11. Januar 2018

Schluss mit der Pille!

Die Pille galt lange als Befreiungsschlag für die Frau. In jüngster Zeit sind hormonelle Verhütungsmittel jedoch vermehrt in die Kritik geraten. Elf Frauen schildern ihre persönlichen Erfahrungen und Wünsche – zum Beispiel mehr Alternativen für die Männer.

Vier Frauen, die Sprechblasenschilder hochhalten
Von links nach rechts: Valérie Jost, Alice Grosjean, Friederike S.*, Lena H.* (*Name geändert)
Lesezeit 10 Minuten

Valérie Jost (22), Winterthur

«Ich habe die Pille vor allem wegen meiner Akne genommen. Ich war mit 16 in einer Therapie und durfte dabei nicht schwanger werden. Auch nach der Therapie beeinflusste die Pille meine Haut positiv. Erst mit etwa 20 hinterfragte ich die Pille mit ihren Nebenwirkungen. Die einzige positive Alternative schien mir der Kupferball zu sein, den ich mir vor einer Weile habe einsetzen lassen. Die Kosten habe ich mit meinem Partner geteilt. Klar wäre es toll, wenn es mehr Möglichkeiten für die Männer gäbe. Am Ende wird zwar die Frau schwanger, aber beide tragen die Verantwortung. Heute würde ich mich besser informieren. Einfach so die Pille zu nehmen, finde ich nicht gut.»

Alice Grosjean (25), Uttwil

«Ich habe zuerst mit dem Kondom verhütet und mit etwa 19 zur Pille gewechselt. Zuerst ging das super, aber ich wurde plötzlich überemotional, musste wegen jeder Kleinigkeit weinen. Zuerst schob ich das auf den Stress. Irgendwann kam dann auch eine verminderte Libido hinzu, und mein damaliger Freund meinte, dass es vielleicht an der Pille liegen könnte. Als ich sie absetzte, ging es mir nach wenigen Wochen viel besser – das fand ich krass. Darum war für mich klar, dass ich die Pille nie mehr nehmen würde. Inzwischen verhüten wir wieder mit Kondom. Mit dieser Lösung bin ich nicht wirklich zufrieden, aber aus Mangel an Alternativen habe ich mich damit abgefunden.»

Lena H.* (32), Zürich

«Trotz Verhütung mit Kondom wurde ich sehr früh schwanger. Nach der schwierigen Entscheidung abzutreiben wurde mir ohne grosse Information die Pille verschrieben. Ich habe dann etwa acht Jahre lang hormonell verhütet, zuerst mit Pille und danach mit einem hormonellen Verhütungsring. Ich bin sicher, dass die jahrelange Einnahme von zusätzlichen Hormonen einen grossen Eingriff in den Körper bedeutet, auch wenn ich selbst keine Nebenwirkungen verspürt habe. Deshalb verhüte ich schon länger wieder mit Kondom und mache verschiedene Zyklusbeobachtungen, die ich mittels App aufzeichne. Ich kenne meinen Zyklus mittlerweile sehr gut und finde dieses Wissen für die Verhütung und die Familienplanung extrem wertvoll. Meiner Meinung nach informieren die Ärzte die jungen Frauen zu wenig genau, trauen ihnen vielleicht auch zu wenig zu und verschreiben sehr schnell die Pille. Das finde ich bedenklich.»

Friederike S.* (30), Zürich

«Wie viele andere Frauen habe ich die Pille genommen, ohne mein Tun zu hinterfragen. Weil ich sie gut vertrug und reinere Haut bekam, machte ich mir erst nach zehn Jahren Gedanken darüber, was ich da täglich zu mir nahm. Meine Bedenken erwähnte ich immer wieder gegenüber dem Gynäkologen, aber er riet mir immer davon ab, mit der Pille aufzuhören. Mit der Begründung, ich sei beruflich zu eingespannt, um schwanger zu werden. Als ob dies sofort passiert wäre, wenn ich statt mit der Pille mit etwas anderem verhütet hätte. Meine derzeitige Ärztin hat mich dann endlich verstanden und mich richtig beraten. Heute verhüten wir mit Kondom, das ist für meinen Partner in Ordnung. Jetzt habe ich zwar etwas stärkere Schmerzen während der Periode, aber das nehme ich in Kauf. Trotzdem finde ich, dass es mehr Möglichkeiten für Männer braucht. Denn ich glaube, es wäre für einige sicher interessant, wenn es etwas gäbe, wodurch Männer für eine Weile ganz sicher niemanden schwängern können.»

