01. Juli 2018

Schauplatz Telefonzelle

Im Zeitalter des Smartphones hat die öffentliche Telefonkabine eigentlich ausgedient. Doch es scheint Menschen zu geben, die das Gespräch in der Zelle suchen. Und Motive. Ein Augenschein in Chur, wo sich das rentabelste Publifon der Schweiz befindet.

Telefonkabine
Nicht mehr viele Leute benutzen heutzutage eine Telefonkabine – oder?
Lesezeit 5 Minuten

Bahnhof Chur, 14.36 Uhr: Ein Mann im Rentenalter betritt eine der beiden Telefonkabinen, die im Buswartehäuschen untergebracht sind, und wählt eine Nummer. Bingo! Wer hätte das gedacht: Wir warten erst seit 36 Minuten, und schon haben wir jemanden gefunden, der tatsächlich noch eine öffentliche Telefonzelle nutzt. Bevor wir ausgerückt sind, um zu ergründen, wer sich denn im Handyzeitalter noch in die Kabäuschen zurückzieht, haben wir uns auf stundenlanges Warten eingestellt.


Die Kabine auf dem Postautodeck der Bündner Kantonshauptstadt war 2017 das rentabelste Publifon – so nennt die Swisscom die Glasboxen mit Wandtelefon. Wie hoch der vertelefonierte Betrag in der Churer Kabine genau ist und aus wie vielen Anrufen er sich zusammensetzt, will die Swisscom leider nicht verraten. Der hohe Umsatz liesse sich auch durch einen einzigen Anrufer erklären. Vielleicht ein reicher Russe, der sein Smartphone verloren und auf dem Weg nach St. Moritz mit seiner Freundin in Moskau geplaudert hat? Möglich wärs: Obwohl aus einer anderen Zeit, akzeptiert das Modell «Stella Combi» mit rotem Hörer sogar Kreditkarten.


Wer verschickt anzügliche SMS?
Der Senior, der mit Wollstirnband und beigefarbenem Sakko in der Telefonkabine steht, sieht nicht gerade nach High Society aus. Auch telefoniert er nicht mit Karte, sondern mit Münz. Wahrscheinlich zählt er zu den letzten Mohikanern, die sich noch gegen die Nutzung eines Handys sträuben. Als der Mann aus der Zelle tritt, müssen wir unser Vorurteil korrigieren: Er ist überhaupt nicht von gestern, dafür in geheimer Mission unterwegs.

Für seine zwei Anrufe wollte er weder sein Handy noch sein Festnetzgerät nutzen: «Seit Kurzem erhalte ich von zwei verschiedenen 076er-Nummern SMS mit anzüglichem Inhalt. Ich wollte herausfinden, wer dahintersteckt.» Aber bei der einen Nummer habe sich nur die Combox eingeschaltet, bei der anderen habe es bloss geklingelt. Das klingt plausibel, trotzdem will der Herr nicht namentlich genannt und abgelichtet werden. Rund eine Stunde später schlüpft ein weiterer Mann in eine Kabine. Das Gespräch mit Taxcard dauert nicht lange. «Ich habe mit meiner Freundin in Glarus telefoniert», sagt der Mann, der seine Identität ebenfalls nicht preisgeben will.

Er habe schon ein Handy und auch einen Festnetzanschluss, aber er ziehe das Telefonieren in der Zelle manchmal vor, weil das keiner nachverfolgen könne. «Oder kann man das doch? Sie schauen jetzt aber nicht nach, welche Nummer ich angerufen habe, oder?» Er beruhigt sich erst, als wir gemeinsam in der Telefonkabine stehen und auf allen möglichen Tasten herumdrücken, um zu überprüfen, ob dem Gerät die soeben gewählte Nummer nochmals zu entlocken ist. Ist sie natürlich nicht.


Aus Gründen der Diskretion
Um 16.11 Uhr wieder ein Mann. Er wählt wie schon der Senior die rechte, vom Strom der Passanten etwas abgewandte Zelle. Er tippt die Nummer von seinem Handy ab. Als wir ihm danach Fragen stellen wollen, winkt er wortlos ab und hastet davon. Das lässt Raum für Spekulationen. Eine streng geheime Undercover­Mission?


Der graumelierte Herr, der um 17.24 Uhr auftaucht, macht einen seriösen Eindruck. Doch auch bei ihm bleiben Fragen offen: «Ich könnte mobil oder übers Festnetz telefonieren, bin aber aus Gründen der Diskretion hierhergekommen.» Deshalb will er nichts über den Inhalt des Gesprächs verraten, auch seinen Namen nennt er nicht. Bevor der Mittfünfziger davoneilt, erwähnt er, dass er vom Datenleck der Swisscom betroffen sei, bei dem Unbekannte die Daten von rund 800 000 Swisscom-Kunden entwendet haben. Ein Datenpurist, der keine Spuren hinterlassen will? Ein Frischverliebter, der der Angebeteten seine Identität nicht preisgeben will?


Inzwischen dämmert es. In den Kabinen geht das Licht an. Die Leuchtreklamen mit Hörersymbol über den Türen bleiben dunkel. Um 18.40 Uhr taucht der nächste Kandidat auf. Der junge Mann raucht während des Telefonats. «Ich habe mein Handy verloren und darum mich selbst angerufen: Ich habe mit mir gesprochen», sagt er in schleppendem Tonfall, lächelt gezwungen und entblösst dabei die Lücke in der oberen Zahnreihe. Der Junge hat verdächtig hängende Augenlider, doch wider Erwarten riecht die Telefonkabine nach seinem Abgang nicht wie ein Hanfgarten.


Einer, der nichts zu verbergen hat

Um 19.04 Uhr nähert sich ein weiterer Mann. Er lehnt sich locker an die bekritzelte Holzablage, unter der früher noch die Telefonbücher hingen. Sein Telefonat dauert im Vergleich zu den vorangegangenen Gesprächen fast schon lang.


Als er aus der Zelle tritt, lächelt er und gibt sich auskunftsbereit: «Ich habe meinen Eltern in Brasilien kurz Hallo gesagt.» Seine Eltern seien betagt, erklärt Ary Schüepp (41), darum könne er mit ihnen nicht via Internet telefonieren. Festnetz habe er nicht mehr, und eine Verbindung über das Handy sei teurer als die Telefonkabine. Ein Foto von ihm am Hörer der Telefonkabine? Kein Problem. Und ja: Er komme öfter zum Telefonieren hierher, bestimmt zweimal im Monat. Früher habe er oft am Obertor telefoniert, aber dort seien die Publifone inzwischen abgebaut. Leider.


Sechs Nutzer in rund sechs Stunden. Eigentlich keine schlechte Ausbeute. Nur: Menschen, die heute noch ein Publifon nutzen, wollen offenbar nicht selten unerkannt bleiben. Alles dubiose Gestalten, die luschen Geschäften nachgehen? Wie auch immer: Die Swisscom wird nicht gerade reich damit. Glaubt man den Angaben, sind in den vergangenen Stunden nur einige Franken zusammengekommen.

Bis 20 Uhr wollen wir noch ausharren. Vielleicht zeigt sich ja noch ein Reisender, der ohne Handy ins Wochenende aufgebrochen ist – und damit ein ganz unverfängliches Motiv für die Nutzung einer öffentlichen Fernsprechanlage hat.

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