18. Oktober 2018

Anwältin Christine Pappert sagt, warum eine faire Scheidung beiden weh tut

Im Interview spricht die Expertin über die Begeisterung für ihre Tätigkeit, die Lehren, die sie daraus gezogen hat, und die Gründe, weshalb die Ehe nach wie vor eine vorteilhafte Sache ist.

Christine Pappert glaubt an die Institution Ehe
Christine Pappert glaubt an die Institution Ehe: «Immerhin klappt es ja bei 50 Prozent.»
Lesezeit 8 Minuten

Christine Pappert, warum sind Sie Scheidungsanwältin?

Die Verbindung zwischen Rechtlichem und Zwischenmenschlichem fasziniert mich.

Bei Scheidungen sind viele Gefühle im Spiel. Sind Sie auch Therapeutin?

Tatsächlich muss man als Scheidungsanwältin eine gewisse Empathie mitbringen. Man muss die Leute abholen in ihrer Lebenssituation und Verständnis für ihre Verletzungen und Ängste aufbringen können.

Gefällt Ihnen dieser Teil Ihrer Arbeit?

Ja, deshalb bin ich auch nicht im Bankenrecht tätig.

Wie gehen Sie mit belastenden Trennungsgeschichten um?

Man muss unterscheiden zwischen der Empathie mit einem Klienten und der Identifikation mit ihm und seinen Problemen. Letzteres ist nicht gut; mache ich sein Problem zu meinem, kann ich nicht mehr sachlich behilflich sein und seine Interessen vertreten.

Dann vertreten Sie keine Personen aus Ihrem näheren Umfeld?

Genau, da wäre ich zu stark involviert.

Gibt es andere Klienten, die Sie nach einem Erstgespräch nicht vertreten?

Ich bin der Meinung, dass ein Kind beide Eltern braucht, vorausgesetzt beide sind gleichermassen fähig, das Kind zu erziehen und ihm Zuneigung entgegenzubringen. Darum vertrete ich keine Menschen, die ganz bewusst ein Kind vom anderen Elternteil entfremden wollen, ausser es läge ein objektiver Grund hierfür vor – wie psychische oder physische Gewalt.

Kommt das häufig vor?

Nein, aber leider immer wieder. Weil man sich selbst verletzt fühlt, will man dem anderen schaden. Doch das ist eine Fehlüberlegung: Nicht nur ändert sich durch das Fernhalten des Kindes vom anderen Elternteil nichts an der eigenen Verletzung und Enttäuschung, man schadet damit auch und hauptsächlich dem Kind. Natürlich nehme ich auch keine Mandate an, wenn von mir erwartet wird, dass ich strafbare Handlungen wie Urkundenfälschung unterstütze. Damit bin ich schon konfrontiert worden.

Die Gefühle der Enttäuschung, Verletzung und des angekratzten Selbstwertgefühls, nimmt einem weder ein Anwalt noch ein Gericht noch ein Scheidungsurteil.

Gibt es die perfekte Scheidung?

Ja: Man sitzt zusammen und bespricht die eigenen Vorstellungen. Manchmal mit Anwälten oder auch mit einem Mediator. Man schaut, wie sich die Positionen verbinden lassen, damit es für beide akzeptabel ist. Dann wird eine Scheidungsvereinbarung getroffen, die vom Gericht genehmigt wird.

Wie selten ist der Idealfall?

Ganz rational geht wohl niemand eine Scheidung an. Ausser man ist emotional sehr reif, und das sind die wenigsten Menschen. Es gibt Scheidungen, die ohne Zwischenfälle ablaufen. Des Öfteren wird aber auch gestritten, wobei Streit eher ein subjektiv geprägter Begriff ist.

Eine Scheidung ist eine intime Sache. Was haben Sie dabei über Menschen gelernt?

Sehr viel, etwa dass Menschen auf dieselben Probleme in einer Beziehung sehr unterschiedlich reagieren. Und um zu verstehen, weshalb ein Klient reagiert, wie er reagiert, oder empfindet, wie er empfindet, muss ich seine Geschichte kennen.

Die meisten Geschiedenen empfinden ein Gefühl des Versagens. Weshalb?

Häufig geht der Impuls für eine Trennung stärker von einer Person aus als von der anderen. Es wird dann angenommen, dass derjenige, der geht, kein schlechtes Gewissen hat. Aber das ist nicht so. Beide Partner beginnen ja eine Beziehung mit der Idee, den Weg gemeinsam  zu gehen. Und wenn sich die Wege trennen, erfüllt sich eben dieser anfängliche Wunsch nicht; man hat das Gefühl, «es nicht geschafft zu haben».

