17. August 2018

Roland Burkart ist vom Leben gezeichnet

Von Hollywood nach Luzern: Der aktuelle US-Kinostreifen «Don’t Worry – Weglaufen geht nicht» handelt von einem jungen Mann, der nach einem Unfall querschnittsgelähmt ist und ein erfolgreicher Comiczeichner wird. Das gleiche Schicksal hat auch Roland Burkart aus Luzern getroffen.

Roland Burkart
Seit seinem Unfall zeichnet Roland Burkart mit der linken Hand. Die Bewegungen kommen aus der Schulter.

Wer hat nicht schon darüber nachgedacht, wie das eigene Leben wohl als Film aussähe. Wäre es eher Komödie oder eher Drama? Welche Darsteller spielten die Hauptfiguren? Und böte die Biografie überhaupt genug Stoff für einen 100-minütigen Kinoabend?

Roland Burkarts Leben war ganz normal: Er wuchs behütet und unbeschwert in der Agglomeration von Luzern auf, absolvierte nach der Schule eine Malerlehre, arbeitete in dem Beruf. Als er 22 war, zog er mit seinem Bruder Daniel in die erste eigene Wohnung. Nicht gerade hollywoodtauglich.

Und doch läuft «seine» Geschichte jetzt im Kino. Es ist reiner Zufall, dass Burkarts Leben und das der Hauptfigur John Callahan im aktuellen Film «Don’t Worry» so viele Parallelen aufweisen. Beide waren junge, gesunde Gebäudemaler, beide hatten einen Unfall und sind seither gelähmt, beide sind gefragte Comiczeichner geworden. «John Callahan und ich wurden brutal aus dem Leben geworfen», sagt Burkart, während er mit dem Rollstuhl an seinen Esstisch kurvt.

Den Film hat er bereits gesehen. Einen Unterschied möchte er herausstreichen: «Im Gegensatz zu Callahan habe ich zum Glück kein Alkoholproblem.» Dessen Schicksal besiegelt sich denn auch während einer nächtlichen Sauftour: Auf dem Weg zur nächsten Party erleidet er einen schweren Autounfall.


«Es wird für immer unklar bleiben»
Roland Burkarts Leben gerät an einem gewöhnlichen Arbeitstag aus den Fugen. Es ist der 19. Juli 2007, in Emmenbrücke LU muss eine Metallkonstruktion renoviert werden. Der Auftrag für die Maler: abschleifen, grundieren, streichen. Der 26-jährige Roland Burkart mag seinen Job. Vor allem im Sommer, wenn es heiss ist, er auf dem Gerüst steht und die anderen drinnen im Büro schwitzen. Er ist gut drauf, zwei Monate zuvor hat er seine Freundin Alexandra kennengelernt. «Ich habe nie damit gerechnet, dass mir etwas Schlimmes passieren könnte», sagt er heute.

Und doch stürzt er plötzlich vom Gerüst in einen Lichtschacht – zehn Meter in die Tiefe. Warum er fiel, weiss er nicht. An den Zeitraum ab rund einer Stunde vor dem Unfall fehlt ihm jegliche Erinnerung. Und niemand hat ihn stürzen sehen. «Es wird für immer unklar bleiben.»

Sein Arbeitskollege, der nur kurz weg war, findet ihn. Sofort wird Roland Burkart ins Kantonsspital Luzern gebracht und notoperiert. Drei Wochen lang liegt er im Spital; diese Zeit kommt ihm vor wie ein langer, dumpfer Traum. «Trotzdem hatte ich irgendwie schon begriffen, was geschehen war. Ich konnte vieles verarbeiten.» Erst im Paraplegiker-Zentrum in Nottwil LU wacht er richtig auf. Die Diagnose: Tetraplegie. Roland Burkart ist vom fünften Halswirbel an gelähmt – etwa ab Höhe des Schlüsselbeins spürt er nichts mehr. Die Beine, die Hände und ein Teil der Arme sind betroffen. Doch er ist froh, überhaupt noch am Leben zu sein.

Burkarts Umfeld ist geschockt. Die Freundin, die Eltern, der Bruder. Auch viele Bekannte erfahren von dem Unfall, manchmal besuchen ihn gleich zehn Leute am Tag. Das sei ihm fast ein bisschen zu viel gewesen, gesteht er rückblickend.

Roland Burkart sitzt seit elf Jahren im Rollstuhl. Die Diagnose nach dem Unfall: Tetraplegie.

