01. September 2017

SAC-Luxus im Hochgebirge

Konserven und Katzenwäsche waren gestern – heute trumpfen SAC-Hütten mit Komfort auf. Die Cabane de Tracuit ist ein Paradebeispiel für die neue Bequemlichkeit im Alpinismus. Die einen freuts, den anderen missfällts.

DIe Cabane de Tracuit
DIe Cabane de Tracuit im Kanton Wallis: Hightech auf 3256 Metern über Meer.
Lesezeit 7 Minuten

Die sechs Männer aus Bayern haben es lustig. Sehr lustig. Nach eigenen Angaben haben sie alle schon einige Liter Bier intus – und das zuhinterst im Val d’Anniviers VS, auf 3256 Metern über Meer, rund vier Stunden Fussmarsch von der nächsten befestigten Strasse entfernt.
Die Cabane de Tracuit gehört dem Schweizer Alpen-Club (SAC), Sektion Chaussy, und wurde 2013 für rund 5,5 Millionen Franken komplett neu errichtet.

Der luxuriöse Neubau bietet eine Profiküche mit Kombisteamer und Spülmaschine; 116 Schlafplätze, alle mit Duvet, verteilt auf zwölf Räume, manche davon mit bloss vier Betten; geruchsfreie Trocken-WCs und für zusätzliche zehn Franken sogar eine warme Dusche. Kein Vergleich zu früher, als man seine Notdurft abseits der Hütte auf einem übel riechenden Plumpsklo verrichten und zwischen kratzigen Wolldecken im Massenschlag nächtigen musste.

Hüttenwartin Anne-Lise Bourgeois: «Manche sind geblendet vom Design.»

Hüttenwartin Anne-Lise Bourgeois (56) kennt die steigenden Ansprüche ihrer Gäste: «Geblendet vom Design, vergessen manche, wo sie sich befinden.» Gewisse Gäste würden sich etwa darüber beklagen, dass es nur Rhabarberkuchen gebe. «Ich nehme das mit Humor und sage ihnen dann, dass sie die Erdbeeren am Rande des Gletschers,rechter Hand, selber pflücken können, falls sie gerne etwas anderes hätten.»
Und was das Bier betrifft: Es gibt welches, solange der Vorrat reicht – und der ist, wie ein Blick in den Keller zeigt, nicht unendlich.

Alpinist Stéphane Vonié (42) aus Strassburg ist für drei Nächte mit rund einem Dutzend anderer Gipfelstürmer unterwegs: «Dass es auf einem Felsen auf 3000 Metern eine Dusche gibt, ist eigentlich nicht normal. Ich brauche das nicht.» Auch in einem grossen Massenlager zu schlafen, störe ihn nicht: «Ich habe immer Ohropax dabei.»

Alpinist Stéphane Vonié: «Duschen auf 3000 Metern ist eigentlich nicht normal.»

Rosemarie Nebel (56) aus Aesch BL, die sich gemeinsam mit ihrem Mann Peter (63) auf einer fünftägigen Hochtour befindet, schätzt den Komfort der Cabane: «Mit Katzenwäsche wird man auch sauber, aber es ist schon toll, dass die Toiletten nicht riechen, man Halbpension geniesst, Getränke kaufen kann – und nicht alles selber hochschleppen muss.»

Die Cabane de Tracuit besticht nicht nur mit Komfort, sondern auch mit Ästhetik: Von Weitem wirkt die Hütte, als ob sie ein Teil des Felsens wäre, auf dem sie erbaut wurde. Ihre Hülle besteht aus blitzblankem Edelstahl, im Innern beeindruckt ein grosszügiger Speisesaal mit imposanter Fensterfront, die einen direkten Blick auf diverse Walliser Viertausender und ihre Gletscherwelten bietet – und dort, wo einst die beiden WC-Häuschen standen, laden heute zwei hölzerne Liegen zum Verweilen unter freiem Himmel ein.

