12. Mai 2014

Schreiben bis zum Tod

Was tun, wenn man nicht mehr lange zu leben hat? Für den Basler Drehbuchautor und Schriftsteller Claude Cueni keine Frage: weiter schreiben. Soeben ist sein neuer Roman «Script Avenue» erschienen, basierend auf seiner Lebensgeschichte.

Für einen seiner historischen 
Romane quetschte sich Claude 
Cueni in eine römische Rüstung 
und lief durch den Wald, um 
zu sehen, wie sich das anfühlt.
Für einen seiner historischen Romane quetschte sich Claude Cueni in eine römische Rüstung und lief durch den Wald, um zu sehen, wie sich das anfühlt.

Seit 2010 hat Claude Cueni über 20'000 Pillen geschluckt. Derzeit sind es täglich 14. «Morgens um fünf die erste, abends um acht die letzte.» Schlafen kann der 58-Jährige nie länger als vier Stunden, dann reissen ihn Nervenschmerzen oder Krämpfe aus dem Schlaf. «Ich stehe auf, gehe in der Wohnung auf und ab, setze mich an meinen Computer und schreibe. Bis der Krampf in den Fingern beginnt und ich aufhören muss.»

Cueni war 53, als sein Arzt 2009 eine akute Leukämie diagnostizierte – er musste umgehend für sechs Monate in eine Isolationsstation. Die einzige Chance zu überleben, war eine Knochenmarktransplantation. Nun ist die Leukämie nicht mehr nachweisbar, dafür hat er chronische GvHR (Graft-versus-Host-Reaktion), eine immunologische Krankheit, bei der die transplantierten neuen Zellen den Organismus des Empfängers angreifen. Nur wenige GvHR-Patienten entwickeln diese chronische Variante, Cueni ist einer von ihnen. Daher die Schmerzen und die Pillen, die unter anderem seine Immunabwehr unterdrücken, was ihn extrem anfällig für Viren, Bakterien und Keime macht: Wer ihn zu Hause besucht, wird gebeten, seine Hände zu desinfizieren.

Und Cuenis Lungenkapazität ist nur noch bei 40 Prozent. «Wenn sie dann bei 10 Prozent ist, ist es vorbei», sagt er, klingt dabei aber weder resigniert noch sonderlich besorgt. Im Gegenteil. «Ich führe ein glückliches Leben.» Der Autor geniesst das, was er immer noch kann: essen, trinken, das Leben mit seiner zweiten Frau, die enge Beziehung zu seinem Sohn, lesen, Filme schauen auf seinem gewaltigen Flachbildfernseher im Wohnzimmer – und schreiben.

Er ist sehr gespannt auf die Reaktionen zu seinem neuen Buch «Script Avenue». «Es ist mein wichtigstes und bestes Werk», sagt der Autor zahlreicher historischer Romane und Krimiserien-Episoden, darunter der Bestseller «Das Grosse Spiel» und mehrere Folgen von «Peter Strohm» und «Eurocops». Der neue Roman ist durchaus auch historisch, aber Cueni blickt dabei nicht ganz so weit zurück wie üblich, sondern erzählt seine eigene Lebensgeschichte.

Illustre 
Tafelrunde: Für seine historischen Romane liess Cueni diverse Kostüme anfertigen.
Illustre 
Tafelrunde: Für seine historischen Romane liess Cueni diverse Kostüme anfertigen.

Mit viel Sinn für Selbstironie und Skurrilitäten berichtet Cueni von seiner Jugend bei zutiefst religiösen Eltern in einem kleinen jurassischen Dorf. Dort kommt es schon mal vor, dass die Mutter ihn und andere mit Weihwasser bespritzt, in der Hoffnung, so das Böse austreiben zu können. Als Rettung erscheint zuerst die Rückkehr des patenten und grosszügigen Onkels Arthur, der in der weitverzweigten Sippe als schwarzes Schaf gilt. Später stellt sich heraus, wieso: Der so cool erscheinende Onkel hat nicht nur in der französischen Fremdenlegion gekämpft und während des Algerienkriegs an Gräueln teilgenommen, sondern vergewaltigt auch systematisch zwei männliche Jugendliche der Familie. Einer von ihnen nimmt sich später das Leben.

War das wirklich alles so? «Mein Sohn ist Jurist und hat mich belehrt, dass ich bei dieser Frage vorsichtig sein muss – sonst könnte ich Ärger bekommen.» Er bestätigt jedoch, dass seine Mutter extrem religiös war, und die Geschichte von Onkel Arthur auf Tatsachen beruht. Letzterer lebe seines Wissens auch immer noch, allerdings habe er seit 20 Jahren keinen Kontakt mehr. Weitere Details zu seiner Jugend kommentiert er nicht.

