08. Oktober 2019

Schach zieht bei der Jugend

Ein uraltes Spiel trotzt dem Handy und der digitalen Welt: Schach wird bei Kindern und Jugendlichen immer beliebter – sogar bei denen, die sonst kaum stillsitzen. Das gefällt auch den Eltern, denn es fördert die kognitiven Fähigkeiten.

Kinder spielen Schach
Jugendliche Schach-Fans: Klara, Pauline, Daniel und Lennardt (von links).
Lesezeit 6 Minuten

Es ist 13 Uhr in der Sportanlage Brand in Thalwil ZH, der zweite Tag im Feriencamp. Daniel (7) brütet gerade über seinem Aufgabenheft. Auf dem skizzierten Schachbrett ist eine bestimmte Stellung eingezeichnet, dazu die Frage: «Welche Figur ausser dem Bauern ist noch in Gefahr?» Am Nebentisch haben Klara (10) und Isabelle (11) gerade eine Partie begonnen. Lennardt (9) ist hingegen noch auf der Suche nach einem Partner, während Pauline (7) ihre Dame bereits in Angriffsposition gebracht hat.

Was aussieht wie ein normaler Nachmittag im Ferienlager, ist bei näherer Betrachtung bemerkenswert: Obwohl die Kinder um diese Zeit tun dürfen, was sie wollen, hantiert keines auf dem Handy herum. Die eigentlichen Workshops beginnen zwar erst um 14 Uhr, doch Klara spielt freiwillig Schach, obwohl sie noch vor drei Tagen absolut keine Lust darauf hatte.

Schachlehrstunde im Schulcamp Thalwil
Schachlehrstunde im Schulcamp Thalwil

Besonders ist auch, dass der Kurs mit den 56 Plätzen ausgebucht ist. Und das in einem Städtchen wie Thalwil, das sich eigentlich eher dem Fussball verschrieben hat. Nicht überrascht ist Peter Hug (30) von den «Schulschachprofis» , der das Camp mit der Jugendsportorganisation MS Sports aufgegleist hat. Seit drei Jahren bietet er in der ganzen Deutschschweiz Ferienkurse an, bei denen die Kinder auf lustvolle Weise das königliche Spiel erlernen und zwischendurch an der frischen Luft Sport treiben. Während beim ersten Mal vor vier Jahren nur fünf Kinder teilgenommen haben, müssen die Interessierten heute mancherorts mit Wartelisten Vorlieb nehmen.

Schachboom bei den Jungen

Der Trend zum Schachspiel bei Kindern und Jugendlichen hat vor etwa fünf Jahren eingesetzt. Seither sind diverse neue private Schulen entstanden: Neben Hugs «Schulschachprofis» mit über 500 jungen Mitgliedern gibt es etwa Chess4kids , Chessmates oder die Schachschule Markus Regez . Und die Zahl der unter 16-jährigen Spielerinnen und Spieler, die beim Schweizerischen Schachbund registriert sind, hat sich seit der Jahrtausendwende auf rund 1000 verdoppelt.

Und das ist erst noch bloss die Spitze des Eisbergs. Viele Kinder und Jugendliche spielen auf Schachplattformen im Internet oder einfach unter sich: mit Freundinnen und Freunden und in der Familie. Immer mehr frequentieren auch einen lokalen Verein, sind aber nicht beim Verband angemeldet. Die zunehmende Beliebtheit des traditionsreichen Denksports gefällt den Eltern, denn ihre Schützlinge können dabei manche kognitive Fähigkeit erlernen. Und es macht auch nichts aus, wenn sie sich dabei für Stunden im Spiel verlieren. Es heisst schliesslich nicht «Fortnite» und hat nur ein einziges Leben zu verteidigen; das des Königs. Die Eltern sind denn auch meist der Motor für den Einstieg; wie bei Klara, die von ihrer Mutter für das Thalwiler Camp angemeldet wurde.

Fragt man die Kinder, was ihnen am Schach so gut gefällt, sind die Antworten vielfältig: Pauline mag die Figuren und wie sie sich bewegen. Besonders angetan hat es ihr die Dame: «Weil sie in alle Richtungen gehen und gut angreifen kann.» Lennardt findet Schach «einfach cool». Wegen der Regeln und weil man immer wieder neue Dinge hinzulernt. Klara ist begeistert, weil sie dank des Schachs viel Zeit mit ihrer neuen Freundin Isabelle verbringen kann. Nur Daniel, der gemäss Schachlehrer Hug sehr talentiert ist, findet keine Worte: «Weiss nicht», sagt er, «ich spiele einfach.»

Hochkonzentriert am Zug: Schachfan Klara
Hochkonzentriert am Zug: Schachfan Klara

Die letzte Antwort ist durchaus aufschlussreich. Lässt man nämlich den ganzen Überbau weg – die Strategien, die Fähigkeit, mehrere Züge im Voraus durchzuspielen, sich in die Position des Gegners zu versetzen, den Wettbewerb – dann findet man sich im Herzen des Spiels wieder: Spass.