Von links nach rechts: Miriam Suter, Sandra M.*, Thi My Lien Nguyen (*Name geändert)

Miriam Suter (29), Aarau

«Ich began mit 14, die Pille zu nehmen. Bis 16 hatte ich keine grösseren Probleme damit. Dann hatte ich eine Blinddarmoperation, bei der die Ärzte merkten, dass es gar nicht der Blinddarm war, sondern Endometriose. Bei dieser Krankheit kann die Gebärmutterschleimhaut auch ausserhalb der Gebärmutterhöhle auftreten. Als Therapie verschrieb mir der Arzt die Dreimonatsspritze, die ja auch als Verhütungsmittel eingesetzt wird. Ich litt aber unter sehr starken Nebenwirkungen, hatte Depressionsschübe und ständig Migräne. Nachdem ich mich dann intensiv mit dem Thema Verhütung auseinandergesetzt hatte, wollte ich die Pille definitiv absetzen. Die Wahl des Verhütungsmittels lag immer bei mir, aber mein Partner hat mich stets unterstützt. Weil mir das Kondom zu unsicher war, habe ich mir kürzlich den Kupferball einsetzen lassen. Die Blutung ist seither etwas stärker geworden, dafür spüre ich meinen Körper besser. Trotzdem fände ich es toll, wenn es auch Verhütungsmittel für den Mann gäbe, denn das Thema geht beide etwas an. Aber die Verantwortung ganz abgeben? Ich weiss nicht, ob ich das könnte.»

Sandra M.*(32), Zürich

«Ich bin nicht der Typ, der jeden Tag zuverlässig an die Pille denkt. Darum liess ich mir relativ früh eine Hormonspirale einsetzen. Das war aber so schmerzhaft, dass ich nach dem Herausnehmen wieder die Pille nahm. Dadurch verminderte sich jedoch meine Lust auf Sex, und ich hatte das Gefühl, meinen Körper nicht richtig zu spüren. Eine Weile lang verhüteten wir dann nur mit Kondom, was mein Freund erst mal nicht sehr prickelnd fand. Nachdem ich dann auch den Nuvaring ausprobiert, und ihn nicht immer pünktlich eingesetzt hatte, landeten wir wieder beim Kondom. Wir haben uns inzwischen daran gewöhnt und finden diese Lösung okay. Aber ich habe sicher fast zehn Jahre lang mit mir gerungen und dabei wenig Hilfe von Ärzten erhalten. Viele in meinem Umfeld verhüten mithilfe der Temperaturmethode, aber ich glaube nicht, dass sie für mich das Richtige wäre. Ich brauche eine grössere Sicherheit und möchte den Entscheid, schwanger zu werden, bewusst treffen. Was ich bei Kondomen aber super finde: Beide Partner sind dafür verantwortlich – wir kaufen sie beide, müssen beide gewisse Abstriche machen, das finde ich fair.»

Thi My Lien Nguyen (22), Amriswil TG

«Mit 18 hatte ich den ersten Freund und nahm die Pille – weil das alle so machten. Meine Mutter war aber nicht besonders begeistert, und mein Freund auch nicht; er findet eine jahrelange Hormoneinnahme nicht sehr gesund. Aber erst gegen Ende des Studiums, drei Jahre später, habe ich mich mit der Frage auseinandergesetzt, was es eigentlich heisst, die Pille zu nehmen. Dass der Körper dann permanent denkt, er sei schwanger, finde ich beängstigend. Im vergangenen Jahr habe ich die Pille abgesetzt. Seither verhüten wir mit Kondom, zudem messe ich die Temperatur, damit ich besser Bescheid weiss über meinen Körper. Schwanger zu werden, ist natürlich keine Katastrophe, sondern etwas sehr Schönes. Dennoch wünsche ich mir eine Verhütungsmethode, die mir noch mehr Sicherheit gibt, sodass ich mich bewusst für eine Schwangerschaft entscheiden kann. Aber es fallen einfach sehr viele Alternativen weg, wenn man nicht hormonell verhüten will, das sagt auch meine Ärztin. Wenn ich eine Tochter hätte, die zum ersten Mal verhüten möchte, wäre das sicher schwierig für mich. Einem 14-jährigen Mädchen die Pille zu geben, finde ich echt bedenklich.»

