02. Februar 2018

Ronja Furrer: Klartext über das Model-Leben

Das Schweizer Top-Model bereitet sich derzeit auf die «Fashion Week» in New York vor. Hier spricht sie über perfekte Körpermasse, Zickenkrieg und soziale Medien.

«Ich bin erwachsen geworden»: Ronja Furrer beim Shooting in Zürich
«Ich bin erwachsen geworden»: Ronja Furrer beim Shooting in Zürich
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Es ist Winter, die Schweiz isst Käsefondue, Raclette und Fasnachtsgebäck. Was essen Sie, Ronja Furrer?

Ich esse alles, übertreibe aber nicht.

Worauf können Sie nicht verzichten?

Auf Nutella. Und auf Aromat – das muss ich immer ins Ausland mitnehmen.

Wie werden Sie die Kalorien wieder los?

Ich verbrenne die Kalorien mit Boxen, Kardiotraining und Yoga. Wenn ich mich auf eine Show vorbereiten muss, kommen schon mal drei Stunden Sport pro Tag zusammen. Da ich Rückenprobleme habe, darf ich es nicht übertreiben. Aber Sport ist ein Muss, quasi mein zweiter Beruf.

Was gefällt Ihnen am Boxen?

Damit kann ich Frust abbauen (lacht). Boxen ist abwechslungsreich und gibt mir Selbstvertrauen. Das brauche ich, wenn ich allein unterwegs bin.

Ronja Furrer ist mit sich zufrieden
Ronja Furrer ist mit sich zufrieden. «Aber meine Füsse mag ich nicht.»

Sie haben Ihren Beruf auch schon als Hochleistungssport bezeichnet, weil Sie vor den Shows in Topform sein müssen. Dennoch mussten Sie sich auch schon anhören, Sie seien zu dick.

Heute macht mir das nicht mehr so viel aus wie früher. Ich habe gelernt, dass ich solche Kommentare nicht persönlich nehmen darf. Wichtig ist, dass ich mit mir selbst zufrieden bin. Dann kann ich so etwas ignorieren.

Und – sind Sie zufrieden?

Unsicherheiten haben alle, auch Models. Und auch ich bin mal mehr und mal weniger mit mir zufrieden. Am wenigsten gefallen mir meine Füsse. Dort zeigen sich die elf Jahre Modelbusiness: Ich trage eigentlich Schuhgrösse 40, aber die Schuhe für Shows und Shootings haben meist Grösse 38. Da leiden die Füsse.

Ihre frühere Agentur meinte, Sie müssten noch abnehmen.

Ja. Für die Shows wird ein Hüftumfang von weniger als 87 Zentimeter verlangt. Deshalb habe ich einen Personaltrainer engagiert. Kommt hinzu, dass ich von Natur aus nicht gerade kleine Brüste habe. Das finden die Entscheidungsträger in diesem Business nicht attraktiv, viele sind schwul und stehen eher auf knabenhafte Körper. Heute fühle ich mich gut so, wie ich bin.

Sie sind pausenlos unterwegs ...

Ja, bin ich. Mein Lebensmittelpunkt ist New York. Und wenn ich in Europa bin, versuche ich stets auch, in die Schweiz zu reisen. Ich bin ein extremer Familienmensch: Mir ist es wichtig, meine vier Schwestern, meinen Bruder und meine ­Eltern regelmässig zu besuchen.

Sind Ihre Geschwister stolz auf Sie?

Ich mache diesen Job seit elf Jahren. Meine Geschwister «chrampfen» genauso hart wie ich. Weil mein Beruf spezieller ist, heisst das nicht, dass ich besser bin als andere. Aber klar, meine Geschwister sind stolz auf mich – genau so, wie ich auf sie stolz bin.

Beim Casting «New Face by Ronja Furrer» haben Sie gemeinsam mit «20 Minuten Friday» Ende 2017 Nachwuchsmodels gesucht. Weshalb?

Ich möchte diese Mädchen unterstützen, als eine Art Coach. Niemand kennt diesen Job so gut wie ein Model. Agenten können sich in viele Situationen hineinversetzen, aber vor Ort ist man allein – zum Beispiel, wenn man im Hotelzimmer ankommt. Ich kam mit 14 Jahren nach Paris, mutterseelenallein. Ich musste sehr rasch selbständig werden und hätte mir gewünscht, jemanden zum Reden zu haben.

Was raten Sie dem Nachwuchs?

Sich selbst zu bleiben, sich nicht ausnutzen oder krank machen zu lassen. Und wenn dir jemand sagt, deine Nase sei zu gross, ignoriere es und geh weiter deinen Weg.

Wie betreuen Sie die Gewinnerin?

