01. Februar 2018

Schöne neue (Arbeits-) Welt

Die Romanverfilmung «The Circle» mit Emma Watson und Tom Hanks zeigt eine beängstigende Zukunft, in der gesellschaftlicher Druck und soziale Medien jeden zu totaler persönlicher Transparenz zwingen. Die Buchvorlage ist dabei allerdings konsequenter.

Mae (rechts: Emma Watson) an ihrem ersten 'Circle'-Tag
Mae (Emma Watson) wird an ihrem ersten Tag in die Gepflogenheiten der «Circle»-Gemeinschaft eingeführt. (Bilder: Impuls)
Lesezeit 3 Minuten

The Circle ist wie Google, Apple und Facebook kombiniert: Ein Unternehmen, das mit technologischen Innovationen die Gesellschaft revolutioniert hat, eine Firma, deren Produkte alle nutzen, deren Arbeitsplätze auch deshalb so begehrt sind, weil der Konzern dort alle Annehmlichkeiten bietet, die man sich vorstellen kann – inklusive Popstars, die ab und zu mal für ein Privatkonzert vorbeikommen.

Kein Wunder also, dass Mae (Emma Watson) ihr Glück kaum fassen kann, als ihr eine alte Freundin einen Job dort vermittelt. Umso mehr als The Circle eine Versicherungsoption bietet, die die Familie miteinschliesst, was ihrem schwer kranken, schlecht versicherten Vater wohl das Leben rettet.

Alles wunderbar also? Nicht ganz. Mae fängt im Bereich «Customer Experience» an, wo sie Kunden online hilft und dafür bewertet wird. Schon am ersten Tag lässt ihr Teamleiter durchblicken, dass sie sich jeweils um die bestmögliche Bewertung bemühen sollte, notfalls indem sie nachhakt und fragt, woran es denn gefehlt habe. Gleichzeitig gehört es zum guten Ton, dass sie in ihrer Freizeit an möglichst vielen der zahllosen Circle-Aktivitäten teilnimmt, sie auf Social Media bewertet, kommentiert, Kommentare beantwortet – «sharing is caring!» lautet die Losung. Und schon bald ist sie im Arbeits- und Privatleben mit nichts anderem beschäftigt.

Über all dem schweben Eamon Bailey und Tom Stenton (Tom Hanks und Patton Oswalt), die Gründer der Firma, die einen geradezu mythischen Status haben und bei ihren gelegentlichen Auftritten auf der grossen Campusbühne des Circle wie Sektenführer gefeiert und verehrt werden. Es gibt da allerdings noch einen mysteriösen Dritten (John Boyega), der inzwischen nur noch im Hintergrund aktiv ist und seine eigene Agenda verfolgt.

Umso geehrter fühlt Mae sich, als sie nach einem einschneidenden persönlichen Ereignis von Bailey gebeten wird, das Aushängeschild einer neuen Kampagne zu werden. Dabei trägt sie eine Kamera auf sich, über die auf Social Media ohne Unterlass verfolgt werden kann, was sie tut, wen sie trifft, mit wem sie redet, was sie sagt – lediglich beim Schlafen und auf dem Klo darf sie sie abschalten. Denn wer ständig alles mit allen teilt, so die Idee dahinter, der wird nie lügen und nie betrügen oder für die Gesellschaft schädliche Geheimnisse verbergen. Ein weiterer Schritt zu einer besseren Welt also. Oder doch nicht?

Visionäre für eine bessere Welt oder doch eher Erfinder von Big Brother? Die Circle-Gründer (Tom Hanks und Patton Oswalt) versuchen, Mae von ihren Ideen zu überzeugen.

Hier trennen sich die Wege von Buch und Film: Während die anfänglich begeisterte Mae im Film schliesslich aufbegehrt und sich gegen das sich ausbreitende Big-Brother-Regime zur Wehr setzt, zieht Autor Dave Eggers die dystopische Gesellschaftssatire in seinem Bestsellerroman bis zum bitteren Ende durch, mit Mae als williger Gehilfin eines Terrors der totalen Transparenz. Die Buchvorlage geht zudem tiefer, arbeitet die Figuren und ihre Motive besser heraus, was dem Film entsprechend viele negative Kritiken eingetragen hat.

Bei beiden Versionen allerdings stellt sich dieses flaue Gefühl ein – dass nämlich die reale Gegenwart von dieser «Circle»-Zukunft gar nicht so weit entfernt ist, dass sich die Entwicklung von Social Media seit der Publikation des Romans 2013 tendenziell sogar in diese Richtung bewegt hat: das freiwillige Offenbaren von vielem sehr Persönlichen, die erhöhten Selbstwertgefühle dank vieler Likes (oder die reduzierten wegen zu weniger), das wachsende Gefühl, stets online dabei sein zu müssen, um bloss nichts zu verpassen.

Das Thema ist also brandaktuell, und wohl kaum jemand wird «The Circle» lesen oder schauen können, ohne sich selbst mit den darin aufgeworfenen Fragen zu beschäftigen und das eigene Verhalten zu hinterfragen.


«The Circle» gibt es bei Ex Libris auf DVD , Bluray und als Roman


Mehr über Ralf Kaminski

Benutzer-Kommentare