26. Februar 2018

Schnee am Pazifikstrand

Bänz Friedli rieb sich letzthin die Augen. Hier kannst du dich mit anderen Lesern austauschen und die vom Autor gelesene Hörkolumne herunterladen.

Die 'Blutzcher'-Brauerei ist am Ende
Lesezeit 1 Minute

Der Tag war zu Ende, und ich war zufrieden mit mir. Da ging ich, weil ich nicht schlafen konnte, noch aus auf ein Glas Bier. «Am liebsten ein hiesiges», sagte ich mir, ging hinaus in die Bündner Nacht und freute mich auf ein «Blutzcher». Es wird in der Surselva seit einigen Jahren gebraut und gehört zu meinen Ferien wie das Wurzelbrot aus der örtlichen Bäckerei und der würzige Bergkäse von der Alp Mughels. Für Fachleute ist das «Blutzcher» ein untergäriges Bier aus dunklem Malz, für Laien wie mich einfach saufein.

Ist es nicht wunderbar, dass es überall auf der Welt kleine Brauereien gibt? Zum Beispiel in Lagunitas, einem Nest in Kalifornien. Dort wird das «Lagunitas IPA» hergestellt. Ich lernte es kennen, als ich unlängst in Kalifornien war, und verbinde seinen leicht bitteren Geschmack seither mit Pazifikstränden, milden Temperaturen und Highways entlang schroffer Klippen. Wie ich das Snowboarden in der Surselva mit dem «Blutzcher» verbinde.

Doch es gibt kein «Blutzcher» in der Beiz um die Ecke. Schon am Nachmittag im Dorfladen hat es gefehlt. Was mich noch nicht beunruhigt. Nehme ich halt den Weg in die Brauerei auf mich, die zugleich ein Restaurant ist. Dort erst der leise Schock: «Zu verkaufen», steht an dem Gebäude. Die kleine Brauerei ist nicht mehr, mit ihr ist auch das «Blutzcher» verschwunden. Ich trotte in die nächstbeste Bar, einen angesagten Schuppen, frequentiert von jungen Freestylern.
Und was wird ausgeschenkt? Ich reibe mir die Augen: «Lagunitas IPA» vom anderen Ende der Welt. Na, Prost! Heute wäre mir mein «Blutzcher» lieber gewesen und die Illusion, dass noch nicht alle lokalen Eigenheiten wegglobalisiert sind.

Der Ortsbus fährt mich zurück, draussen schwirren Föhren und Lärchen schattenhaft vorbei, der Schnee türmt sich meterhoch. Eine Landschaft, so anders als daheim in der Stadt. Doch ein Bildschirm vorn im Bus bindet meinen Blick und verkündet mir, dass einem Spieler namens Chris Paul in der nordamerikanischen Basketballliga soeben eine besonders hohe Punktzahl geglückt sei. Und diese Gleichzeitigkeit verwirrt mich ein wenig, ich wäre jetzt gern einfach in der Surselva.

Sie haben es also bemerkt, eingangs? Dass ich aus «Wenn du denkst, du denkst, dann denkst du nur, du denkst» zitiert habe? Dann sind Sie schon etwas älter. Als launige Wortspielerei hatte ich Juliane Werdings Lied von 1975 in Erinnerung. Als ich es mir dann aber spätnachts in der Ferienwohnung wieder anhörte, war es eine mutige Kampfansage ans Mackertum. Aktueller denn je. 

Die Hörkolumne (MP3)

Bänz Friedli live: 28. 2. Horw LU, 2. 3. Utzenstorf BE

Bänz Friedli

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