Sue S.* (37), Zürich

«Ich habe weder die Pille noch die Hormon- oder Kupferspirale vertragen: Von sehr starker Migräne bis zu Schmierblutungen und schlimmen Krämpfen hatte ich alle Beschwerden. Darum habe ich es mit dem Temperaturcomputer versucht – woraufhin meine Tochter geboren wurde. Auch das war also nicht die richtige Methode für mich. Weil das Kondom nicht infrage kam – ich reagiere allergisch auf das Material –, suchte ich nach Alternativen. Meine Osteopathin zeigte mir dann die aus den Tropen stammende Yamswurzel. Weil es praktisch keine Studien dazu gibt, wird sie von Ärzten nicht empfohlen. Auch meine Gynäkologin empfahl sie mir nicht, obwohl sie meine Vorgeschichte kannte. Ich finde, Ärzte müssten auch über alternative Methoden informieren.»

Von oben nach unten: Tabea von Ow, Carolin W.* (*Name geändert)

Tabea von Ow (29), Winterthur

«Als Teenie nahm ich die Pille, um eine schönere Haut zu bekommen, ich war damals noch gar nicht sexuell aktiv. Hätte ich eine Tochter, würde ich ihr sicher davon abraten, die Pille zu nehmen. Klar, wenn man in diesem Alter schlechte Haut hat, ist das ein Problem. Ich finde aber, dass man das auch anders lösen könnte. Ich habe früh geheiratet und blieb bei der Pille, weil sie keine starken Nebenwirkungen hatte. Bereits während der Ehe, als junge Studentin, war die Pille ein eher grosser Posten. Mein damaliger Mann bezahlte sie zwar ab und zu, aber halt nicht immer. Als ich mich von meinem Mann trennte, setzte ich sie ab – auch aus Kostengründen. Erst da merkte ich, dass ich mich in meinem Körper wohler fühlte ohne Hormone. Jetzt verhüte ich mit Kondomen, und mein heutiger Partner ist absolut einverstanden damit. Auch ich bin zufrieden mit dieser Lösung. Natürlich wären mehr Alternativen – auch für den Mann – toll, aber die Verantwortung liegt nun mal bei der Frau, und ich glaube nicht, dass ein Mann die allein tragen würde.»

Carolin W.* (33), Zürich

«Mit 13 wurde mir die Pille verschrieben – zuerst nicht als Verhütungsmittel, sondern weil ich starke Regelschmerzen hatte. Mit 19 hatte ich eine Hirnhautentzündung, die eine Thrombose im Gehirn auslöste. In meiner Familie hatte es davor bereits Thrombosen gegeben, das Problem wäre also eigentlich bekannt gewesen. Ein Test zeigte zudem, dass ich das Faktor-V-Leiden habe. Dieser Gendefekt führt zu Gerinnungsstörungen – deswegen hätte ich eigentlich gar nie hormonell verhüten dürfen. Mit einem Test hätte man das alles schnell feststellen können, weil er aber teuer ist, wird er nicht routinemässig durchgeführt. Kein Arzt hat mich über dieses Risiko informiert oder nachgefragt, ob es in meiner Familie Thrombosen gab. Ab diesem Vorfall waren Hormone natürlich tabu für mich. Die Ärzte waren dann rasch am Ende ihres Lateins, weil für sie Hormone immer die erste Wahl waren. Deshalb habe ich schliesslich zum Kondom gewechselt, was auch mein Partner akzeptiert. Aber Verhütungsmittel für den Mann fände ich super, denn es ist faszinierend, wie sehr sich die Männer darauf verlassen, dass die Frau sich darum kümmert.»

Anja Knabenhans (37), Affoltern am Albis

«Von 18 bis 30 habe ich die Pille ­genommen – ohne grössere ­Probleme. Irgendwann wollte ich aber doch eine Pause. Wir haben eine Weile mit Kondomen verhütet, prickelnd war das allerdings nicht. Als wir Kinder wollten, wurde bei mir eine Endometriose festgestellt. Um die zu behandeln, musste ich hormonelle Wechseljahrmedikamente einnehmen und mich einer Operation unterziehen. Dank hormoneller Unterstützung wurde ich schwanger, und nun möchte ich ein zweites Kind. Unterstützend nutze ich das Ava-Armband, weil es mir eine sehr gute Kontrolle des Zyklus ermöglicht und ich dadurch viel über meinen Körper lerne. Für mich steht fest, dass ich nach einem zweiten Kind keine Hormone mehr nehme. Früher hat man sie halt diskussionslos geschluckt.»

Die Pille hat noch immer Vorteile

Noëmi Allemann ist Ärztin an der Berner Universitätsklinik für Frauenheilkunde.

Hat die Pille ein Imageproblem?

Nein. Man hat in den vergangenen Jahren in der Presse zwar immer wieder Negatives über sie gelesen, und wir bemerken vor allem bei Frauen über 30 eine gewisse Pillenskepsis, die phasenweise auftritt, etwa wenn Fälle von Komplikationen publik werden. Aber bei jüngeren Frauen bemerken wir wenig Veränderung.