Neue Zielgruppe, neue Ansprüche

Bis Ende der 90er-Jahre wiesen die Hütten stagnierende oder gar rückläufige Übernachtungszahlen aus, der Fortbestand war gefährdet: «Mit verstärkten Marketingmassnahmen und neuen Angeboten ist es gelungen, diesen Trend zu stoppen und die Übernachtungszahlen auf ein Niveau von über 300 000 pro Jahr zu bringen», schreibt der SAC in einer Medienmitteilung vom März. Die Ansprüche der Kunden seien gestiegen: «Attraktive Hütten verlangen kleine Schlafräume, leistungsfähige Küchen und zeitgemässe sanitäre Anlagen.»

Die Fensterfront im Speisesaal bietet eine grandiose Aussicht auf die Walliser Berglandschaft.

Dass die Ansprüche gestiegen sind, liegt aber nicht allein am Zeitgeist, auch die Zielgruppe hat sich verändert: War der SAC früher ein Klub für Alpinisten, versucht er heute neue Kundschaft zu gewinnen. Auf seiner Website heisst es derzeit: «Zahlreiche Hütten warten bis zum Saisonende mit attraktiven Angeboten auf, die weit über das ursprüngliche Hüttenerlebnis hinausgehen.»
Die Silvretta- Hütte etwa lockt mit einem 5-Gang-Menü mit Weinbegleitung, die Etzlihütte präsentiert ein Bergtheater, und in der Brunnihütte schaut Globi bei einem Kinderfest vorbei.

Nicht allen gefällt diese Entwicklung. Die Alpenschutzorganisation Mountain Wilderness übt harte Kritik: «Der SAC verändert sich immer mehr in Richtung Tourismusverband. Für Natur- und Umweltschutz engagiert er sich immer weniger, was bei seiner Reichweite und seinem Einfluss sehr schade ist.»

Diese Kritik lässt der SAC nicht gelten: «Der Strom in den SAC-Hütten stammt fast ausschliesslich aus erneuerbaren Quellen vor Ort, vor allem Solarenergie», sagt Bruno Lüthi, Bereichsleiter Hüttenbetrieb (55). «Wir nehmen auf diesem Gebiet sogar eine Pionierrolle ein: Für die Cabane des Dix beispielsweise wird ein Projekt mit Brennstoffzellen erarbeitet.»

Zudem sei es dem SAC ein besonders wichtiges Anliegen, den Leuten, die in die Berge gehen, die Schönheiten der Natur zu vermitteln und ihnen aufzuzeigen, wie man sich als Gast in der Natur rücksichtsvoll verhalte.

In der Tracuit-Hütte wird mit Pellets geheizt.

Ein Dorn im Auge sind Mountain Wilderness die Helikopterflüge. Zwar verstehe man, dass abgelegene Hütten ohne Heli kaum zu bewirtschaften seien, aber oberhalb der Baumgrenze könne man sich doch auch mit wenig begnügen und die Einfachheit geniessen – und damit die Flüge auf ein Minimum reduzieren.

Alle zehn Tage ein Helikopter

Rund zwei Drittel der 152 SAC-Hütten sind auf eine regelmässige Versorgung aus der Luft angewiesen. Wie viele Flüge es insgesamt sind, kann der SAC nicht beziffern. Die Tracuit-Hütte erhält in der Hauptsaison von Mitte Juli bis Mitte September alle zehn Tage Besuch vom Helikopter. Er fliegt dann jeweils sechs Mal mit je 600 Kilo Fracht in den Netzen.

Ins Gewicht fallen bei solchen Transporten unter anderem die Getränke. Tief ins Glas geschaut wird nicht nur bei Alkoholischem: Weil es in den Hütten oft kein Trinkwasser gibt, verlangen durstige Wanderer nach Mineralwasser. Da fragt man sich: Wie funktionierte das früher, als es noch keine Helikopter gab? Und warum investiert der SAC nicht in technische Lösungen, um Trinkwasser vor Ort bereitstellen zu können?

Das Schmelzwasser vom Truttmanngletscher eignet sich nicht zum Trinken.

