07. Juli 2017

Schäkern mit dem Ebenbild

Bänz Friedli war im St. Galler Schlamm. Hier können Sie die vom Autor gelesene Hörkolumne herunterladen und sich mit ihm oder anderen Leser(inne)n austauschen.

Schuhe beweisen, dass man am Open Air war
Auch wenn man das Konzert (fast) verpasst hätte: Die Schuhe beweisen, dass man am Open Air war ...
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Liebe junge Frau, die du am Open Air St. Gallen in deiner gelben Pelerine neben mir in der Menge gestanden hast. Ich war der ältere Herr, der bei «Eisgekühlter Bommerlunder» trotz Kälte und Nässe so abgegangen ist – ist es dir vielleicht aufgefallen?

Nein, ist es dir vermutlich nicht. Du hattest kaum Augen für deine Umgebung. Du warst andauernd mit deinem Smartphone beschäftigt, du hattest – und das ist, was mich im Eigentlichen irritierte – nur Augen für dich selbst. Als du beim vierten Song zum siebzehnten Mal dein Handy gezückt hast, habe ich aufgehört zu zählen.

Die Toten Hosen mit dem neuen Video «Wannsee» (7. Juli 2017)


Du musstest, soweit ich das mitbekommen habe, der Kati antworten und der Rahel ein Kuss-Smiley senden; die Jessy hat dir beständig Faxen geschickt; du musstest hier eine Snapchat-Story abrufen, da dein Instagram-Profil bespielen, dort deinen Facebook-Account auffrischen, du warst unablässig auf Sendung.

Und was mich am meisten befremdete: Du hast nicht einmal Ausschnitte aus dem Konzert gepostet, sondern hieltest das Handy immer im Selfie-Modus auf dich selbst gerichtet, hast Grimassen geschnitten, Schmollmündchen gemacht, hast dein Ebenbild geküsst und mit ihm geschäkert und die Resultate hinausgeschickt: in den digitalen Bekanntenkreis, der dir die Welt bedeutet. Sie wussten also alle, dass du gerade am Konzert der Toten Hosen warst, und du wusstest, falls du den Überblick behalten hast, wo die Jessy, die Rahel und die Kati gerade waren.

Nun bin ich weiss Gott nicht einer, der die neuen Kommunikationsmöglichkeiten verteufeln würde. Mir gefällt es, dass ich sonntagmorgens auf Instagram nachschauen kann, ob meine Lieblingsfussballerin in der Nacht zuvor getroffen hat und dass ich ihr Tor, falls sie getroffen hat, auch gleich bewundern kann.

Ich unterhalte einen regen Chat mit meinen eigenen Fussballkameraden, lasse mich gern über Herrn Trumps jüngsten Fauxpas informieren und mag es, dass das Neueste aus Wimbledon verlässlich auf meinem Handy aufblinkt. Und auch ich habe meinen beiden Neffen, die ausnahmsweise nicht dabei sein konnten, aus dem Sittertobel einen Schnappschuss ihrer Lieblingsband samt launigem Kommentar geschickt.

Aber manchmal muss man erleben, statt nur live von einem angeblichen Erlebnis zu berichten. Zum Beispiel, wenn die Toten Hosen bei strömendem Regen einen denkwürdigen Auftritt haben. Als die Band nach zweieinviertel Stunden von der Bühne ging, schautest du verdutzt vom Display auf und fragtest deinen Freund: «Scho Pausä?» Du warst zwar da, aber: Du hast ein tolles Konzert verpasst.

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