20. Oktober 2014

Schlaflos in Venedig

Die Lagunenstadt kennt tagsüber nur zwei Zustände: voll und sehr voll. Deshalb lohnt es sich, Venedig mal nachts oder frühmorgens zu entdecken.

Endlich. Endlich Ruhe. Endlich Platz. In den leeren Gassen widerhallt das Klacken der eigenen Schritte. Aus einer Bar perlt Gelächter. Irgendwo fällt etwas mit lautem Plopp in den Kanal. Venedig bei Nacht ist traumhaft. Tagsüber, besonders im Sommer, herrscht ein Gedränge wie am Züri-Fäscht. Täglich müssen sich die knapp 40'000 Einheimischen, die noch in der Altstadt leben, durch ein unbeschreibliches Gewühl quälen, um zur Arbeit zu gelangen, in die Schule oder den nächsten Lebensmittelladen. Ab 9 Uhr morgens herrscht Ausnahmezustand, wenn sich die Touristenströme in die Stadt quetschen und in den engen Gassen zwischen Piazzale Roma und Markusplatz alles blockieren, weil sie zu viert nebeneinander billige Masken Made in China bestaunen.

Gegen 80'000 Besucher sind es jeden Tag. Die Venezianer, berühmt für ihre Geschäftstüchtigkeit, ihre Trinkfestigkeit und ihren trockenen Humor, frotzeln, die Stadt kenne nur zwei Zustände: voll und sehr voll. 80 Prozent der Besucher bleiben weniger als acht Stunden. Man mag hier eher einen Eindruck von Massentierhaltung bekommen als vom viel beschworenen Zauber der Serenissima.

Unbedingt besuchen: Dogenpalast mit Campanile.
Unbedingt besuchen: Dogenpalast mit Campanile.

Es sei denn, sie bleiben über Nacht. Es ist ein gut gehütetes Geheimnis, dass Venedig nachts am schönsten ist. Die Einheimischen binden das nicht jedem auf die Nase, aus Angst, auch noch diese poetischen Stunden an den Massentourismus zu verlieren. Wenn die Sonne langsam hinter den Kaminen des Industriemolochs Marghera auf dem Festland versinkt, leeren sich in der historischen Altstadt die Gassen, und der Markusplatz leuchtet in warmen Kupfertönen.

Nun ist der ideale Moment für einen Aperol Spritz, der dem Vernehmen nach in Venedig erfunden worden ist und sich bestens eignet als Vorbereitung für eine ausgedehnte Window-Shopping-Tour by Night. Ohne Trauben von Touristen, die einem den Blick verstellen, lassen sich Kostbarkeiten abseits von Masken und anderem Touri-Kitsch entdecken. Speziell Dessousgeschäfte wie Intimissimi oder Golden Point bieten Traumhaftes zu günstigen Preisen. Das einzige Problem ist, am nächsten Tag den Laden wieder zu finden. Hilfreich ist in einem solchen Moment die App CityMap2Go mit ihren praktischen Offline-Stadtplänen, auf denen man mit einer Stecknadel bestimmte Punkte markieren kann.

Trotz Stadtplan verirrt sich jeder früher oder später

Das Bild von über einen Stadtplan gebeugten Köpfen gehört ohnehin zur Stadt wie die Tauben, die zu füttern bei Strafe verboten ist. Beides ist sinnlos. Erstens verirrt man sich trotz Plan und bester Planung früher oder später, und zweitens sind die Tauben, diese Ratten der Lüfte, so fett wie eh und je. Darum: Visitenkarte des Hotels mitnehmen und sich merken, in welchem der sechs Sestiere man gerade ist. Alles andere findet sich früher oder später von selbst. Also: Ruhe bewahren, sich treiben lassen und den Zeitplan vergessen.

Die Opfikerin Jacqueline Wolf arbeitet im Schweizerischen Honorarkonsulat in Venedig.
Die Opfikerin Jacqueline Wolf arbeitet im Schweizerischen Honorarkonsulat in Venedig.

Das musste auch Jacqueline Wolf (52) lernen, als sie vor 25 Jahren einen Venezianer heiratete und in die Lagune zog. «Weil man hier alles zu Fuss macht, trifft man auf der Strasse ständig Bekannte und verplaudert sich.» Ihrem Mann Vittorio (54) begegnete sie allerdings nicht in den malerischen Gassen, sondern in einem Wohnzimmer in Opfikon-Glattbrugg ZH. Da ging Jacqueline noch in die Sekundarschule und war oft Gast bei ihrer Banknachbarin, deren Mutter waschechte Venezianerin war. Und besagter Vittorio war ein Kollege eines Cousins der Schulkollegin – und einer der Gründe, warum Jacqueline unbedingt Italienisch lernen wollte. Es hat geklappt. Auch mit dem Kollegen des Cousins. «Unsere beiden Töchter wurden im Stadtspital von Venedig geboren.» Die ältere, Elisa (22) spricht Schweizerdeutsch, die jüngere, Sofia (18) versteht den Dialekt ihrer Mutter zwar, weigert sich aber bisher standhaft, ihn zu sprechen. Dafür reden beide Töchter den lokalen Dialekt, das Veneziano, das sie irgendwo zwischen Elternhaus und Schule aufgeschnappt und ganz selbstverständlich verinnerlicht haben.

