08. Oktober 2018

Schlaraffenland im Appenzell

Diese Fülle! Mit Gemüsen und Früchten aus seinem Garten in Herisau beglückt Kurt Forster all seine Verwandten. Aus dem Dickicht der Permakultur tragen sie gar Bananen heim.

Typisch Permakultur: Kohlköpfe als Winterbepflanzung und gemulchter Boden
Typisch Permakultur: Kohlköpfe als Winterbepflanzung und gemulchter Boden
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Manchmal pinkelt Kurt Forster ins Giesswasser, das in der Kanne auf dem Sitzplatz steht. «Dünger», erklärt der passionierte Gärtner und zupft an den Blättern seiner Freilandtomate. «Harn enthält hervorragende Wirkstoffe für die Gewächse.» Fingernägel übrigens auch. Zudem: Der Natur etwas zurückgeben, was ihr entstammt, ergebe einen Kreislauf. Und dieser ist quasi das Zauberwort der Permakultur. Was hinter dem sperrigen Wort steckt, weiss in der Schweiz kaum einer so gut wie Kurt Forster (79) aus Herisau AR. Er hat das Prinzip der «Permanent Culture» – der nachhaltigen Landwirtschaft – vor Jahrzehnten in Australien, Neuseeland und Deutschland gelernt und lehrt es inzwischen selber in Kursen. Zwei Bücher hat er darüber verfasst, und natürlich wendet er das Prinzip in seinem eigenen Garten an.

Besonders stolz ist Kurt Forster auf seinen Marronibaum. Dass dieser in  der Ostschweiz auf 800 Metern über Meer so gut gedeiht, zeigt ihm: Permakultur bietet jedem Gewächs ein Zuhause.
Besonders stolz ist Kurt Forster auf seinen Marronibaum. Dass dieser in der Ostschweiz auf 800 Metern über Meer so gut gedeiht, zeigt ihm: Permakultur bietet jedem Gewächs ein Zuhause.

Das Ergebnis ist üppig. Fruchtbar, lebendig und sehr grün. Das Gewächshaus zum Beispiel ist eher ein Tropenhaus: Darin herrschen an einem sonnigen Morgen um 10 Uhr bereits gut 25 Grad.

In Kurt Forsters Gewächshaus gedeihen wärmeliebende Pflanzen prächtig. 
In Kurt Forsters Gewächshaus gedeihen wärmeliebende Pflanzen prächtig. 

Die Luft ist feucht, es riecht erdig und süsslich. Hier rankt eine Weintraube der Wand entlang, es gedeihen in saisonaler Abfolge Erdbeeren, Zwiebeln, Tomaten, Gurken, Kefen und  Süsskartoffeln. Zwei Kiwis produzieren bis zu 400 Früchte pro Saison, und ein Feigenbaum fühlt sich da drinnen so wohl, dass er zur offenen Dachklappe hinauswuchert.

Einer der Speicher, in denen Regenwasser gesammelt wird
Einer der Speicher, in denen Regenwasser gesammelt wird

Hat man sich in den hinteren Bereich des Treibhauses gekämpft, entdeckt man dort einen 1000-Liter-Tank. Hier landet Wasser, das Forster auf dem Treibhausdach sammelt und an die Gewächshauspflanzen weiterleitet. 

Draussen vor dem Glashaus geht es dschungelartig weiter. Rund um die Gewürzschnecke mit integriertem Wasserbecken gurrt, zirpt, raschelt und summt es. Derweil auf der anderen Hausseite gigantische Kohlköpfe das Gemüsebeet dominieren und sich daneben Chicorée fröhlich versamt. In den angrenzenden Beeten stehen in Mischkultur Lauch neben Rüebli ­ neben Ringelblumen und am Hang darüber Beeren und Bohnen.

Auch exotische Früchte gedeihen in Herisau,  etwa ­Indianerbananen.
Auch exotische Früchte gedeihen in Herisau, etwa ­Indianerbananen.

Ganz zuoberst thronen ein Indianerbanane- und ein Marronibaum. Dass Letzterer auf 800 Metern über Meer gedeiht und ordentlich Nüsse liefert, ist der ultimative Beweis dafür, dass Permakultur immer und überall funktioniert: «Die Natur führt», erklärt Forster, «der Mensch folgt.» Sprich: Was sich an einem Ort niederlässt, wird angenommen, was nicht wächst, will dort nicht sein.

