18. August 2017

Für Salma Hayek liegt die grösste Freiheit darin, frei von Angst zu sein

Furchtlos, unbequem, sozial engagiert: Die 50-jährige mexikanische Schauspielerin nimmt in Hollywood kein Blatt vor den Mund. Eigensinnig ist auch die Rolle, die sie in der Actionkomödie «The Hitman’s Bodyguard» spielt. Ein Gespräch über Schlangenbeschwörungen, das Älterwerden im Filmbusiness und wie sie darauf pfeift, was andere von ihr denken.

Salma Hayek
Hat wegen ihrer politischen Überzeugung schon einige Jobs verloren: Salma Hayek. (Bilder: Jay L. Clendenin/Los Angeles Times/Contour by Getty Images)
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Salma Hayek, Sie haben dieses Jahr vier Filme im Kino – nicht schlecht, für eine 50-Jährige in Hollywood ...

Wo ist meine Brille? Ich sehe Sie nur ganz verschwommen ... (eine Assistentin reicht sie ihr) Das ist besser, jetzt kann ich Ihnen in die Augen schauen. Was war die Frage?

Sie arbeiten heute mehr denn je.

Stimmt! Als ich noch jung war, hat mir jeder gesagt, ich würde nach 35 keine Arbeit mehr kriegen. Es bereitet mir enorm viel Vergnügen, allen das Gegenteil zu beweisen.

Ist älter werden für Sie kein Problem?

Uns Frauen wurde jahrelang die Lüge erzählt, dass wir mit 50 zum alten Eisen gehörten, dass wir unser Leben ausgelebt hätten. Dabei ist 50 ein grossartiges Alter. Ich fühle mich noch immer sehr schön und bin mit meinem Leben sehr zufrieden.

Aber mal ehrlich: In Hollywood existiert noch immer ein Vorurteil gegenüber älteren Frauen, nicht?

Klar. Die sexy Girlfriend-Rollen, die ich zu Beginn meiner Karriere zur Genüge gespielt habe, werden mir heute nicht mehr oft angeboten. Aber heute produziere ich selbst Filme und halte dabei aktiv Ausschau nach guten Rollen. Ich glaube, meine beste Arbeit liegt noch vor mir.

In Ihrem neuen Film «The Hitman’s Bodyguard» spielen Sie eine sehr eigensinnige Figur, die keine Angst vor den Konsequenzen ihrer Taten hat.

Sie ist tatsächlich völlig frei von Angst. Ich glaube, die grösste Art von Freiheit ist es, frei von Angst zu sein.

Haben Sie selbst auch keine Angst?

Doch, schon, aber ich lasse mich deswegen nicht davon abhalten, die Dinge zu machen, vor denen ich mich fürchte. Ich überwinde meine Angst.

Wie machen Sie das?

Es ist ein psychologischer Prozess. Das Schwierigste, das ich je gemacht habe, war der Tanz mit der Schlange in «From Dusk Till Dawn» (1996) – ich habe eine Todesangst vor Schlangen. Für die Szene musste ich lernen, meine Angst zu managen. Gott sei Dank hatte ich vor Drehbeginn genug Zeit und habe gelernt, mich in eine Art Trance zu versetzen, um die Schlange tolerieren zu können.

Hätte das nicht Ihr Stuntdouble übernehmen können?

Das war zu Beginn meiner Karriere, da konnte ich keine Forderungen nach Stuntdoubles stellen. Ich mache meine Stunts bis heute immer selbst – auch bei «The Hitman’s Bodyguard».

Für den hätten Sie aber wirklich ein Stuntdouble anfordern können, oder?

So war es auch geplant, aber als es soweit war, konnte ich es einfach nicht ertragen, dass jemand anderer aufs Set gebracht wird und vorgibt, ich zu sein.

Wieso nicht?