Ich habe die 16-jährige Anja Blagojevic nach Paris zu einer Agentur begleitet, die Interesse an ihr zeigte. Allerdings hat Anja noch nicht so viele Möglichkeiten, als Model zu arbeiten, weil sie erst in eineinhalb Jahren das Gymnasium beenden wird.

Was halten Sie von Castingserien wie «Germany’s Next Topmodel»?

Sie zeigen nicht die Realität. Ich habe in meiner Karriere beispielsweise noch keinen einzigen Zickenkrieg erlebt. Im Gegenteil: Wir Schweizerinnen in New York – Manuela Frei, Anja Leuenberger und ich – unter­stützen uns gegenseitig, gehen gemeinsam ins Kino und kochen zusammen. Und wir finden es schön, wenn wir wieder einmal Schweizerdeutsch reden können. Falsch ist auch der Eindruck, für Models werde der rote Teppich ausgerollt oder sie wohnten nur in den teuersten Hotels. Als ich 15 Jahre alt war, teilte ich mal eine Unterkunft mit zehn anderen Girls – in einem Appartement, das eigentlich für fünf Personen eingerichtet war.

Würden Sie nach diesen Erfahrungen später Ihren eigenen Kindern empfehlen, eine Modelkarriere einzuschlagen?

Ja. Meine Kinder sollen machen können, was sie wollen.

Was hat Sie damals bewogen, mit 14 Jahren am «Elite Model Look» teilzunehmen?

Mein Grossvater meldete mich damals zum Contest an. Ich wusste nichts davon. Bis dahin war ich noch nie aus Solothurn rausgekommen. Ich war nur schon nervös, weil ich nach Zürich reisen musste.

Ohne Social Media geht im Modelbusiness gar nichts
Ohne Social Media geht im Modelbusiness gar nichts mehr.

Was gefällt Ihnen am Modelberuf?

Das Reisen. Ich lerne viele Orte und kreative Leute kennen – das sind Privilegien. Die Menschen, denen ich begegne, haben viel erreicht. Ich kann von ihnen immer wieder lernen. Vom Designer Ralph Lauren etwa habe ich Geduld gelernt. Ihn bewundere ich auch, weil er seit so vielen Jahren konstant auf höchstem Niveau arbeitet. Trotzdem ist er bodenständig geblieben und fair zu allen.

Was gefällt Ihnen weniger an Ihrem Job?

Die sozialen Medien haben unsere Branche komplett verändert. Ich finde sie nicht nur positiv, sie zeigen oft nicht die Realität. Ich versuche, mein Privatleben nur gefiltert abzubilden. Dennoch muss ich auf Social Media präsent sein, das ist Teil des Modelbusiness. Es ist zusätzliche Werbung für die Labels, die ich repräsentiere.

Steigert eine hohe Anzahl Follower die Gage oder die Chancen, gebucht zu werden?

Ja, es gibt Models, die deswegen gebucht werden. Allerdings gibt es immer mehr eingekaufte Followers oder falsche Accounts. Auch darauf achten die Kunden vermehrt.

Mit einer weltweit laufenden Kampagne wie der von Ralph Lauren verdienen Sie 40'000 bis 80'000 Franken. Wie lange arbeiten Sie für einen solchen Auftrag?

Das ist sehr unterschiedlich, mal einen Tag, mal drei Tage. Mit einer Fashionshow verdient man vielleicht 100 Franken. Wegen des Geldes macht das niemand.

Dennoch sind die Shows bei Models sehr begehrt. Warum?

Weil sie gut für das Image sind. An den Shows sehen einen wichtige Leute, damit bleibt man im Gespräch und hat die Chance auf weitere Aufträge. Auch mit einem Auftritt in der «Vogue» verdient man nichts. Manchmal muss ich für solche Shootings sogar die Anreise und das Hotel selbst bezahlen. Was wirklich Geld bringt, sind Engagements für Kampagnen und Kataloge.

Lässt sich nicht mehr alles gefallen
Lässt sich nicht mehr alles gefallen: Ronja Furrer verabschiedet sich auch mal, wenn die Bedingungen unzumutbar sind.

Sie haben auf Instagram mal den Hashtag «fromsolothurntonewyork» gepostet. Drückt das auch das Erstaunen über Ihre Karriere aus?

Absolut. Eigentlich müsste es ja «fromlüterkofentonewyork» heissen. Nur kennt keiner den Ort. Mein Weg zeigt aber, dass es in vielen Gegenden brachliegendes Modelpotenzial gibt – manchmal auch im hintersten Dorf. In der Schweiz wird unser Beruf jedoch nicht als seriös anerkannt und gefördert. Vielmehr bringt man ihn hier mit Magersucht, Drogen und Dramen in Ver­bindung – total realitätsfremd. Das versuche ich zu ändern, deshalb auch das Coaching für junge Models.

Wie haben Sie sich in den elf Jahren Modebusiness verändert?

