Hause erlebt haben. Es wird etwas dauern, die Klasse wieder zusammenzubringen. Die Hygienemassnahmen werden ein weiteres wichtiges Thema sein; je nach Alter der Kinder wird es viel Zeit in Anspruch nehmen, sie zu erklären und im Schulalltag zu verankern. Sind alle im Alltag angekommen, können die Lehrpersonen sich wieder daranmachen, neue Themen einzuführen und Schulstoff zu vermitteln.» Dagmar Rösler, Präsidentin des Dachverbands Lehrerinnen und Lehrer Schweiz

In den Kantonen, in denen es im Sommer ein Zeugnis mit Noten gibt, müssen die Lehrpersonen punkto Prüfungen Gas geben. Was hilft den Schülern, sich gegen den Prüfungsstress zu wappnen?

«Es liegt in der Verantwortung der Erwachsenen, jetzt nicht in einen blinden Aktionismus zu verfallen und der Notensetzung alles unterzuordnen. Noten für das Endjahreszeugnis können auch gesetzt werden, ohne die Schüler und Schülerinnen durch einen Prüfungsmarathon unnötig unter Druck zu setzen.» Stefanie Rietzler, Psychologin und Lerncoach

Buch

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