Düngen mit Unkraut

Schon immer gärtnerte Kurt Forster naturnah und umweltfreundlich. Als Sekundarlehrer für naturwissenschaftliche Fächer vermittelte er den Schülern wo immer möglich, Naturthemen. Sie begrünten mit ihm Herisau und verkauften Pflänzli. Aus dieser Zeit stammt auch ein Schlüsselerlebnis mit einer Bananenpalme, die Forster von Berufskollegen geschenkt bekam. «Scheisse», dachte er, «nicht gerade einheimisch.» Im Rahmen einer etwas stiefmütterlichen Behandlung bekam die Palme hie und da Speiseabfälle aus dem Lehrerzimmer – und entwickelte sich prächtig. Seinen Garten düngte er derweil mit Kompost sowie Jauchen und Brühen aus Gewächsen, die gemeinhin als Unkraut verschrieen sind: Brennnesseln etwa, oder Schachtelhalm.

Organische Abfälle wie Speisereste oder Pflanzenteile landen auf dem Kompost. Die Erde, die daraus entsteht, dient als Dünger. 
Organische Abfälle wie Speisereste oder Pflanzenteile landen auf dem Kompost. Die Erde, die daraus entsteht, dient als Dünger. 

Vor etwa 40 Jahren erfuhr Forster, dass das, was er da tat, einen Namen hatte, nämlich Permakultur. Es sei eigentlich eine Philosophie und Lebenshaltung, erklärt er: «Trag Sorge zur Erde und zu den Menschen.» Die praktischen Grundsätze (siehe unten) befolgte er fortan noch genauer bei der Gestaltung seiner 700 Quadratmeter Garten. Er legte durchmischte Beete an, baute Biotope für Fische, deren Ausscheidungen als Dünger dienen, pflanzte insektenfreundliche Gewächse und installierte eine Solaranlage. Er begann dafür zu sorgen, dass jeder Quadratmeter das ganze Jahr hindurch – eben permanent – bewachsen ist und die wenigen brachliegenden Quadratzentimeter niemals nackt daliegen.

Bis in den August hinein wuchsen Johannisbeeren in Hülle und Fülle. Üppige Ernte, die mit Verwandten  und Freunden geteilt wird, fällt bei der Permakultur jedes Jahr an. 
Bis in den August hinein wuchsen Johannisbeeren in Hülle und Fülle. Üppige Ernte, die mit Verwandten und Freunden geteilt wird, fällt bei der Permakultur jedes Jahr an. 

Seither kann das Ehepaar Forster seinen Bedarf an Kartoffeln und Süsskartoffeln zur Hälfte aus dem eigenen Garten decken. Bei Gemüse, Beeren und Salat sind sie nicht nur Selbstversorger, sondern können jede Menge verschenken. Kinder und Enkel holen  korbweise Tomaten, Salat, Himbeeren und Gurken in Herisau ab. Für die Ernte der Holunderbeeren müssen zusätzlich Freunde ran. Klar, dass die Früchteflut stets genug Saatgut für die jeweils nächste Saison abwirft. Dieses füllt, hübsch verpackt in Briefchen und geflochtenen Boxen, ein ganzes Büchergestell im Haus. Auch Strom ­haben die Forsters im Sommer im Überfluss, weshalb sie einen Teil davon ans lokale Kraftwerk verkaufen.

Viel Ertrag, wenig Arbeit


Dem überwältigenden Ertrag steht ein verblüffend geringer Einsatz gegenüber. «Ein bisschen kompostieren, ein wenig schneiden», sagt Forster. Unkraut gebe es dank dichtem Mulch kaum. «Nahe beim Slow Gardening» fasst Forster zusammen. Zeit fürs Geniessen und Lustwandeln bleibe reichlich. Kannenschleppen ist auch kein Thema, und nicht mal einen Schlauch muss Forster jemals in die Hand nehmen: Vom Wohnhausdach sammelt er Regenwasser und leitet es in drei verschieden hoch gelegene Teiche – alle sind mit Fischen besiedelt, dank Schwimmblattpflanzen vor dem Verdunsten geschützt und durch Rinnen miteinander verbunden. Von diesen sickert das Wasser heraus und tränkt Bäume, Büsche und Kräuter. «Den ganzen heissen Sommer lang musste ich kein einziges Mal selber wässern», sagt Forster. Nur frisch Angesätes oder frisch Gesetztes bekam hie und da einen Schluck.

Neue Gewächse sät der Permakulturgärtner selber an, aus eigenem, gesammeltem Saatgut. 
Neue Gewächse sät der Permakulturgärtner selber an, aus eigenem, gesammeltem Saatgut. 

Es klingt nach dem Traum eines jeden Gärtners. Nach einem Paradies ohne Schatten. Oder? Forster zögert, lächelt ein wenig verlegen. «Mit meiner Frau gibt es hie und da Gesprächsbedarf», sagt er dann. Denn präzise Ordnung gehört nicht zu den Grundsätzen der Permakultur. Nutzlose Blumen auch nicht. Beides vermisst die Gattin hie und da. Doch wenn sich Annelies Forster ans Kochen macht, kann sie jederzeit ihren Mann fragen: «Was gits hüt?» Er schnappt sich dann ein Sieb und streift durch Beete und Büsche. Und bringt das Essen nach Hause.

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