21. August 2019

Sägemehl im Blut

Familie Walther aus dem Berner Ort Habstetten lebt für den Hosenlupf: Der Vater war ein ganz Böser, die Mutter stammt aus einer Schwingerdynastie. Und die beiden Söhne sind auf bestem Weg, die Familientradition weiterzuführen.

Familie Hosenlupf: Erika und Markus Walther mit ihren Söhnen Adrian (l.) und Reto
Familie Hosenlupf: Erika und Markus Walther mit ihren Söhnen Adrian (l.) und Reto

Seit gut 800 Jahren wird in der Schweiz geschwungen. Darauf lassen Abbildungen in der Kathedrale zu Lausanne schliessen, die aus dem 13. Jahrhundert stammen. Schwingen ist Sport, Tradition und Familiensache – nicht umsonst legen Schwinger und Fans grossen Wert darauf, nicht als «Szene» bezeichnet zu werden, sondern ganz einfach als «Familie».

Markus (51) und Erika (45) Walther-Lüthi aus Habstetten bei Bolligen BE sind Teil dieser Schwingerfamilie. Markus – in der Schwingerfamilie wird geduzt, ob «Büezer» oder hohes Tier – stand früher selbst im Sägemehl, und auch Erikas Vater, Onkel und Bruder gingen den Gegnern einst gehörig an den Zwilch. Alle haben Eichenlaub eingeschwungen, den grünblättrigen Leistungsausweis, der den «Bösen» vom durchschnittlichen Zwilchhosenathleten unterscheidet.

«Angesichts solcher Vorzeichen kommt man gar nicht umhin, sich nicht für den Nationalsport zu interessieren», sagt Erika, blickt kurz zu dem Mann an ihrer Seite und schmunzelt. «Natürlich fällt einer jungen Frau dann auch irgendwann mal auf, dass es unter den Schwingern schon das eine oder andere flotte Mannsbild gibt.» In ihrem Fall vermochten 95 Kilogramm Lebendgewicht, wohlproportioniert verteilt auf 190 Zentimeter, ihr Interesse zu wecken: Walther Markus, Habstetten, Bauernsohn, Zimmermann und eidgenössischer Kranzschwinger vom Schwingklub Worblental. 

In einer Reihe mit  Wenger, Giger, Wicki

Seit 19 Jahren sind die einstige Ehrendame und der ehemalige Turnerschwinger verheiratet. Turnerschwinger sind die Kämpen, die ganz in Weiss zum Wettkampf antreten, im Gegensatz zu den häufig im Edelweisshemd zusammengreifenden Sennenschwingern. Ihre Söhne Adrian (18) und Reto (16) schicken sich an, in die Fussstapfen ihres Vaters und der Vorfahren zu treten.

«Zum Schwingen gezwungen wurden wir nie», betont Adrian, ein Hüne mit Schuhgrösse 51. Im vergangenen Jahr hat er am Eidgenössischen Nachwuchsschwingertag in Landquart den Sieg in seiner Alterskategorie davongetragen und sich damit in eine Reihe gestellt mit Spitzenathleten wie Kilian Wenger, Samuel Giger oder Joel Wicki. «Wenn wie bei uns der Cousin schwingt und du darüber hinaus mit all den Treicheln und Trophäen aufwächst, die der Vater eingeschwungen hat, zieht es dich früher oder später automatisch in den Schwingkeller.»

Schwingen ist auch eine Lebensschule: Wer hier weiterkämpft, gibt auch im Leben nicht so schnell auf.

Erika Walther

Und tatsächlich: Wo bei anderen Familien Rolf-Knie-Lithografien, Bilder von romantischen Sonnenuntergängen oder moderne Flachbildschirme an der Wand hängen, zieren bei den Walthers Erinnerungsstücke aus Markus Walthers aktiver Zeit die Mauern und Nischen.

«Schwinger ist man eben ein Leben lang», sagt Markus Walther lachend und stemmt ein hölzernes Erinnerungsstück vom Unspunnen-Schwinget 1993 in die Höhe. «An der Verbundenheit ändert sich auch nichts, wenn man den Sägemehlring verlässt.» So gehört es sich denn auch für einen Schwinger, sich nach Abschluss der Karriere im Klub oder im Verband zu engagieren – so, wie es auch Markus Walther
als Funktionär tut.

Nährboden für Schwinger

Familie Walther lebt in einem imposanten Haus, zu dem nicht nur die familieneigene Zimmerei gehört, sondern auch ein Restaurant. Von hier aus eröffnet sich ein prächtiges Panorama inklusive Berner Alpen und Bundeshaus. Habstetten. In den 1960er- und 1970er­Jahren stand der Ortsname vor allem für eins: Für den im vergangenen Jahr verstorbenen Rudolf «Rüedu» Hunsperger, seines Zeichens dreifacher Schwingerkönig und Vorbild einer ganzen Schwingergeneration.