«Früher war man bezüglich der Wasserqualität weniger sensibilisiert», erklärt Hans Rudolf Keusen (76), SAC-Wasserexperte und Co-Präsident Hütten und Infrastruktur. Man habe das Wasser einfach getrunken und auch kaum je Probleme damit gehabt.
«Heute muss man das Wasser analysieren und die gesetzlichen Vorgaben erfüllen, damit man es als Trinkwasser deklarieren darf.»

Technische Lösungen wie etwa Filtration oder UV-Bestrahlung würden von Fall zu Fall geprüft. Die Voraussetzungen seien aber in jeder Hütte anders: «Mal stammt das Wasser von sauberen Quellen – das ist der Idealfall. Meist aber kommt es aus Bächen, als Schmelzwasser vom Gletscher oder selten als Regenwasser vom Dach – und manchmal wird es zusätzlich monatelang in Zisternen gelagert.»

Wenn der Geologe selber zu Berg geht, trinkt er auch Wasser, das nicht als Trinkwasser deklariert ist: «Schmelzwasser ist eigentlich ziemlich unbedenklich. Bei Bachwasser bin ich vorsichtiger; hier muss man ausschliessen können, dass es aus einem Weidegebiet stammt. Länger gelagertes Zisternenwasser würde ich nur nach Abkochen trinken.»

Getränkeverkauf sichert Existenz

Kritische Stimmen werfen dem SAC vor, dass er gar nicht daran interessiert sei, den Gästen Trinkwasser zur Verfügung zu stellen, weil sich durch den Verkauf von Getränken der Umsatz steigern lasse. Obwohl der SAC nicht weiss, wie viele Hütten über Trinkwasser verfügen, hält Keusen dagegen: «Die Hütten sind keine Goldgruben. Für die Existenz der Hüttenwarte ist der Verkauf von Getränken ein wichtiger Nebenverdienst.» Lediglich zehn der 152 Betriebe würden Gewinne erzielen – der grosse Rest sei auf Mitgliederbeiträge, Fronarbeit und Spenden angewiesen, sagt Bruno Lüthi.

Blick auf den Dent Blanche, links, und der Grand Cornier, rechts.

Wegen der Nähe zum Bishorn, das als relativ einfach zu bewältigender Viertausender gilt, rangiert die Cabane de Tracuit wiederholt in den Top Ten der beliebtesten Berghütten in der Schweiz. Im vergangenen Jahr belegte sie sogar Platz drei. Über die Bilanz gibt Hüttenwartin Anne-Lise Bourgeois keine Auskunft. Wie alle SAC-Hüttenwarte wirtschaftet sie auf eigene Rechnung. Während der Tarif für die Übernachtung von der Sektion definiert wird, kann sie die Preise in der Gastronomie selber festlegen.

Am Liter gemessen, besteht das günstigste Getränk auf der Karte aus abgekochtem Wasser für fünf Franken; mit Teebeutel berappt man dafür sechs Franken. Cola, Sprite und Co. sind im Vergleich doppelt so teuer, Bier kostet sogar drei Mal so viel. Sie ermuntere ihre Gäste damit zu umweltfreundlichem Konsum, sagt Bourgeois.

Unter den rund 60 Personen befindet sich an diesem Abend bloss eine einzige Gruppe, die konsequent auf Tee setzt: Schüler aus Rapperswil-Jona SG: «Wir sind schon fünf Tage unterwegs. Bisher hat noch keiner nach Softdrinks gefragt», sagt Lehrer David Beglinger (40). Die Schüler seien sehr motiviert und unkompliziert. «Sie wissen, dass man sich in den Bergen etwas einschränken muss, dafür aber mit dem Anblick gewaltiger Berglandschaften belohnt wird.»

Alpinist Stéphane Vonié pafft im Windschatten der Hütte an einer Zigarre und blickt über den Turtmanngletscher. Für ihn steht fest: «Mein Luxus ist die Zigarre – und diese Aussicht hier.»

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