Was kann man tun, um weniger unter einer Scheidung zu leiden?

Psychologische Hilfe in Anspruch nehmen. Wenn jemand starke Verletzungen empfindet und darunter leidet, empfehle ich das. Denn die Gefühle der Enttäuschung, Verletzung und des angekratzten Selbstwertgefühls, nimmt einem weder ein Anwalt noch ein Gericht noch ein Scheidungsurteil.

Besonders hart dürfte es sein, wenn Kinder ins Spiel kommen. Gibt es da für beide Seiten faire Lösungen?

Fairness ist ein subjektiver Begriff. Jeder empfindet in dieser emotionalen Situation etwas anderes als fair. So kann es durchaus sein, dass eine Lösung, die objektiv fair erscheint, von den Betroffenen nicht so empfunden wird. Auch Gerechtigkeit ist nicht objektivierbar. Sind die Parteien emotional stark mitgenommen, wird es noch komplizierter. Beide müssen nachgeben und verzichten können. Aus Sicht der Anwältin gilt: Eine faire Lösung tut beiden weh.

Gibt es am Schluss einer Scheidung einen Sieger, eine Siegerin? Oder nur Verlierer?

Hat man jahrelang gestritten, sehr viel Geld investiert und sehr viele destruktive Emotionen erlebt, stellt sich diese Frage tatsächlich. Und auch wenn vielleicht im Scheidungsurteil auf dem Papier mehr Anträge des einen gutgeheissen wurden, ist die Sache nicht so einfach. Denn was auf dem Papier steht, ist nicht die ganze Wahrheit, emotional sieht es vielleicht ganz anders aus.

Was ist häufiger: dass sich Ex-Partner nicht mehr ausstehen können oder dass sie einen Weg miteinander finden?

Die grosse Mehrheit arrangiert sich irgendwie. Man ist zwar nicht freundschaftlich verbunden, begegnet sich aber nach einer gewissen Zeit wieder respektvoll. Auch weil die Alternative, jemanden ein Leben lang zu hassen, einfach zu belastend ist. Ein ehemaliger Klient von mir geht seit der Scheidung zusammen mit seiner Ex-Frau und den Kindern in die Ferien – gemeinsam mit den neuen Partnern. Auch das gibts.

Wie lange dauerten die schnellste und längste Scheidung, die Sie begleitet haben?

Die kürzeste war in drei Monaten durch. Die längste dauerte acht Jahre, was mir für beide Parteien leidtat.

Im Moment macht die Ehe noch Sinn.

Welches sind die grössten Knackpunkte bei Scheidungsprozessen?

Es stellen sich rechtlich viele komplexe Fragen, zum Beispiel wenn Gesellschaften und Liegenschaften involviert sind. Aber auch zwischenmenschlich kann es sehr anspruchsvoll sein, je nach Situation der Eheleute. Nur schon ob ein Kind ins Gymnasium oder in die Sekundarschule gehen soll, kann ein Riesenthema sein. Alle Punkte, über die man als Paar geteilter Meinung sein kann, akzentuieren sich in einer Scheidung.

Können Sie ein Beispiel für einen besonders skurrilen Streitpunkt nennen?

Ein Paar stritt lange und heftig um eine vergoldete Zahnbürste.

Weil sie wertvoll war?

Dazu gab es verschiedene Gutachten, die ganz unterschiedlich ausgefallen sind. Denn es gibt keinen Markt für vergoldete Zahnbürsten. (lacht) Es ging auch nicht wirklich um den Wert. Die skurrilsten Fälle sind diejenigen, bei denen vordergründig um Gegenstände gestritten wird. Tatsächlich geht es aber häufig darum, Macht auszuüben und seinen Willen durchzusetzen.

Lange wurden in der Schweiz 50 Prozent aller Ehen geschieden, seit ein paar Jahren sind es nur noch rund ein Drittel. Wieso hat sich das verändert?

Es gibt nicht weniger Scheidungen, das Bundesamt für Statistik hat bloss seine Erfassungsmethode geändert. In der Schweiz wird immer noch jede zweite Ehe geschieden.

Wie steht die Schweiz bezüglich dieser Scheidungsrate international da?

Grundsätzlich ist die Scheidungsrate in den Ländern höher, in denen es den Menschen wirtschaftlich besser geht. In den industrialisierten Ländern ist man nicht gezwungen zusammenzubleiben, weil man sonst finanziell nicht durchkommt oder von der Gesellschaft geächtet wird.