«Dass wir hier oben einen guten Nährboden für Schwinger haben, ist eher aussergewöhnlich», sagt Markus Walther und verweist auf die geografische Lage des Weilers: «Wir zählen zum Berner Speckgürtel und sind daher schon etwas urban geprägt.» Anders als in ländlichen Gegenden wie Emmental oder Toggenburg stehe das Schwingen nicht zuoberst auf der Liste der Sportarten, die bei den Jungen im Ort beliebt seien.

Drei- bis viermal pro Woche trainieren die Walther-Brüder
Proben für den grossen Auftritt: Drei- bis viermal pro Woche trainieren die Walther-Brüder im Schwingkeller.

Als ihre Söhne sich für den Zweikampf im Sägemehl zu interessieren begannen, war für Erika Walther klar: «Wenn ihr schwingt, dann macht es richtig. Halbe Sachen kommen nicht infrage.» «Richtig» bedeutet: drei- bis viermal pro Woche Training im Schwingkeller, dazu häufig noch Kraftraum – und an den Wochenenden die sechs oder acht Gänge dauernden Ernstkämpfe an Schwingfesten. Lange Ausgehnächte, Ferien in fernen Landen, eine feste Freundin? Adrian (18) und Reto (16) schauen sich kurz an und antworten unisono: «Im Sommer, während der Saison? Vergiss es!»

Regelmässig sind Adrian und Reto mit dem Velo die steile, langgezogene Strasse hinunter nach Bolligen gefahren und abends wieder hoch. «Unten ist man immer sehr schnell», sagt Reto mit einem Lachen, «hoch braucht es dann ein paar Minuten mehr – dafür tut man etwas für die Kondition.»

Sämtliche acht Gänge am ‹Eidgenössischen› bestreiten, das wäre schon ein schöner Erfolg für mich.

Adrian Walther

Reto nimmt gerade das zweite Lehrjahr als Koch in Angriff. Mit seinen 16 Jahren steht er an der Schwelle vom Jungschwinger zum Aktiven. Ein Schritt, den sein Bruder Adrian in den vergangenen beiden Saisons bereits vollzogen hat. Der Zeichnerlehrling mit den Massen eines Modellathleten hat heuer bereits zwei Kränze eingeschwungen und gehört zu den verheissungsvollsten Kandidaten seines Jahrgangs, wenn es darum geht, in naher Zukunft glorreiche Siege für das Berner Lager einzuschwingen.

Aufstehen, kämpfen, durchhalten

Beide sind in einem Alter, in dem andere alles hinschmeissen und die Zwilchhose an den Nagel hängen – weil die Ausbildung ihnen viel abverlangt oder weil der Erfolg im Sport zwischenzeitlich ausbleibt. «Das erste Jahr bei den Aktiven kann brutal sein», sagt Markus Walther, der den Weg ins Sägemehl als «Spätzünder», erst im Alter von 16, gefunden hat. «Erst noch hast du bei den Nachwuchsschwingern jeden Gegner bezwungen – und plötzlich bist du der, der dauernd auf dem Rücken liegt. Das muss man erst einmal verdauen.»

Erst noch hast du jeden bezwungen, plötzlich liegst du dauernd auf dem Rücken.

Markus Walther

Adrians und Retos Nicken kommt einer Bestätigung gleich. Und Erika Walther meint: «Schwingen, das ist auch eine Lebensschule: Wer hier nach Niederlagen wieder aufsteht und weiterkämpft, der gibt auch im Leben nicht so schnell auf.»

Aufstehen, weiterkämpfen, sich durchbeissen. Kurz, Lätz, Wyberhaken. Immer wieder finden im Keller des Schwingklubs Worblental die wichtigsten von insgesamt über 100 Griffen Anwendung. Draussen drückt der Sommer, drinnen gibt Willy Graber, ein mit über 100 Kränzen geschmückter Publikumsliebling aus Bolligen, den Tarif durch. Zug wird wohl das letzte Eidgenössische sein für den 35-Jährigen – während Adrian Walther seinem allerersten Auftritt an einem Grossanlass entgegenfiebert.

Adrians Ziel: «Sämtliche acht Gänge bestreiten und nicht schon frühzeitig wegen Niederlagen oder einer Verletzung ausscheiden – das wäre ein schöner Erfolg für mich», sagt er betont bescheiden. Sein Vater hört zufrieden zu. Schwinger gehören nicht zu denen, die grosse Töne spucken. Dies und der Umstand, dass fast jeder Schwinger neben dem Sport einer geregelten Arbeit nachgeht, unterstreicht die Bodenständigkeit.

Vieles habe sich in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten im Schwingsport zwar verändert, sagt Markus Walther, der beim Eidgenössischen Schwingfest 1995 in Chur den achten Rang erreicht hat. Doch obwohl alles grösser geworden sei und dem ganzen Drumherum immer mehr Bedeutung zukomme, sei sich eins über all die Jahrhunderte doch stets gleich geblieben: «Wenn du erst einmal im Sägemehl stehst, dann bist du ziemlich allein.»

Markus Walther hält kurz inne und blickt zu seinen Söhnen, die der schweisstreibenden Familientradition die Treue halten wollen. Schliesslich sagt er: «Spätestens dann zeigt sich, wer das Sägemehl nicht nur an den Kleidern und am Körper hat, sondern auch im Blut.»

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