Die Filmfigur John Callahan bekommt von niemandem Besuch – seine Leidensgeschichte spielt sich im Jahr 1972 ab, als die medizinische Behandlung viel umständlicher ist. Er sei froh, dass er in Nottwil nicht wie Callahan kopfüber in einem Drehbett hängen musste, sagt Burkart schmunzelnd. Im Paraplegiker-Zentrum muss er dafür lernen, wieder selber zu essen und zu trinken, mit dem Rollstuhl zu fahren. «Es geht darum, die Körperteile zu gebrauchen, die man noch gebrauchen kann», erklärt er. Zum Beispiel die Schultern. Oder den Mund: Damit beginnt er, nach einigen Monaten einen Stift zu fixieren.

Vor dem Unfall hatte er gerne gezeichnet. Er versucht, einen Menschen aufs Papier zu bringen. Doch es ist deprimierend. «Ich habe wie ein Kind gezeichnet – nein, ein Kind zeichnet viel besser!» Aufgeben kommt trotzdem nicht infrage: Irgendwann gehts mit dem Mund ganz gut, dann sogar mit der Hand. Den Stift zwischen den Fingern spürt er nicht, die Bewegungen kommen aus der Schulter.

Das Zeichnen gibt mir eine Befriedigung. Ich kann eine Idee zu Papier bringen und freue mich, wenn sie gelingt.

Weil er im Paraplegiker-Zentrum nicht nur seinen Körper neu ordnen muss, sondern sein ganzes Leben, rät ihm der Berufsberater, eine gestalterische Karriere anzupeilen. Er gibt ihm eine Liste mit möglichen Berufen: Regisseur, Illustrator, Künstler. Roland Burkart setzt sich ein Ziel nach dem anderen. Nach elf Monaten in Nottwil holt er erst mal die Berufsmatur nach. Dann absolviert er den gestalterischen Vorkurs – und schafft die Aufnahmeprüfung für das Illustrationsstudium an der Hochschule für Design und Kunst in Luzern. Im Gegensatz zu John Callahan lernt er dort das Handwerk von Grund auf und schliesst sein Studium mit einer aufwendigen Arbeit ab: Im Comicbuch «Wirbelsturm» verarbeitet er seine Erlebnisse mit der Querschnittslähmung.

Nicht immer macht der Körper mit
«Das Zeichnen gibt mir eine Befriedigung», sagt Roland Burkart. «Ich kann eine Idee zu Papier bringen und freue mich, wenn sie gelingt. Das Beste ist natürlich, wenn andere Leute sie auch gelungen finden.» Immer wieder muss er Aufträge ablehnen. Es gilt, einen Mittelweg zwischen Arbeit und Tetraplegie zu finden. Denn nicht immer kann der Körper mithalten. Roland Burkart zeichnet viel langsamer als ein Künstler, der nicht gelähmt ist. Seinen Stil bezeichnet er als linear, mit spontanen Strichen, «aus dem Handge..., äh, aus der Schulter heraus». Noch hat sich seine Sprache nicht ganz an die körperliche Situation angepasst. Roland Burkart schmunzelt. «Jedenfalls sollen meine Zeichnungen roh bleiben, nicht perfekt sein.» Jeden Freitag erscheint sein Comicstrip «Sigfried» im «Tages-Anzeiger».

Auch John Callahan veröffentlicht in Zeitungen – und erntet nicht nur positive Reaktionen. Denn mit seinen politisch unkorrekten Cartoons nimmt er alles und jeden auf die Schippe. Bei Roland Burkart gibt es manchmal auch Leser, die seinen Humor falsch – «oder einfach gar nicht» – verstehen. Natürlich macht er trotzdem weiter, die Fangemeinde ist grösser als das Kritikerlager.

Müssen alle, die gelähmt sind, eine solche Passion entwickeln? Roland Burkart überlegt. «Als Lebewesen braucht man einen Sinn», sagt er. Für ihn besteht er im Zeichnen. Bei vielen Rollstuhlfahrern sorge Sport für Lebensinhalt; auch er betreibt einmal in der Woche Rollstuhlrugby. Daneben unternimmt er viel mit seiner Ehefrau Alexandra. Für sie war damals klar, dass sie bei ihm bleiben würde, vor zwei Jahren haben die beiden geheiratet. In der gemeinsamen Wohnung hängen Zeichnungen von Rolex-Uhren. Das sei ihr Emblem: Roland + Alex = Rolex.

Eine Liebesgeschichte darf auch John Callahan erleben – nach dem Unfall wendet sich alles zum Guten. Und wie Callahan sieht Roland Burkart keinen Grund, lange mit dem Schicksal zu hadern. Er blickt nicht oft zurück, denkt nie: Was wäre, wenn ...? Er liebt es zu reisen, ist vielseitig interessiert, arbeitet gern. «Ich habe mein ganz normales Leben zurück.»

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