Zwischen 2008 und 2016 wurden 14 Prozent weniger Pillenpackungen verkauft. Woran liegt das?

Der Verkauf ist vor allem bei den über 30-jährigen Frauen zurückgegangen – auch wegen der Verschiebung des Kinderwunschs: Es gibt weniger Frauen ab 30, die verhüten wollen. Bei den 16- bis 25-Jährigen hingegen hat sich wenig verändert.

Jüngeren Frauen wird nach wie vor hauptsächlich die Pille verschrieben. Warum?

Weil sie immer noch Vorteile hat: Sie ist günstig und leicht zugänglich. Sie hat positive Nebenwirkungen – es gibt Pillen, die starke Regelschmerzen abschwächen oder gegen Akne wirken. Bei Unter-20-Jährigen sind Pillen mit Östrogen sinnvoll, weil sie sich positiv auf den Knochenaufbau auswirken.

Frauen sprechen vom «pill fog», wenn sie die Pille nehmen und den Körper nicht richtig spüren. Sollten junge Frauen ihren Körper nicht erst mal kennenlernen, ehe sie Hormone nehmen?

Überspitzt gesagt, hiesse das, dass junge Frauen Schmerzen, Akne, Stimmungsschwankungen während der Menstruation und einen unregelmässigen Zyklus in Kauf nehmen müssen, um sich kennenzulernen. Ich glaube, eine Frau kann ihren Körper auch kennenlernen, wenn sie nicht jeden Monat den Eisprung spürt.

Ärzte sprechen von «sehr wenigen Nebenwirkungen». Trotzdem geben gerade diese Wirkungen zu reden.

Die Frage ist, was darunter zu verstehen ist. Für uns Ärzte sind dies medizinische Nebenwirkungen, vor allem Thrombosen und eventuelle Einflüsse auf das Herz-Kreislauf-System oder Krebsrisiken. Darüber werden die Patientinnen ausführlich aufgeklärt. Für sie sind aber Gewichtszunahmen, Hautveränderungen und psychische Nebenwirkungen oft von grösserer Bedeutung. Das gilt es, beim Verschreiben der Pille abzuwägen, je nach Dringlichkeit der Verhütung. Treten solche Nebenwirkungen auf, muss man die Pille wieder absetzen.

Warum ist das erst jetzt ein Thema?

Viele Frauen erleben Phasen, in denen es ihnen nicht so gut geht. Sie führen das auf die Pille zurück und setzen sie ab, obwohl der Zustand auch von anderen Faktoren wie Stress beeinflusst sein könnte. Bei der Neuverschreibung der Pille erwähnen die Frauen die psychischen Nebenwirkungen in der Nachkontrolle nur selten.

Hat es Auswirkungen, wenn Frauen die Pille langfristig nehmen?

Die Pille hat keinen Einfluss auf die Fruchtbarkeit. Frauen, die die Pille bis zu zehn Jahre lang genommen haben, werden im vergleichbaren Zeitraum schwanger wie Frauen, die nicht hormonell verhütet haben.

Lösen die neuen Verhütungscoaches den Frauenarzt oder die Frauenärztin ab, wenn es um Beratung geht?

Aufgrund der Tarmed-Regelung dürfen Ärzte nur noch eine Konsultationszeit von 20 Minuten pro Patientin verrechnen. Das reicht oft nicht aus für eine Beratung. Das Verhütungscoaching greift dieses Problem auf. Auch kostenlose Beratungsstellen bieten sich in solchen Fällen an.

Welche Verhütungsmittel sind neu – zum Beispiel auch für den Mann?

Letztes Jahr ist die Hormonspirale Kyleena auf den Markt gekommen. Sie ist kleiner und niedriger dosiert als herkömmliche Spiralen. Zudem sind ein östrogenfreier Vaginalring und ein neues Hormonpflaster in der Entwicklung. Was den Mann betrifft: Anfang Jahrtausend wurde viel in die Forschung investiert. Um 2011 brach man aber fast alle Projekte wieder ab: Erste klinische Studien zeigten Nebenwirkungen wie leichte depressive Verstimmungen und Libidoverlust.

Was ja sehr amüsant ist ...

Ja, das löste einen Aufschrei aus: Für Männer sei es untragbar, aber bei den Frauen spreche man nicht mal darüber. Männer werden wohl nie solche Nebenwirkungen in Kauf nehmen wie Frauen – sie werden nicht schwanger und tragen somit die körperlichen Konsequenzen nicht.

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