Der Rest des Romans entspricht jedoch ziemlich seinem eigenen Leben: seine grosse Liebe, die er heiratet, der Sohn, der als Spastiker geboren wird und spezielles Training braucht, um im Leben Fuss zu fassen, die beruflichen Erfolge mit Romanen, Drehbüchern und einer Game-Software-Firma, das lange, schreckliche Sterben seiner geliebten Frau an Darmkrebs (2008), der Aufenthalt in Hongkong mit seinem Sohn, bei dem er seinen Verlust verarbeitet, neuen Lebensmut fasst und seine künftige Frau kennenlernt – und schliesslich 2009 die eigene Krebsdiagnose, die alles verändert und aus einem erfolgreichen Autor einen Todgeweihten macht.

Einige Passagen wollte Cuenis Agent streichen

Die Lektüre ist eine emotionale Achterbahnfahrt, als Leser schwankt man ständig zwischen Amüsement, Unglaube, Betroffenheit und wird dabei begleitet von einem augenzwinkernden Autor, der immer mal einfliessen lässt, dass sein Agent ihm empfohlen habe, diese Passage ganz zu streichen, oder sein Sohn finde, er solle jetzt endlich zur Sache kommen.

Zu den bewegendsten Stellen im Buch gehört die Beschreibung, wie Cueni dafür kämpft, seinem Sohn Clovis (im Buch Tim) ein «normales» Leben zu ermöglichen. Er gilt wegen seiner Zerebralparese beim Rektor der Primarschule als nicht schulfähig, was Cueni aber nicht akzeptiert. Während täglich fünf Stunden üben er und seine Frau mit ihrem Sohn das Programm eines amerikanischen Neurologen – jahrelang. Plötzlich fängt Clovis an, sich für Geschichte und die historischen Bücher seines Vaters zu interessieren, was die beiden eng zusammenschweisst.

Heute ist Clovis (32) Jurist und erster Lektor seines Vaters. «Wir telefonieren mehrmals täglich.» Für Cueni ist er eine ebenso grosse Stütze wie seine philippinische Frau Dina (34), die nun seit vier Jahren in der Schweiz ist, schnell Deutsch gelernt hat und in einer Werbeagentur arbeitet. «Wie alle Filipinos lebt sie sehr stark im Hier und Jetzt. Sie sorgt sich nicht um die Zukunft und hängt nicht der Vergangenheit nach. In meiner aktuellen Situation hilft das sehr.»

Cueni lebt bereits viel länger, als die Ärzte erwartet haben

Auch Claude Cueni bemüht sich, auf das Hier und Jetzt zu fokussieren. «Niemand wagt, eine Prognose abzugeben, wie viel Zeit mir noch bleibt», erklärt der Autor, der bereits viel länger lebt, als die Ärzte nach der Krebsdiagnose 2009 erwartet haben. Sicherheitshalber ist er Mitglied bei einer Sterbehilfeorganisation – eines Tages wird er deren Hilfe in Anspruch nehmen.

Vorerst jedoch schreibt er unverdrossen weiter. Zwei historische Romane sind so gut wie fertig, einer wird voraussichtlich im Frühling 2015 erscheinen, beim anderen ist er noch am letzten Schliff. Drehbücher schreibt er seit Mitte der 90er-Jahre nicht mehr. «Damals ist bei den Fernsehsendern der Jugendkult ausgebrochen. Und ich will mir nicht von einem 25-jährigen Dramaturgen ohne Lebenserfahrung reinreden lassen, wie jemand zum Beispiel auf eine Krebserkrankung reagiert.»

Bei seinen Romanen ist ihm wichtig, dass sie realitätsgetreu sind. In seiner Wohnung stehen deshalb mehrere Schaufensterpuppen in historischen Kostümen, die Cueni hat schneidern und anfertigen lassen, darunter eine prächtige Rüstung aus der römischen Kaiserzeit. «Die sind alle für mich massgefertigt. Mit der Römerrüstung bin ich im Sommer 1989 bei Regen durch den Wald gelaufen, um zu sehen, wie sich das anfühlt und wie das Material reagiert. Damit ich es im Roman ‹Cäsars Druide› realistisch beschreiben konnte.»

Heute passt er nicht mehr in die Rüstung rein, weil sein Körper durch die Medikamente aufgedunsen ist – und durch den Wald rennen kann er schon gar nicht mehr. Zwar bewegt er sich noch gut durch seine Wohnung in Allschwil BL, ermüdet aber schnell und hat alle paar Stunden wieder Spasmen und Nervenschmerzen.

Trotz all dem hat Cueni noch einiges vor. «Ich freue mich auf die Fussball-WM. Und wenn es geht, würde ich gern im Oktober mit meinem Buch an die Frankfurter Buchmesse.» Ausserdem wünscht er sich, irgendwann noch die Heimat seiner Frau zu besuchen und ihr ein paar Städte mehr in Europa zu ­zeigen. «Allerdings sind das keine Pläne, das sind Träume», sagt er und lächelt.

Cover zu Claude Cuenis Buch
Cover zu Claude Cuenis Buch (zVg)

Claude Cueni: «Script Avenue», Wörterseh Verlag 2014; erhältlich bei Ex Libris. www.cueni.ch

Bild: Basile Bornand

Benutzer-Kommentare