Ich habe mich so alt gefühlt! Als gehörte ich zum alten Eisen. Also hat mich der Ehrgeiz gepackt, und ich fragte, ob ich die Kampfszenen selber drehen könnte. Und raten Sie mal, was passiert ist?

Was denn?

Ich konnte noch immer kicken, was das Zeug hält. Ich habe alle meine Szenen aus dem Hut gezaubert. Am nächsten Tag war ich allerdings von blauen Flecken übersät und konnte mich dann zwei Wochen lang kaum bewegen. (lacht) Aber Mann, an dem Tag habe ich eine grossartige Show abgezogen.

War das nicht gefährlich?

Nicht für mich. Und ich habe in meiner ganzen Karriere auch noch nie jemand anderen verletzt. Ausser...

Ausser?

Als ich einmal meinen Co-Star ohrfeigen musste, habe ich ihm den Kiefer ausgerenkt.

Was? Wer war das denn?

Mathieu Demy, der Regisseur, Autor und Hauptdarsteller von «Americano» (2011), einem französischen Film. Ich habe ihn geohrfeigt, aber er sagte, du bist zu vorsichtig, du musst mich härter schlagen. Ich fand die Ohrfeige hart genug und wollte nicht. Aber er bestand darauf. Also habe ich ihn noch einmal geohrfeigt – danach hing sein Kiefer schief zur Seite, und er konnte nicht mehr reden. Das war natürlich nicht gut: Er war Hauptdarsteller und Regisseur, und es war der erste Drehtag. Er brauchte danach Akupunktur und alles Mögliche, damit er überhaupt weiterdrehen konnte.

Die eigenwillige Salma Hayek
Eigenwillig wie ihre neuste Rolle. (Bilder: Jay L. Clendenin/Los Angeles Times/Contour by Getty Images)

Sie haben aus Ihrem Missfallen über Donald Trumps Wahl nie einen Hehl gemacht. Nun ist er schon ein halbes Jahr im Amt. Wie gehen Sie damit um?

Ich habe gelernt, dass seine Aktionen schlichtweg Taktik zur Eigenwerbung sind. Auch ich bin ja Immigrantin, aber ich nehme es nicht persönlich, was Trump diesbezüglich so von sich gibt, denn Dummheit muss man nie persönlich nehmen. Traurig stimmt mich allerdings, wie viele Leute sich von ihm manipulieren lassen.

Sie wohnen heute vorwiegend in London und Paris. Aus Protest?

Nein, weil es schön ist und meine Tochter dort in die Schule geht. Aber ich lebe auch in den USA. Und mir ist bewusst, dass wir von Trump auch etwas zu lernen haben. Viele Leute mit guten Wertvorstellungen waren bisher der Meinung, der grösste Teil des Landes denke wie sie. Das stimmt aber nicht, und es ist Zeit aufzuwachen. Am meisten ängstigt mich, dass ich die andere Seite überhaupt nicht verstehen kann.

Wie meinen Sie das?

Ich will diese Leute nicht einfach runtermachen und sagen, Trump-Wähler sind bescheuert. Nein, ich will besser verstehen, was sie in ihm sehen. Ich reise viel, und in anderen Regionen dieser Welt sehen die meisten Leute die politische Charade um Trump als Irrsinn, sie finden es lächerlich und schockierend. Aber in den USA sehen viele seine Taten und Worte nicht als unberechenbar und anstössig. Ich begreife nicht, wie man so denken kann, aber ich will es verstehen. Es ist meine Pflicht als US-Bürgerin, den Rest von Amerika zu verstehen.

Sie sind schon immer sehr unverblümt gewesen. Andere Schauspielerinnen schweigen lieber – aus Angst, andere mit ihrer politischen Haltung vor den Kopf zu stossen.

Das ist mir egal.

Hat Ihnen das in Hollywood nie Probleme gemacht?

Beruflich ist es immer problematisch. Aber letztlich ist es wichtiger, meiner Überzeugung treu zu bleiben.

Haben Sie wegen Ihrer Überzeugung schon Arbeit verloren?