Ergibt die Institution Ehe bei einer Erfolgsquote von 50 Prozent Sinn?

Aus rechtlicher Sicht schon, vor allem wenn man Kinder hat und die Betreuungsanteile sehr unterschiedlich gewählt werden. Die Ehe bietet rechtliche Absicherungen, die ein Konkubinatsverhältnis nicht garantiert.

Und wenn man keine Kinder hat?

Auch erbrechtlich macht die Ehe im Moment noch Sinn. Beerbt man seinen Konkubinatspartner, ist man kaum bessergestellt als der Nachbar, sollte er ihn beerben: Man zahlt hohe Erbschaftssteuern, und der Pflichtteil der Kinder ist grösser. Beerbt man hingegen als Ehepartner den Verstorbenen, ist man wie die Kinder von der Erbschaftssteuer befreit. Auch sozialversicherungsrechtlich bringt die Ehe Vorteile.

Eine Scheidung ist heute gesellschaftlich akzeptiert. Sind die Prozesse einfacher geworden, geht es schneller?

Überhaupt nicht. Die Dauer eines Scheidungsverfahrens hängt primär davon ab, wie verletzt die Betroffenen sind, wie weit sie im Prozess der Loslösung sind. Es gibt Menschen, die den anderen nicht loslassen wollen oder können, obwohl sie getrennt leben. Auch die Bereitschaft zu kämpfen, spielt eine Rolle. Manche kämpfen für etwas, das sie als gerechte Lösung empfinden, anderen ist es wichtiger, den Frieden zu finden, auch wenn sie finanziell Federn lassen müssen.

In den letzten Jahren gab es verschiedene Änderungen im Familienrecht (siehe Box). Wie beurteilen Sie diese?

Im Vergleich zur sonstigen Rechtsprechung ist in kurzer Zeit sehr viel passiert. Die Änderungen der Gesetze sind oftmals eine Angleichung an gesellschaftliche Realitäten. Beim kürzlich erlassenen Entscheid des Bundesgerichts gibt es aber noch Hürden: Häufig arbeiten heute beide Eltern, aber es gibt nicht genügend externe Betreuungsplätze – oder sie sind sehr teuer. Und soll der hauptbetreuende Elternteil zu 50 Prozent arbeiten, wenn das Kind im Kindergarten ist, bräuchte er ja eine Stelle, bei der er sein Pensum auf fünf Morgen verteilen kann. Das ist selten möglich – da müssen sich Gesellschaft, Schulsystem und Arbeitsmarkt noch weiter anpassen.

Was halten Sie von der Idee einer Ehe auf Zeit? Die ohne gegenseitige Bestätigung nach einigen Jahren ausläuft?

Das finde ich jetzt nicht ganz so sexy. Bei der Ehe geht es auch um Vertrauen auf eine gewisse Absicherung, auch rechtlich. Und wenn ich mich fünf Jahre darauf einstelle, aber dann plötzlich automatisch – wenn der eine nicht mehr will – alles vorbei ist, keine Absicherung mehr da ist, widerspricht dies dem Vertrauen in etwas Nachhaltiges, das die Eheschliessung geprägt hat.

Auf einer Skala von eins bis zehn: Wie romantisch sind Sie?

(lacht) Jetzt werde ich rot. Sagen wir es so: Ich bin sicher nicht unromantisch. Also nichts unter sechs, sicher nicht.

Hat es mit Ihrem Beruf zu tun, dass Sie nicht verheiratet sind?

Ich müsste mal darüber nachdenken, warum ich nicht verheiratet bin. Das wäre ein gutes Thema für die nächsten Ferien. Aber ich kann mit Bestimmtheit sagen, dass mein Beruf nichts damit zu tun hat. Ich habe dadurch nicht den Glauben an die Ehe verloren. Immerhin klappt es ja bei 50 Prozent.

Sie wissen sehr viel darüber, weshalb Beziehungen auseinandergehen. Ihr Rezept für dauerhaftes Glück?

Es klingt zwar nach Binsenwahrheit, aber man muss miteinander im Gespräch bleiben. Sich nicht davor scheuen, es zu thematisieren, wenn sich im Lauf der Zeit die eigenen Interessen verschieben. Wenn man merkt, dass man sich verändert – und ich meine damit nicht den stetig wachsenden Bauchumfang –, dann sollte man dies dem anderen mitteilen, damit er entscheiden kann, ob der gemeinsame Weg für ihn noch stimmt.

Benutzer-Kommentare