Partygänger pilgern nach Mestre und auf die Insel Lido

Jacqueline Wolf arbeitet für die Schweizer Kulturstiftung Pro Helvetia und das Schweizerische Honorarkonsulat. Beide befinden sich im bundeseigenen Stockwerk im Palazzo Trevisan. Wolf koordiniert die Kulturveranstaltungen und die Artists in Residence: Der Palazzo bietet Wissenschaftlern und Künstlern Unterkunft in einem der fünf Zimmer im einstigen venezianischen Adelspalast. Sie möchte nicht mehr aus Venedig wegziehen, hat aber Verständnis dafür, dass junge Leute auch mal etwas anderes sehen wollen. Es liege nicht nur an den raren Arbeitsplätzen und den horrenden Mieten, dass so viele junge Venezianer ihre Insel verlassen. «Es ist zu klein, zu eng, zu provinziell», findet Jacqueline Wolf. «Bis 20 hier zu leben ist fantastisch, aber dann fällt einem die Decke auf den Kopf.»

Wirklich aufregend ist auch Venedigs Nachtleben nicht. Bis auf ein paar wenige Hot Spots wie die Piazza Santa Margherita, wo sich abends das Jungvolk tummelt, den Bars zwischen Palazzo del Camerlenghi und dem Rialtomarkt sowie einer Handvoll versteckter Kneipen mit Livemusik bietet Venedig kein nennenswertes Nightlife. Clubber pilgern nach Mestre und die Insel Lido. Keine Liebhaber, keine Clubs, dafür eignen sich Venezianer Nächte perfekt für mystische Spaziergänge durch unheimliche, menschenleere, verwinkelte Gassen. Das ist ungefährlich, die Kriminalitätsrate ist gering, und nachts hat man einigermassen Ruhe vor Taschendieben, die tagsüber reichlich Beute machen.

Eine passable Alternative – oder je nachdem Ergänzung zum nächtlichen Lustwandeln – ist es, morgens um 6 der Stadt beim Aufwachen zuzuschauen. Zu dieser Zeit dringt der verlockende Duft der Bäckereien durch das Häusermeer, und irgendwo ist immer eine Bar geöffnet, die cremigen Cappuccino anbietet. Vor allem in der Nähe des Rialtomarkts, wo frühmorgens Gemüse und fangfrischer Fisch eintrifft. Arbeiter und Angestellte kehren gern auf ein schnelles italienisches Frühstück ins Caffè del Doge in der engen Calle Cinque ein: Neben süssen Croissants mit Vanillefüllung gibt es dort frisch gepresste Säfte und deliziöse Tramezzini, Sandwichecken aus Weissbrot.

Rund 500 Gondeln sind auf den Kanälen von Venedig unterwegs.
Rund 500 Gondeln sind auf den Kanälen von Venedig unterwegs.

Im Gegensatz zu den Gondoliere übrigens, die noch nie während ihrer Arbeit gesungen haben. Was wie Gesang klingt, sind die Warnrufe, die sie an den heiklen Wegbiegungen auf den kleinen Kanälen im weichen, melodiösen Veneziano, von sich geben. Sollte doch irgendeiner «O Sole mio» schmettern, ist es ein Vertreter der neusten Marotte der Tourismusmafia: Nebst Gondel mietet man gleich noch einen Handorgelspieler plus Sänger. Der Venezianer bleibt eben, das ist kein Geheimnis, eine Krämerseele. Und wenn es Geld bringt, stellt man eben einen neapolitanischen Sänger in die venezianischen Boote.

Authentischer als Gondelopern, sozusagen grosses venezianisches Heimkino, sind die unzähligen Dachterrassen in der ganzen Stadt. Jedes Hotel, das etwas auf sich hält, serviert auf der eigenen je nach Tageszeit Cappuccino oder Aperol Spritz. Und jeder Tourist, der Donna Leon kennt, mutmasst, in welchem der Häuser wohl Commissario Guido Brunetti wohnt, dessen Dachterrasse Leon im Quartier San Polo zwischen den Vaporetto-Stationen Rialto und San Silvestro angesiedelt hat.

Dank Brunetti weiss auch ganz Europa sowie die halbe USA bestens Bescheid über die Route der Vaporetto-Linie Nummer eins. Darum ist die tunlichst zu meiden: Sie ist immer, aber wirklich immer, rammelvoll und hält bei jeder Nebenstation. Wenn Vaporetto, dann die rote Nummer zwei: gleiche Route, gleiche Aussicht, aber kürzere Fahrzeit und weniger Volk.

Und wenn wir schon Geheimnisse ausplaudern, hier noch eines: Ein Besuch im Dogenpalast lohnt sich. Aber nicht frühmorgens. Schlendern Sie am Nachmittag zum Markusplatz. Die Schlangen vor der Basilica San Marco (Eintritt gratis) und dem Dogenpalast (Eintritt 16 Euro) sehen schlimmer aus, als sie sind, es geht zügig vorwärts, und mehr als drei Stunden opulenteste Renaissance und Barockkunst verdaut niemand. Trotzdem, man muss es gesehen haben, dieses Übermass an Herrlichkeit. In einer eindrücklichen Szene fährt Commissario Brunetti mit Ispettore Vianello auf dem Polizeiboot am Markusplatz vorbei, und die Polizisten mokieren sich über die langen Reihen Wartender. «Wenn du nur ein Mal im Leben die Gelegenheit hättest, den Dogenpalast zu besuchen», fragt der Kommissar, «würdest du stundenlang anstehen?» Vianello: «Ja, ich würde».

Bilder: Mattia Zopellaro/Contrasto

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