Ich bin erwachsen geworden (lacht). Ich kam damals als kleines Landmeitli, das nur das Dorf kannte, nach Paris. Ich bin quasi über Nacht erwachsen geworden. Heute bin ich härter – nicht als Mensch, sondern im Geschäft. Ich lasse mir nicht mehr alles bieten.

Zum Beispiel?

Ich entscheide selbst, welche Jobs ich annehme. Einmal wurden wir Models für ein Casting bei Calvin Klein und Balenciaga auf 21 Uhr bestellt. Die Verantwortlichen liessen uns in einem engen, heissen Raum stundenlang warten, ohne Essen und Trinken. Kurz vor Mitternacht ging ich – selbst­verständlich bekam ich danach keinen Platz in der Show. Das war der Preis, den ich dafür bezahlte.

Können Sie sich das leisten?

Eigentlich nicht. Wenn jedoch alle Kandidatinnen in so einem Moment weglaufen würden, hätte das eine Signalwirkung. Ich wünschte mir deshalb, die Models wären solidarischer. Ich verstehe aber auch, wenn die ganz jungen dort bleiben. Mit 14 hätte ich auch noch ausgeharrt.

Ihre Kollegin Binx Walton sagte, Models würden wie Wegwerfware behandelt.

Ja, teilweise. Das Geschäft ist extrem schnelllebig. Heute gibt es einen Hype um dich und morgen bist du schon wieder weg vom Fenster. Noch nie gab es so viele Models wie heute. Wenn sich eine gute Chance bietet, muss man zugreifen und alles geben.

Überlegen Sie bereits, wie lange Sie in dieser Branche noch arbeiten können?

Nicht, wie lange ich kann, aber wie lange ich noch will. Derzeit macht mir der Beruf noch viel Spass. Ich kann Geld für meine Zukunft sparen. Ich möchte selbständig bleiben und habe viele Projekte wie eben «New Face». Ich werde wohl noch ein, zwei Jahre in New York wohnen. Dann ist sicher auch die Familienplanung ein Thema. Ich möchte Kinder – heiraten muss aber nicht unbedingt sein. Mir wäre es hingegen wichtig, dass meine Kinder in der Schweiz aufwachsen. Deshalb könnte ich mir vorstellen, in ein, zwei Jahren zurück in die Schweiz zu kommen.

Sie sind seit fünf Jahren mit dem Rapper Stress liiert. Was verbindet sie?

Wir verstehen uns blind. Er motiviert mich in meinem Beruf, ich ihn in seinem. Wir sind beide ehrgeizig. Immer wieder wird gesagt, Fernbeziehungen funktionierten nicht. Bei uns ist es das Gegenteil: Jedes Mal, wenn wir uns sehen, fühle ich mich wie frisch verliebt. Ich bin noch immer nervös und freue mich sehr auf das Wiedersehen. Wir versuchen, uns etwa alle drei Wochen zu sehen. Andres lebt mehr in der Schweiz, besucht mich ab und zu auch in New York. In meinem Job ist es aber schwierig, Treffen zu planen.

Mögen Sie seine Musik?

Mega! Beim Workout höre ich aber gern Heavy Metal. Meine Eltern hatten eine Metal-Band, und so war das die Musik meiner Kindheit. Anstatt Kinderlieder zu hören, sassen wir alle vier am Sonntag headbangend auf dem Sofa. Ich mag auch Hip-Hop und je nach Stimmung Klassik.

Wie sieht eine typische Modelwoche aus?

Im Schnitt habe ich zwei bis drei Shootings pro Woche – sie können von 8 bis 24 Uhr dauern, aber auch von 9 bis 17 Uhr. Der Rest besteht aus Castings. Es kann jederzeit sein, dass ein Agent anruft und sagt: Heute Abend fliegst du nach Südafrika. Man muss stets parat sein. Das musste ich lernen, und anfangs hatte ich auch Heimweh. Im Moment ist viel Training angesagt – zwei Stunden Sport pro Tag. Denn am 8. Februar beginnt in New York die Fashion Week, und ich möchte dort laufen. Ob ich es dann wirklich in die Show schaffe, erfahre ich aber vielleicht erst einen Tag vor dem Anlass.

Sie haben mehrere Tätowierungen ...

Ja. Auf der Innenseite meiner Unterlippe steht in bläulichen Buchstaben «Faith», unterhalb des Nackens habe ich ein Tattoo, das meine Mutter designt hat; sie hat das gleiche, es steht für Liebe. Dann trage ich die Initialen meiner Geschwister und eine Feder, die ich mit 17 in Paris stechen liess. Sie ist ein Symbol für Freiheit. Und am linken Arm steht in indischen Buchstaben: «loslassen, vorwärtsschauen und weitergehen».

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