13. September 2017

Romantisches Refugium

Sue Hirschi gärtnert sozusagen unter den Fittichen der Muttergottes: Ihr liebevoll gepflegtes Hinterhofidyll liegt neben der Jesuitenkirche in Solothurn – eine blühende und duftende Oase inmitten der Altstadt.

Sue Hirschi unter ihrer Birke
Die von selbst «angeflogene» Birke ist Sue Hirschis besonderer Liebling.
Lesezeit 4 Minuten

Wer an Sue Hirschis Haustür klingelt, hat bereits eine kleine Zeitreise durch das alte Solothurn hinter sich – vorbei an barocken Prunkbauten und symbolträchtigen Brunnen, mitten durch das Gewirr mittelalterlich anmutender Häuser, deren trutzige Fassaden, schmiedeeiserne Fenstergitter und massive Haustüren wenig einladend wirken.

Wird einem dann aber die Tür geöffnet und tritt man durch den schmalen Gang in den Innenhof, ist das Staunen gross: Überragt vom Rathausturm und von der Marienstatue auf der Jesuitenkirche, findet sich hier eine grüne Insel, die das Leben da draussen weit entfernt erscheinen lässt.

Diverse Kräuter
Nur ein paar Schritte von der Küche entfernt: alles, womit sich das Essen verfeinern lässt.

Eine Birke filtert das grelle Sonnenlicht, Kletterrosen umschlingen einen metallenen Rosenbogen, wilder Wein erklimmt die Wände der umliegenden Häuser und hangelt sich dabei von Fensterladen zu Fensterladen, Stoffwimpel in Glacefarben flattern im Wind, und in einem kleinen Teich dümpelt eine Seerose. Von ausserhalb dringt nur das Läuten der Kirchenglocken rundum in das Idyll. Und das leise Rauschen einer Abluftanlage: Sue Hirschis Terrasse liegt oberhalb der Küche eines benachbarten Restaurants – wer in die Knie geht, kann den Köchen in die Töpfe schauen.

Unter einem asiatisch angehauchten Sonnenschirm ist der Kaffeetisch bereits gedeckt: Ein zartes Rosendekor schmückt das Porzellan, Herzchen zieren die Gläser und Vögelchen die Servietten. Die Gastgeberin schmunzelt: «Ich bin halt ‹es bitzeli› eine Romantikerin.» Sagts und bückt sich zu Katze Lulu hinunter, die ihr maunzend um die Beine streicht und hochgehoben werden will.

Die Farbe Rosa gibt den Ton an

Die 28-jährige Berufsschullehrerin, die gerade mit dem Master- Studium begonnen hat, ist vor acht Jahren mit ihrem Mann in die Solothurner Altstadt gezogen. Damals präsentierte sich der Innenhof noch recht ­unansehnlich: Die Birke, die sich zwischen zersprungenen Gartenplatten selbst ein Plätzchen gesucht hatte, ein Teich, dessen Folie vom Zahn der Zeit dermassen angenagt war, dass er nicht mehr dicht war, und Unkraut – das wars.

Sue Hirschis Hinterhofgarten
Mit dem Herbst wird der Hinterhofgarten immer schattiger, was die Wahl der Pflanzen einschränkt.

Als Erstes pflanzte Sue Hirschi eine Glyzine. Sie schlingt sich nun über drei Etagen an der Regenrinne hoch und erfreut mit ihrer blauen Blütenpracht die Besitzer der Dachterrasse des Nachbarhauses. Es folgten ein Apfelbäumchen, das Jahr für Jahr mehr Früchte trägt, ein Flieder mit zart duftenden Blüten und – Achtung, Romantik! – diverse rosa und rot blühende Kletter- und Buschrosen: «Die klassischen Edelrosen finde ich langweilig. Rosen sollen verspielt und verträumt sein – und duften», erklärt die Hobbygärtnerin ihre Wahl.

In den unzähligen, auf der Terrasse platzierten Blumentöpfen herrschen ebenfalls Rosatöne vor: Die Geranien präsentieren sich in Knallpink, Echinacea, Fetthenne und Herbstanemone in Zartrosa, ein Oleander leuchtet in warmem Rot. Die Solothurnerin baut aber auch Gemüse an: Zum Geburtstag hat sie von ihrem Mann und ihrem Schwiegervater ein selbstgebautes Hochbeet geschenkt bekommen. Diesen Sommer hat sie sich mit Erfolg im Kultivieren von Salat, Zuckermais, Peperoni und Peterli versucht. Die Tomaten sind unterdessen vom Hochbeet an die Hauswand umgezogen. «Dort sind sie geschützter.»

Trauben
Die Trauben an der Pergola haben es trotzdem noch jedes Jahr bis zur Reife geschafft.

Während der warmen Jahreszeit ist im Hinterhofgärtchen jeden zweiten Abend eine Stunde Giessen angesagt. «Töpfe trocknen halt rascher aus», erklärt Sue Hirschi. Unterstützt wird sie dabei von einer pensionierten Nachbarin. Diese greife auch ein, wenn der Sturm mal wieder diverse Töpfe (eigene und die der Dachterrasse rundherum) «über Chopf» geworfen habe: «Von ihrer Wohnung im zweiten Stock aus hat sie den totalen Überblick.» Die abendlichen Giessaktionen werden oft von den Kamikazeflügen diverser Fledermäuse begleitet, die in den Dachstöcken der Altstadt hausen und vom Licht der Laternen angelockt werden.

Ihre Freude am Gärtnern hat die junge Frau übrigens von ihrer Mutter geerbt, von einem grünen Daumen will sie aber nicht sprechen: Sie könne zwar pflanzen, düngen und schützen – «wachsen muss es von selbst». Und was nicht wachsen wolle, müsse Platz für anderes machen: «Da bin ich rigoros.»

Fragt man Sue Hirschi, was ihr zu ihrem Gartenglück noch fehle, muss sie nicht lang überlegen: «Ein Bad. Bloss keins aus Plastik, sondern am liebsten ein grosses, altes Käsechessi.» Ganz romantisch halt.

Benutzer-Kommentare