Hilfreich bei Aufmerksamkeitsstörungen

André Vögtlin, zuständig für den Nachwuchs im Schweizerischen Schachverband , spricht vom «Flow», der sich wie beim Klettern oder Surfen einstellt. «Manchmal wache ich in einer Partie nach drei oder vier Stunden auf und realisiere, dass ich gewonnen, verloren oder Remis gespielt habe.» Voraussetzung für die innere Versenkung sei, dass man es mit einem gleich guten oder leicht stärkeren Gegner zu tun habe.

Dieser Sog wirkt sich gemäss Vögtlin auch bei jungen Menschen aus, die unter Aufmerksamkeitsstörungen leiden. Der 56-Jährige beobachtet immer wieder, dass solche Kinder über längere Zeit ruhig und konzentriert am Brett sitzen können.

Für den 15-jährigen Noah Fecker aus Eggersriet SG ist Schach inzwischen mehr als ein Spiel. Der mehrfache Schweizer Meister trainiert via Skype wöchentlich sechs Stunden mit drei verschiedenen Trainern, dazu kommen noch weitere 10 bis 15 Stunden alleine. Weil er zudem auch öfters an Turniere reist, wie eben gerade an die Europameisterschaften in der Slowakei, kommt die Schule gelegentlich etwas zu kurz. Probleme habe er deswegen aber keine. Nicht einmal mit den Sprachen, die nicht zu seinen stärksten Fächern zählen. Sein Lieblingsfach ist, natürlich, Mathematik.

Dank des Schachspiels könne er sich länger und besser konzentrieren, sagt Noah. «Verbessert haben sich auch die Logik, das räumliche Denken sowie die Fähigkeit, unter Zeitdruck ruhig zu bleiben und Entscheidungen zu fällen.» Letzteres sei auch im Alltag eine grosse Hilfe. Auffallend ist, wie gewählt sich der Junge auszudrücken weiss und wie klar er seine kognitiven Fähigkeiten einschätzen kann. Ob es tatsächlich das königliche Spiel war, das ihn so heranreifen liess, oder ob dies dem Jungen bereits in die Wiege gelegt wurde, ist so schwierig zu beantworten wie die Frage, was zuerst war: das Brett oder die Figuren.

Die Schachregeln lernte Noah jedenfalls bereits mit vier Jahren von seinem Opa. Mit neun nahm er an einem Turnier teil, das in seiner Umgebung stattfand. Das war dann auch der wirkliche Einstieg ins Spiel, das er heute als Sport betreibt. Dass Schach in den letzten Jahren an Popularität gewonnen hat, ist auch Noah aufgefallen. Turniere seien immer stärker belegt. Zum Beispiel fand Ende September in Muttenz BL die erste Qualifikationsrunde der Schweizer Meisterschaften in den Kategorien U10 bis U16 statt. Rund 400 Jugendliche nahmen daran teil.

Schach als Primarschulfach

In Ländern wie Armenien, Indien oder China ist Schach längst ein Schulfach. In der Schweiz zählt die Primarschule in Dänikon-Hüttikon ZH zu den Pionieren. Seit 2014 bietet sie mit der Schachschule Markus Regez ein Schachatelier für die Mittelstufe an, hat das Angebot später auch auf die Unterstufe und den Kindergarten erweitert. Die ursprüngliche Idee war, speziell begabte Kinder zu fördern, inzwischen profitierten aber alle Schülerinnen und Schüler, wie Lehrerin Angela Vollmer (47) sagt. Gerade bei Kindern mit Migrationshintergrund, die Mühe im sprachlichen Ausdruck hätten, baue Schach wichtige Brücken.

Das Spiel ist laut Vollmer aber auch ideal, weil sich die Kinder selber Varianten aneignen und gar zu Lehrern werden, indem sie es anderen weitervermitteln. Fremdsprachliche Hürden oder Altersunterschiede würden bei Schach schnell verwischt. «Eindrücklich ist auch, wie im Klassenzimmer plötzlich tiefe Ruhe einkehrt, wenn sich die Kinder in das Spiel versenken.»

Benutzer-Kommentare

Verwandte Artikel

Die Geschwister Wäffler auf der Hängebrücke über die Engstlige

Abenteuer Schulweg

Familie Vogel

Wenn das Wohnzimmer auch Schulstube ist

Lina und Leonie im Chemielabor der ZHAW Wädenswil. Sie lernen, Stärke in Lebensmittel nachzuweisen.

Lina schnuppert Mint-Luft

Jan, Jan Luca, Leron, Annina und Malin (v. l.) ­geben in der Kunsthalle das Tempo vor. Die Betreuerinnen folgen.

Mit Kindern ins Museum