Ja, oft.

Gewisse Leute wollen nicht mit Ihnen arbeiten, weil Sie anderer Meinung sind?

So ist es.

Und was halten Sie davon?

Ach, ich scheiss doch auf die.

die 50-jährige Schauspielerin Salma Hayek
«Lampenfieber geht auch mit dem Alter nicht weg», sagt die 50-jährige Schauspielerin. (Bild: Armando Gallo/Zuma/eyevine/Dukas)

Wie erklären Sie Ihrer neunjährigen Tochter, was in den USA gerade abgeht?

Das fällt mir oft schwer. Valentina ist extrem neugierig. Ich muss vorsichtig sein, dass ich ihr die Information so ausgewogen wie möglich präsentiere. Ich will nicht, dass sie die Hoffnung in die Zukunft verliert. Und wenn Sie mich heute fragen, welchen Beruf sie ergreifen wird, dann sage ich: Anwältin.

Warum Anwältin?

Sie ist grossartig im Verhandeln. In unserer Familie gewinnt sie jedes Argument.

Will sie nicht Schauspielerin werden?

Sie hat ziemlich starkes Lampenfieber, was die Schauspielerei schwierig macht. Ich spreche da aus eigener Erfahrung – es geht auch mit dem Alter nicht weg.

Wären Sie mit dieser Berufswahl Ihrer Tochter einverstanden?

Mir ist egal, was sie wird, solange sie glücklich ist. Sie ist eine sehr witzige und humorvolle Person. Alle sagen, sie sollte Komikerin werden. Aber es gibt so viele andere Dinge, die sie interessieren. Ich habe keine Ahnung, was sie werden wird.

Wenn Sie noch einmal von vorne anfangen könnten, würden Sie wieder Schauspielerin werden?

Heute, wo ich älter und weiser bin? Ich weiss gar nicht, ob ich je wirklich Schauspielerin werden wollte. Als ich jung war, wollte ich einfach Teil der Filmindustrie sein, und die Schauspielerei war damals eine logische Schlussfolgerung. Aber wenn ich noch einmal anfangen könnte, würde ich wahrscheinlich Regisseurin werden.

Sie haben 2003 den TV-Film «The Maldonado Miracle» inszeniert und seither nie mehr Regie geführt. Warum nicht?

Das richtige Projekt hat gefehlt. Seit Kurzem habe ich jedoch ein Drehbuch in Vorbereitung, das mir gefällt. Aber es ist ein sehr ambitiöses Projekt, und ich weiss nicht, ob ich es je verfilmen werde. Ich denke allerdings schon länger wie eine Regisseurin.

Was heisst das?

Schauspieler ziehen sich auf einem Set normalerweise zurück und arbeiten an ihren Rollen – oder sie sind am Telefon, spielen Gitarre oder lesen ... Ich aber will das Set nie verlassen. Ich bin mit der Crew befreundet und interessiere mich für alle ihre Berufe. Und nicht etwa, weil ich ein Kontrollfreak bin. Als ich damals Regie geführt habe, war dies das Leichteste, das ich je gemacht habe. Und, ich habe für «The Maldonado Miracle» auch gleich einen Emmy gewonnen.

Dabei sind Filmprojekte für Sie heute ein reiner Luxus, oder? Ihr Mann macht mit Modelabels wie Gucci oder Balenciaga Millionen. Warum also noch arbeiten?

Das Geld war nie der Grund, weshalb ich Filme mache. Sicher, es ist angenehm, nicht mehr den Druck zu spüren, die Miete bezahlen zu müssen wie in meiner Jugend. Aber heute ist meine Familie definitiv das Wichtigste in meinem Leben. Deshalb suche ich mir Filme aus, die in unseren Lebensplan passen. Und manchmal mache ich einen Film auch nur, weil ich die Leute mag, die daran arbeiten. Das ist tatsächlich ein Luxus, da haben Sie recht. 

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